Afghanistan

Für die Evakuierung läuft die Zeit davon

Bis zum 31. August will US-Präsident Joe Biden seine Truppen endgültig aus Afghanistan abziehen. Das setzt Deutschland und die anderen Verbündeten unter Zeitdruck.
Afghanistan - Evakuierung
Foto: - (Italian Defense Ministry/AP) | Afghanen stehen in einer Warteschlange, um in ein Flugzeug der italienischen Luftwaffe vom Flughafen Kabul evakuiert zu werden.

Der Termin ist gesetzt. US-Präsident Joe Biden hält daran fest, bis zum kommenden Dienstag die US-Truppen endgültig aus Afghanistan abzuziehen. Das hat Konsequenzen für die Verbündeten, also auch für Deutschland. Denn um Menschen aus Afghanistan ausfliegen zu können, sind die Verbündeten auf die US-Truppen angewiesen, die den Flughafen in Kabul absichern. Die Bundesregierung plant derweil wohl, ihre militärischen Rettungsflüge aus Afghanistan noch vor dem Wochenende zu beenden. Der letzte Flug der Luftbrücke für deutsche Staatsbürger und gefährdete Ortskräfte könnte nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur demnach bereits an diesem Freitag organisiert werden. Zunächst hatte das Wirtschaftsmagazin "Business Insider" über diese Pläne berichtet.

Weiter auf dem Landweg evakuieren

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Ein Sprecher des Verteidigungsministeriums sagte dazu nun am Mittwoch, er könne Medienberichte weder dementieren noch bestätigen. Am Dienstag seien mit fünf Flügen insgesamt 983 Menschen aus Kabul ausgeflogen worden, seit Beginn der Luftbrücke 4654 Menschen. Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) hatte erklärt, die Bundeswehr werde Menschen ausfliegen "solange es geht, so viele wie möglich".

Wie ist aktuell die Lage im Land? Ein Taliban-Sprecher sagte auf Nachfrage der Deutschen Presse-Agentur, dass aufgrund des Andrangs am Flughafen sich dort keine Afghanen ohne geeignete Dokumente für eine Ausreise ansammeln dürfen. Die deutsche Botschaft in der afghanischen Hauptstadt versandte in der Nacht zu Mittwoch einen sogenannten Landsleute rief. Deutschland plane weiterhin Evakuierungsflüge mit der Bundeswehr und zudem mit anderen befreundeten Staaten Flüge von Kabul ins Ausland. Gleichzeitig prüfe man weitere konkrete Maßnahmen zur Ermöglichung der Ausreise. Aus Diplomatenkreisen hieß es in den vergangenen Tagen, nach Einstellung der Evakuierungsflüge könnten die zu Evakuierenden möglicherweise auf dem Landweg in Drittstaaten ausreisen und von dort nach Europa geflogen werden. Beide Grenzübergänge nach Pakistan etwa sind aktuell geöffnet, allerdings brauchen Afghanen Visa für das Nachbarland.

Zunehmend aktive Terroristen

Der Chef des Bundeswehrverbandes, André  Wüstner, hat derweil noch einmal hervorgehoben, vor welche Herausforderungen das Festhalten der USA an dem Stichtag die Bundeswehr gestellt habe: "Das wird noch mal den Druck erhöhen", sagte er am Mittwoch im ZDF-"Morgenmagazin". Er wies auch darauf hin, dass in der von den militant-islamischen Taliban übernommenen Hauptstadt auch andere Terrorgruppen zunehmend aktiv seien. Sie würden sicher versuchen, "nochmal auf sich aufmerksam zu machen". Die Europäer merkten, dass sie nun kleinere Truppenteile für den Abzug vorbereiten müssten.

Natürlich plane auch die Bundeswehr Optionen für einen schnellen Abzug. Sie müsse nun sehen, dass sie über den Flughafen noch so viele einheimische Helfer der Deutschen mit ihren Angehörigen herausbringe wie möglich und dass die Soldaten heil zurückkämen. Danach müsse man sehen, dass man über Land, beispielsweise über die Nordgrenze, noch Leute herausbringe. Aber: "Wir wissen: Aktuell können wir nicht jedem helfen", sagte Wüstner. "Alle Versprechen wird man nicht halten können."

Lehren aus dem Fiasko

"Man muss Lehren ziehen aus diesem Fiasko", verlangte Wüstner. Europa sei nicht handlungsfähig. Ohne die USA im Rücken sei "deutsche Politik, europäische Politik, nur Beobachter großer und tragischer Ereignisse". Und er benannte eine konkrete Aufgabe für die nächste Bundesregierung: "Das heißt, dass man sich in der nächsten Regierung Gedanken machen muss, wie man selbst eigene militärische Handlungsoptionen entwickelt. Und das bedeutet natürlich auch, endlich mal Worten auch Taten folgen zu lassen und Militär entsprechend zu befähigen." Man sieht, das "Problem Afghanistan" wird in die nächste Legislaturperiode reichen. (Mit Material von dpa)

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