Politik

Freiheit zur Alternative

Ein Plädoyer für das Verbot des Kinderkopftuches – Ein Gastbeitrag. Von Boris Palmer
Schülerin mit Kopftuch
Foto: dpa | Mit 14 Jahren wird man religionsmündig. Bis zu diesem Alter will der Tübinger Oberbürgermeister Boris Palmer das Kinderkopftuch verbieten.

Eine multikulturelle Gesellschaft muss für alle offen sein. Sie darf nicht zulassen, dass manche ihrer Mitglieder in religiösen oder geschlechtsspezifischen Parallelgesellschaften abgeschottet werden und keine Möglichkeit zur Teilhabe erhalten. Muslimische Mädchen haben ein Recht darauf, dieselbe Entscheidungsfreiheit für den einen oder anderen Lebensentwurf in Anspruch zu nehmen wie alle anderen Kinder auch. Zur Entscheidungsfreiheit gehört aber, dass man die Alternativen kennenlernt, frei von Druck, Mobbing oder gar Angst. Ein Verbot des Kinderkopftuchs soll genau diese Freiheit garantieren: damit die Entscheidung für oder gegen das Kopftuch tatsächlich eine Entscheidung ist.

Rechts-links-Schema wird Problem nicht gerecht

Das ist die Position der Frauenrechteorganisation Terre des Femmes, die in Tübingen gegründet wurde und der ich aus diesem Grund eng verbunden bin. An der Debatte über das Kinderkopftuch zeigt sich im Brennglas, dass Migrationsthemen nicht allein nach dem gängigen rechts-links und gut-böse-Schema debattiert werden können. Hier ist die liberale und linke Mitte bis hin zur Frauenbewegung verunsichert und gespalten. Mit der Abgrenzung nach rechts ist die Frage nicht zu entscheiden. Eher im Gegenteil: Der Versuch, das Verbot des Kinderkopftuchs schon durch den Hinweis zu delegitimieren, dass diese Forderung auch Islamhassern und Ausländerfeinden leicht über die Lippen geht, ist intellektuell unredlich und politisch unzulässig. Wir dürfen unsere Debatten und deren Ergebnis nicht davon bestimmen lassen, was die AfD oder Rechtsextreme dazu sagen.

Ich bin ganz entschieden für das Verbot des Kinderkopftuchs in Bildungseinrichtungen bis zum Erreichen der Religionsmündigkeit im Alter von 14 Jahren. Nach meiner Überzeugung ist es falsch verstandene Toleranz, wenn wir erlauben, dass schon Grundschulkinder in unserem Land in dem Glauben erzogen werden, Gott verlange von ihnen, ein Kopftuch zu tragen. Denn die Erfahrung lehrt, dass sich nur sehr wenige von solchem Aberglauben freimachen können, wenn er von Kindesbeinen eingeprägt wird. Umgekehrt ist sehr leicht, sich als erwachsener Mensch einer bestimmten Religionsgemeinschaft anzuschließen und deren Regeln zu akzeptieren. Wir sollten keinem religionsmündigen Menschen dazu Vorschriften machen, aber umgekehrt sollten wir auch nicht akzeptieren, dass Kindern die Chance genommen wird, ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. Und daran kann für mich kein Zweifel bestehen: Eine Frau, die in unserem Land unter keinen Umständen ohne Kopftuch gesehen werden möchte, die verbaut sich viele Chancen und trägt Konflikte in unsere Gesellschaft, die das Zusammenleben erschweren. Ich gehe noch einen Schritt weiter, und sage ganz offen, dass ich die Erwartung und Hoffnung habe, dass derartige Kleidungsvorschriften von der zweiten oder dritten Generation der Einwandererinnen nicht mehr beachtet werden.

Scharia gehört nicht zu Deutschland

Der Islam gehört heute zu Deutschland. Die Scharia nicht. Und das Kinderkopftuch auch nicht. Kinderverschleierung ist nicht harmlos, sondern ein modernes Phänomen des islamischen Fundamentalismus. Es gibt keine koranische Vorschrift für eine Kinderverschleierung. Sexuelle Gewalt wird durch das Kopftuch nicht verhindert, sondern befördert, denn sie hat bekanntlich nichts mit der Kleidung des Opfers zu tun, sondern allein mit dem Frauenbild des Täters. Durch die Verbindung von Verschleierung mit Keuschheit und Reinheit verlagert Verschleierung die Verantwortung für sexuelle Gewalt vom Täter auf das Opfer. Je mehr Frauen sich verschleiern, desto mehr Übergriffe und religiös-sexuelles Mobbing gibt es. Ja, auch in Deutschland sind Frauenrechte eine neue Errungenschaft, das Wahlrecht gibt es erst seit hundert Jahren. Bis zur vollen Gleichberechtigung der Geschlechter ist es noch ein weiter Weg. Aber gerade deshalb gibt es keinen Anlass, den Einzug mittelalterlicher Vorstellungen von Mann und Frau unter der Flagge der Religionsfreiheit zu tolerieren. Frauenrechte sind nicht verhandelbar.

Der Autor ist Oberbürgermeister von Tübingen, er ist Mitglied von Bündnis 90/Die Grünen. In der nächsten Ausgabe wird eine Replik auf diesen Beitrag erscheinen.

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