München

FDP und Kirche: Ein schwieriges Verhältnis

Wie schauen Christen in der FDP auf die gesellschaftspolitische Agenda einer Ampel-Koalition? Ein Gespräch mit Pater Lothar Bily SDB, Mitglied im Vorstand des Katholisch-Liberalen Arbeitskreises in Bayern.
Christen in der FDP
Foto: Paul Zinken (dpa) | Christian Lindner, Fraktionsvorsitzender und Parteivorsitzender der FDP, gibt nach einer gemeinsamen Sitzung des FDP-Bundesvorstand und der neugewählten Bundestagsfraktion zur Aufnahme von Koalitionsverhandlungen mit ...

Wie Feuer und Wasser – so hätte man über viele Jahrzehnte das Verhältnis zwischen der katholischen Kirche und dem organisierten politischen Liberalismus beschreiben können. Liberale waren es, die im Kaiserreich den Kulturkampf gegen die Katholiken befeuerten. Eine Grundhaltung, die auch bis weit in die Bundesrepublik die Politik der FDP geprägt hat. Doch in den letzten Jahrzehnten hat sich das Verhältnis der FDP zu den Kirchen ausdifferenziert. Mit Irmgard Schwaetzer -  war eine ehemalige FDP-Spitzenpolitikerin von 2013 bis Mai dieses Jahres Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland. Und der ehemalige Bundesvorsitzende und Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler, der sich im Erwachsenenalter im Jahr 2000 katholisch taufen ließ, betonte stets die Bedeutung des Glaubens für ihn. Christen haben also mittlerweile auch in der FDP eine politische Heimat gefunden. Aber was bedeutet das für die Programmatik der Partei?

Punkte, die Christen sauer aufstoßen müssen

Eine Frage, die mit Blick auf die gesellschaftspolitische Agenda einer künftigen Ampelkoalition an Relevanz gewinnt. Sowohl im Wahlprogramm der Partei als auch in dem zwölfseitigen Papier, das die Ampelparteien als Ergebnis ihrer Sondierungen nun vorgelegt haben und das die Basis für Koalitionsverhandlungen zwischen SPD, FDP und Grünen bilden soll, finden sich zahlreiche Punkte, die Christen sauer aufstoßen müssen – von der Familienpolitik bis hin zu Fragen des Lebensschutzes. Welche Rolle spielen die Christen in der innerparteilichen Diskussion über diese Punkte?

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Da gibt es etwa die „Christlichen Liberalen in Baden-Württemberg“. Vorsitzender des Vereins ist der Bundestagsabgeordnete Pascal Kober. Der 50-Jährige, der seit 2017 im Parlament sitzt, Pfarrer der Evangelischen Landeskirche in Württemberg ist und als Militärpfarrer gewirkt hat, will sich aber zu den aktuellen Verhandlungen nicht äußern. Mit den Verhandlungspartnern sei vereinbart worden, zum aktuellen Stand nichts zu sagen, so seine Antwort auf eine Anfrage dieser Zeitung.

Auch in Bayern haben sich Christen in der FDP organisiert. Hier gibt es einmal den Evangelisch-Liberalen Gesprächskreis in Bayern (ELGB) und den Katholisch-Liberalen Arbeitskreis Bayern (KLAK). In der Praxis arbeiten aber beide Vereinigungen eng zusammen. Im Vorstand des KLAK sitzt sogar ein Salesianer-Pater: Lothar Bily, Direktor der Hausgemeinschaft im Kloster Benediktbeuern und Pfarrer in Walchensee im Bistum Augsburg, von 2005 bis 2013 Rektor der Philosophisch-Theologischen Hochschule Benediktbeuern, an der er auch Fundamentaltheologie gelehrt hat. Er könne nicht für den ganzen Arbeitskreis sprechen, zumal man sich wegen der Corona-Einschränkungen schon längere Zeit nicht mehr getroffen habe. Gleichwohl hat der 69-jährige Pater eine Meinung. Aufmerksam hat er das Sondierungspapier studiert. Viele Punkte seien dort freilich nur angedeutet. Gleichwohl hat er mehrere Aspekte identifiziert, die aus seiner Sicht Christen umtreiben könnten.

