Paris

Frankreichs Katholiken schwenken nach rechts

Im französischen Wahlkampf könnten Katholiken zum Zünglein an der Waage werden. Vor allem jüngere Konservative zieht es zum rechtsnationalen Eric Zemmour. Eine Ursachenforschung.
Anhängerinnen Eric Zemmours
Foto: IMAGO/Laurent Coust (www.imago-images.de) | Hilft jetzt nur noch Zemmour? Zwei Frauen halten Plakate zur Unterstützung des rechten Präsidentschaftskandidaten bei einer Wahlkampfveranstaltung in Toulon.

Der Kampf um das Amt des französischen Staatschefs biegt auf die Zielgerade ein: In gut drei Wochen findet der erste Wahlgang statt, in dem sich zwei der zwölf Präsidentschaftskandidaten für die Stichwahl am 24. April qualifizieren werden. Seit Beginn des Ukrainekriegs hat der amtierende Präsident Emmanuel Macron in allen Umfragen die 30 Prozent-Marke geknackt. Rechts der Mitte streitet man sich um den zweiten Platz: Die drei wichtigsten Herausforderer Macrons kabbeln sich um eine bürgerliche Wählerschaft, die traditionell konservativ oder national wählt, sich aber nicht mehr einer konkreten Partei zuordnen lässt. 

Marion Maréchal: Symoblfigur des jungen Katholizismus

Im Kampf um diese Klientel stand zuletzt Marion Maréchal im Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit. Anfang März stieg sie in den Wahlkampf Eric Zemmours ein und wandte damit ihrer Tante Marine Le Pen und ihrer ehemaligen Partei „Rassemblement National“ endgültig den Rücken zu, nachdem sie bereits 2017 aus der Partei ausgetreten war. Seit ihrem konsequenten Einsatz als Abgeordnete der Nationalversammlung während der großen Demonstrationen gegen die „Homo-Ehe“ 2012/2013 ist die praktizierende Katholikin zur Symbolfigur des jungen Katholizismus in Frankreich geworden. 
Auffällig ist, wie viele Katholiken sich mittlerweile rund um Zemmour tummeln. Figuren wie die 32-jährige Maréchal sprechen genau jene Wähler an, die möglicherweise den entscheidenden Unterschied im Rennen um die Stichwahl machen. Was zieht gerade junge Katholiken zu dem Polemiker, der sich regelmäßig den Vorwurf des islamophoben Rassisten gefallen lassen muss? Und wie groß ist ihr Gewicht in der kommenden Wahl wirklich?

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Im Gespräch mit der „Tagespost“ analysiert der Politologe und Historiker Guillaume Bernard das Wahlverhalten der regelmäßig praktizierenden Katholiken im Vergleich mit dem Durchschnitt der Bevölkerung. „Menschen, die mindestens einmal im Monat in die Kirche gehen, machen 13 bis 15 Prozent der gesamten Wählerschaft aus.“ In ihrem Wahlverhalten lasse sich eine deutliche Bewegung nach rechts beobachten: „Bis Ende der Neunzigerjahre wählten fünf Prozent der praktizierenden Katholiken die nationale Rechte. Heute sind es 20 Prozent, bei den Wählern unter 35 Jahren sogar 30 Prozent.“

Laut Bernard werden voraussichtlich 30 Prozent der praktizierenden Katholiken Macron ihre Stimme geben und 20 Prozent links wählen. „Die Frage ist, wer – die bürgerliche „Républicains“-Kandidatin Valérie Pécresse, Zemmour oder Le Pen – die andere Hälfte der Katholiken für sich gewinnen kann“, so Bernard. Es sei deutlich erkennbar, dass gerade die jüngere katholische Wählerschaft nicht mehr die gleichen Berührungsängste mit der Rechten habe wie ihre Elterngeneration. Mit dafür verantwortlich ist die Bewegung „Manif pour tous“, die 2012 und 2013 die Demonstrationen gegen die „Homo-Ehe“ organisierte. „Im Nebeneffekt hat die „Manif pour tous“ dazu beigetragen, die Grenzen zwischen den Wählern der bürgerlichen und der nationalen Rechten zu verschwischen. Auf den Straßen haben „Républicains“-Wähler und „Front National“-Anhänger gemeinsam gegen das Gesetz zur „Homo-Ehe“ demonstriert.

