Paris

Frankreichs Bioethik-Gesetz: Die Ideologie triumphiert

Der Mensch? Auch nur ein Produkt! Frankreich reformiert seine Bioethik-Gesetzgebung und lässt dabei keinen Stein mehr auf dem anderen.
Bioethik-Reform in Frankreich
Foto: imago stock&people | Der Mensch aus der Blechbüchse: Wird das Baby zur Ware?

In Frankreich können sich künftig auch alleinstehende Frauen und lesbische Paaren auf Kosten der Allgemeinheit einer künstlichen Befruchtung unterziehen. Mit 326 gegen 115 Stimmen beschloss die französische Nationalversammlung vergangenen Dienstag die heftig umstrittene Reform der Bioethik-Gesetze. 42 Abgeordnete enthielten sich der Stimme. Zuvor hatte sich die bürgerliche Mehrheit im Senat geweigert, die Novelle in dritter Lesung zu behandeln.
Bis dato standen künstliche Befruchtungen in Frankreich nur heterosexuellen Paaren offen, die seit mindestens zwei Jahren zusammenlebten. Außerdem musste wenigstens einer der Partner den medizinischen Nachweis der eigenen Unfruchtbarkeit erbringen. All das entfällt nun. Einzige Bedingung: Frauen, die sich einer künstlichen Befruchtung unterziehen wollen, dürfen nicht älter als 43 Jahre alt sein.

Bioethik-Gesetze alle sieben Jahre überarbeitet

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In Frankreich werden die Bioethik-Gesetze alle sieben Jahre überarbeitet. Im Verlauf des sich über mehrere Jahre hinziehenden Gesetzgebungsprozesses hatte die katholische Kirche in Frankreich das Vorhaben, das eines der zentralen Wahlkampfversprechen von Staatspräsident Emmanuel Macron darstellt, inhaltlich immer wieder vehement kritisiert. So erklärte etwa der Bioethik-Beauftragte der Französischen Bischofskonferenz, Rennes Erzbischof Pierre d?rnellas, mit der „Ausweitung künstlicher Befruchtungen“ treibe die Reform die Gesellschaft „in Richtung Kommodifizierung von Lebewesen und Entmenschlichung“. Der Vorsitzende der Französischen Bischofskonferenz, Reims Erzbischof Éric de Moulins-Beaufort, sprach nach der Abstimmung in einer ersten Reaktion vom „Triumph einer Ideologie“, welche die „Würde des Menschen“ von „veränderbaren Variablen“ abhängig mache. „Das Fundament der ,Bioethik französischer Art‘, auf die unser Land lange so stolz war, ist ausgelöscht: Die Würde jedes Menschen, ob klein oder groß, steht nicht mehr im Mittelpunkt“, erklärte de Moulins-Beaufort.

Mit der Öffnung der künstlichen Befruchtung für alleinstehende Frauen und lesbische Paare ist die „Prozession genetischer Torheiten“, wie d?rnellas die Novelle charakterisierte allerdings keineswegs an ihr Ende gekommen, wenn auch die Zeugung von Kindern, die des Vaters beraubt werden, in den Medien verständlicherweise besondere Aufmerksamkeit erfuhr. Die Solidargemeinschaft der Beitragszahler und der Steuerzahler, mit deren Beiträgen die chronisch klammen Krankenkassen regelmäßig aufgefüllt werden, sollen künftig auch das „Social Freezing“ bezahlen. So wird das Einfrieren von Eizellen ohne medizinische Indikation genannt. Es soll erneut allen Frauen ermöglichen, sich in jungen Jahren ganz auf Beruf und Karriere zu fokussieren und keine Rücksicht auf ihre „biologische Uhr“ nehmen zu müssen. Bisher kam dafür die Allgemeinheit nur in Ausnahmefälle auf, so etwa wenn die Strahlentherapie einer Krebserkrankungen die Fruchtbarkeit zu gefährden drohte.