Ganz klar für das Werbeverbot

Da sind einmal die so genannten Kinderrechte. In dem Papier steht, dass solche Kinderrechte, nachdem ein Versuch in der vergangenen Legislaturperiode gescheitert ist, nun in das Grundgesetz aufgenommen werden sollen: „Ich kann verstehen, dass Eltern Sorge haben, dass hier ihre Autonomie in Erziehungsfragen eingeschränkt wird. Zumal ja auch unabhängig von einer solchen Festsetzung im Grundgesetz dieses ja auch jetzt schon die Rechte der Kinder schützt.“ Ein anderer Punkt: Werden die Paragraphen 219 a, das Werbeverbot für Abtreibungen, und dann schließlich auch der Paragraph 218 fallen? „Ich bin ganz klar für das Werbeverbot. Wie sollte man sich solche Werbung vorstellen? Gibt es dann flächendeckende Plakate?“ Sollte es tatsächlich so weit kommen, wäre letztlich auch nicht mehr der Paragraph 218 zu halten. Pater Bily hält die aktuelle Regelung, dass Abtreibung zwar verboten sei, aber unter bestimmten Bedingungen nicht strafrechtlich verfolgt werde, für richtig.

Lothar Bily

Die Beratungspflicht schütze vor allem die Frauen davor, dass sie nicht von außen, etwa von dem Kindsvater dazu gedrängt werden, abzutreiben. „Ich vertrete nicht das Bild der Aufklärung von einem vollständig selbstständigen Individuum, sondern das christliche Verständnis von der Person. Der Mensch ist keine Insel. Er steht immer in Beziehungen und wird von seinem Umfeld beeinflusst.“ Deswegen stärke die Beratungspflicht letztlich die Frau in der Autonomie ihrer Entscheidung und dürfe deswegen nicht zur Disposition gestellt werden. Ähnlich verhalte es sich mit Blick auf die sogenannte „Sterbehilfe“: „Ich teile nicht den aufklärerischen Optimismus, ich bin hier eher Skeptiker.“ Auch hier bestehe eine große Gefahr, dass die Betroffenen von ihrem Umfeld gedrängt würden und nicht autonom entscheiden könnten. Stattdessen, so meint Pater Bily, der auch als Klinikseelsorger gearbeitet hat, müsse die Palliativ-Medizin weiter ausgebaut werden.

Kein Grund für Alarmismus

Schließlich die Frage nach der Bedeutung der Ehe: In dem Sondierungspapier wird etwa für das neue Institut einer „Verantwortungsgemeinschaft“ plädiert, zu denen sich zwei oder mehr volljährige Personen, die nicht miteinander verheiratet, verpartnert oder in gerader Linie verwandt sind, zusammenschließen können sollen.

Pater Lothar Bily sieht hier keinen Grund für Alarmismus. Umfragen würden immer wieder klar bestätigen, dass die Mehrzahl der jungen Menschen eine Partnerschaft zwischen Mann und Frau favorisiere. Die klassische Ehe werde auch künftig der Normalfall sein. Allerdings sei hier aber auch der gesellschaftlichen Realität Rechnung zu tragen, dass es abseits dieses generellen Trends auch immer mehr Menschen gebe, die sich für andere Lebensformen entscheiden. Darauf müsse man reagieren, ohne gleichzeitig die exklusive Rolle der Ehe aus Mann und Frau für unsere Gesellschaft vollständig in Frage zu stellen.

Wie Feuer und Wasser verhalten sich Liberalismus und Kirche also wohl nicht mehr zueinander, klare Bruchstellen zwischen der kirchlichen Lehre und den Parteiforderungen sind trotzdem klar erkennbar. Wie sich die Christen in der FDP in die Debatte um die  Koalitionsverhandlungen einmischen werden, bleibt abzuwarten.

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