Das identitäre Moment zieht junge Katholiken an

Zemmour profitiert heute davon, dass die Wählerschaften im rechten Spektrum nicht mehr strikt voneinander abgegrenzt sind“, analysiert der Politologe. 
Tatsächlich hat gerade Marion Maréchal dazu beigetragen, den „Cordon sanitaire“ um den damaligen „Front“ und heutigen „Rassemblement National“ aufzubrechen. Die junge Katholikin lieferte ein unkonventionelles Bild der Le Pen-Partei, bekannte sich offen zu ihrem Glauben und hatte keine Probleme damit, auch Differenzen mit der Parteilinie zu benennen. 2015 lud das Bistum Toulon die damals jüngste Abgeordnete der französischen Nationalversammlung zu einer Podiumsdiskussion ein – ein Dammbruch seitens der Kirche, der die innerkirchliche Debatte um die „Wählbarkeit“ der Le-Pen-Partei befeuerte.

Tatsächlich hatte sich der Sprecher der französischen Bischofskonferenz, Olivier Ribadeau-Dumas, noch 2015 sehr deutlich gegenüber der Le-Pen-Partei geäußert: Viele Positionen des „Front National“ seien nicht mit dem Evangelium zu vereinbaren. Heute legen die französischen Bischöfe Wert darauf, sich nicht zu einzelnen Präsidentschaftskandidaten oder Parteien zu äußern, sondern lediglich die Prinzipien der katholischen Soziallehre zu erklären und die französischen Katholiken zu einer informierten Wahlentscheidung aufzurufen. Guillaume Bernard sieht darin eine Reaktion auf die Tatsache, dass heute einer von drei praktizierenden Katholiken unter 30 einen der beiden rechten Kandidaten wählen. 

Was gerade junge Katholiken zu Eric Zemmour zieht, ist für Guillaume Bernard eindeutig das identitäre Moment. Der Wahlkampfkandidat mit sephardisch-algerischen Wurzeln betont bei jeder Gelegenheit den unverzichtbaren Beitrag des katholischen Christentums zur Identität Frankreichs. Für ihn soll Frankreich auch in Zukunft durch seine christliche Kultur geprägt bleiben. „Jemand der sich wie Zemmour für die Anerkennung der christlichen Wurzeln der französischen Zivilisation einsetzt, zieht religiöse Menschen offensichtlich an,“ erklärt Bernard. Die aktuelle Situation verdeutlichte die nicht zu unterschätzende Rolle der Religion für die Identität eines sozialen Körpers, schließt der Politologe. 

La-Croix-Chefredakteurin: Zemmour instrumentalisiert das Christentum

Isabelle de Gaulmyn ist Chefredakteurin der linkskatholischen Tageszeitung „La Croix“. In ihren Augen instrumentalisiert Eric Zemmour das Christentum im Kampf gegen den Islamismus und das linke Fortschrittsdenken. Tatsächlich hätten Christen gerade in Frankreich gute Gründe, eine systematische Ausradierung aller christlichen Referenzen aus dem öffentlichen Raum zu befürchten, räumt die ehemalige Vatikanexpertin ein. „Auf der einen Seite stehen diejenigen, die aus säkularer Überzeugung und aus Angst vor dem Islam einen Kampf gegen alle Religionen begonnen haben, auf der anderen Seite diejenigen, die die Religion instrumentalisieren, um daraus eine kulturelle Identität zum Schutz vor dem Fremden zu machen. Beide entleeren den Glauben seines Inhalts“, so ihre Analyse. Das Evangelium habe nicht die Verteidigung der eigenen Identität oder des eigenen Landes, sondern die Nächstenliebe an die erste Stelle gesetzt. Europa sei in erster Linie durch den Bau von Krankenhäusern, Schulen und Zentren für die Ärmsten und Schwächsten christlich geworden, nicht durch das Errichten von Zäunen, so die 59-Jährige.