Kosten zwischen 3.000 und 4.000 Euro

Bis zu vier Versuche einer In-Vitro-Fertilisation (IVF) sowie bis zu sechs Versuche einer künstlichen Befruchtung mit Spendersamen müssen die Krankenkassen laut Gesetz jeder Frau voll erstatten. In Frankreich betragen die Kosten für eine IVF pro Versuch zwischen 3.000 und 4.000 Euro. Eine künstliche Befruchtung mit Spendersamen schlägt pro Versuch rund 950 Euro zu Buche. In Ländern wie beispielsweise Deutschland, in denen Social Freezing schon länger erlaubt ist, berechnen die Reproduktionsmediziner 3.000 bis 3.500 Euro für einen „Behandlungszyklus“.

Was wie ein staatliches Konjunkturprogramm für Frankreichs Reproduktionsmediziner daherkommt, führt aber noch viele andere Grausamkeiten im Gepäck. Erstmals erlaubt das Gesetz nämlich nun auch, menschliche Embryonen, die bei künstlichen Befruchtungen auf Vorrat erzeugt und daher in vielen Fällen gar nicht zu Herbeiführung einer Schwangerschaft verwandt werden, genetisch mit Hilfe von Technologien wie der CRISPR/Cas9-Genschere zu modifizieren. Bislang war das in Frankreich verboten. Die modifizierten Embryonen müssen spätestens nach 14 Tagen vernichtet werden. Auch die Erzeugung von Mensch-Tier-Mischwesen gestattet das Gesetz nun zu Forschungszwecken. Künftig können Forscher in Frankreich induzierte pluripotente (IPS-Zellen) oder auch embryonale Stammzellen (ES-Zellen) in Tierembryonen einbringen und die auf diese Weise hergestellten Chimären beforschen.

Sogar die künstliche Erzeugung sogenannter „Rettungskinder“ erlaubt die Novelle. Sie sollen später als Stammzellspender für erkrankte Geschwister fungieren. Entfallen ist im Gegenzug die einwöchige Bedenkzeit, die bislang zwischen einem auffälligen pränatalen Befund und der in Auftrag gegebenen Abtreibung lag. Für die Architekten der Novelle der französischen Bioethik-Gesetze besitzen Kinder, so scheint es, weder eine unveräußerliche Würde noch maßgebliche Rechte, sondern haben nur noch einen Zweck. Sie haben die Wünsche derer zu erfüllen, die sie sich auf Kosten der Allgemeinheit zulegen.

Nur Leihmutterschaft bleibt noch verboten

Allein die Leihmutterschaft bleibt noch verboten. Das ist freilich inkonsequent und wird vermutlich deshalb auch nicht allzu lange so bleiben. Denn wieso lesbische Frauen bei der Kinderwunscherfüllung gegenüber homosexuellen Männern bevorzugt werden sollen, erschließt sich nicht und dürfte daher vermutlich bald auch von Gerichten „korrigiert“ werden. Schon jetzt erlaubt die Novelle den Behörden, Kindern die von einer ausländischen Leihmutter geboren wurden, als Kind der Auftraggeber anzuerkennen. Auch das war bislang verboten.

Frankreich ist, ließe sich mit Papst Franziskus formulieren, am „Virus des Individualismus“ erkrankt. Wie hoch hochgradig infektiös dieser ist, illustriert ein Tweet des deutschen SPD-Politikers Michael Roth. Der Staatsminister für Europa im Auswärtigen Amt jubelte einen Tag nach der Abstimmung im Pariser Palais Bourbon, wo das Unterhaus des französischen Parlaments zu tagen pflegt, über den Kurznachrichtendienst „Twitter“: „Die Nationalversammlung von Frankreich hat gestern einen historischen Schritt zur Gleichstellung gleichgeschlechtlicher und heterosexueller Paare unternommen. Allen, die endlich das Recht haben, eine Regenbogen-Flagge-Familie zu gründen, wünsche ich alles Gute! Gut gemacht! Vielen Dank!“

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