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Denis Jordan-Badoual ist 24 Jahre alt und Mitglied des Parteibüros von Zemmours Bewegung „Reconquête“ in der Region Burgund. Außerdem gehört er zum Team, welches Zemmours Positionen rund um die Thematik der Zivilgesellschaft vorbereitet und strukturiert. Eine Instrumentalisierung seiner Religion und der katholischen Kirche könne er bei Zemmour nicht entdecken, lässt der praktizierende Katholik gegenüber der „Tagespost“ verlauten. „Zemmour betont die kulturelle Vorrangstellung des Katholizismus in Frankreich. Mehr kann man von ihm nicht verlangen, da er gebürtiger Jude und selbst nicht gläubig ist“, so der junge Politiker. „Er sieht im Katholizismus aber nicht nur eine kulturelle Tatsache, sondern auch eine positive Kraft. So wie ich das sehe ist für Zemmour der Katholizismus die Religion, die mit ihren sozialen Werten am besten dazu in der Lage ist, eine ausgeglichene, gerechte und gute Gesellschaft zu formen.“

Das Politikverständnis seines immigrationskritischen Favoriten sieht Jordan-Badoual ebenfalls im Christentum verankert: „Das katholische Grundprinzip in der Politik ist die Nächstenliebe. Der heilige Augustinus sagt, dass wir die tätige Nächstenliebe zunächst den Menschen schulden, die uns am nächsten stehen. Das beginnt bei der Familie und geht schrittweise bis hin zum Land.“ Auch wenn Eric Zemmour aus dem Lebensschutz keine Priorität mache, sehe der Katholik auch hier seine Positionen am besten vertreten: „Als Katholik glaube ich, dass es objektive Güter gibt und Zemmour ist aktuell derjenige, der diese objektiven Güter am besten verteidigt.“

"Zemmour fehlt es an Nächstenliebe"

Albane Duteurtre ist Mitarbeiterin eines Parlamentsabgeordneten der „Républicains“ und im Wahlkampf von Valérie Pécresse zuständig für die Themen Familie und Armut. Sie stimme Eric Zemmour in vielem zu, betont aber gegenüber der „Tagespost“, dass er sich nicht als Präsident eigne. „Eric Zemmour ist sehr stark darin, aktuelle Zustände anzuprangern, zum Beispiel wenn es um den Islam und das Verschwinden des Christentums aus der Öffentlichkeit geht – mit Recht! Aber es braucht auch Lösungsvorschläge für die zukünftige Gesellschaft. Für mich als Katholikin ist zum Beispiel Familienpolitik und Umgang mit Einsamkeit und Armut wichtig. Dazu hört man von Zemmour wenig.“ Das Wahlprogramm der „Républicains“ sei an vielen Stellen konstruierter, konkreter und durchdachter. Und auch in dieser Partei, so betont die junge Frau, engagieren sich viele Katholiken. Ihre hauptsächliche Kritik gilt aber dem provokativen Stil des rechten Kandidaten: „Als Katholikin finde ich, dass es Eric Zemmour an Nächstenliebe fehlt. Für einen Präsidenten ist er zu polarisierend. Er würde zu einer noch weitergehenden Spaltung der Gesellschaft beitragen, anstatt sie zu einen.“

Die drei Herausforderer Macrons von rechts interessieren sich mit Recht für die Stimmen der praktizierenden Katholiken. Die tendenziell konservativ wählenden praktizierenden Katholiken machen rund sieben Prozent der wählenden Gesamtbevölkerung aus. Sie „machen“ alleine nicht die Wahl, sind aber möglicherweise das Zünglein an der Waage, welches über den Eingang eines Kandidaten in die Stichwahl entscheidet. Eric Zemmour wird nicht müde, offensiv die christlichen Wurzeln der französischen Nation zu betonen, was sich gut auf das nicht zuletzt durch die „Manif pour tous“ gewachsene Selbstbewusstsein junger Christen in der Politik reimt. Sie sind einen kirchenfeindlichen öffentlichen Diskurs gewohnt und trauen nur dem politischen Außenseiter „katho-kompatible“ Positionen zu. Christen egal welchen Lagers dürfen dabei nicht vergessen, neben der Form vor allem ihre inhaltlichen Überzeugungen in die Politik einzubringen.

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