„Es wird auch um kontroverse Fragen gehen“

Fünf Fragen an den Berliner Familienbischof Heiner Koch zum Weltfamilientreffen in Dublin vom 21. bis 26. August. Von Jürgen Liminski
Erzbischof Heiner Koch
Foto: Britta Pedersen (dpa-Zentralbild) | Erzbischof Heiner Koch. Foto: Britta Pedersen/dpa +++(c) dpa - Bildfunk+++ | Verwendung weltweit

Exzellenz, das Weltfamilientreffen ist Gelegenheit zum Austausch unter geistigen Verwandten, Freunden der Familie, Freunden der Ehe zwischen Mann und Frau als Kern der Familie. Sind solche Treffen heute mehr als eine Begegnung unter Gleichgesinnten, vielleicht sogar eine Notwendigkeit angesichts der Angriffe auf Ehe und Familie nach christlichem Verständnis?

Ich halte es gerade heute für unumgänglich, dass Menschen, die versuchen, Ehe und Familie aus der christlichen Botschaft heraus zu leben, sich stärken und miteinander nach Wegen suchen, wie sie Ehe und Familie heute aus dem Geist Jesu Christi leben. Für mich ist es immer wieder erstaunlich, wie auch überzeugt katholische Familien, etwa in geistlichen Gemeinschaften, nicht mehr selbstverständlich die Antworten früherer Jahrzehnte zur Ehe und Familie übernehmen, sondern nach neuen Wegen suchen, miteinander diesen Weg zu gehen und ihn menschlich und spirituell begründet zu gestalten. Dabei zu helfen, ist eine der Herausforderungen eines solchen Familientreffens. Dazu gehört wesentlich, dass wir bei solchen Treffen lernen, auskunfts- und sprachfähig zu werden, warum und in welcher besonderen Weise wir als Christen Ehe und Familie leben. Immer mehr Brautpaare und immer mehr Ehepaare sehen sich in Frage gestellt, warum sie überhaupt noch kirchlich heiraten sollen. Diese Fragen sind eine Herausforderung und Chance der Verkündigung.

Was versprechen Sie sich von dem Treffen in Dublin? Soll, wird auch das Thema Abtreibung zur Sprache kommen? Es ist in Irland ja sehr aktuell.

Von dem Weltfamilientreffen in Dublin muss eine große, einladende Botschaft ausgehen an die Menschen, die Ehe und Familie nur für eine soziologische Größe halten und nichts davon wissen, was dieses Familientreffen in Dublin zu Ausdruck bringen will: „Das Evangelium für die Familie. Freude für die Welt.“ Die Dimension des Glaubens, die der Grund der Freude ist, Familie zu leben, ist den meisten Menschen heute unbekannt.

Der Heilige Vater hat bewusst nach Dublin eingeladen, damit dort der Inhalt, die Reflexion und der Austausch über die Inhalte seiner Enzyklika „Amoris laetitia“ im Miteinander vertieft werden können. Wir sind hier auch in einer Suchbewegung.

Ich hoffe, dass sehr offen, ehrlich und erfahrungsbezogen über das Leben, die Perspektiven und über die Belastungen für unsere Familien gesprochen wird. Ich weiß von früheren Weltfamilientreffen, wie kontrovers viele Fragen von den Teilnehmern aus aller Welt gesehen werden. Die anderen Überzeugungen als Bereicherung und nicht als Bedrohung zu sehen, ist auch eine Herausforderung dieses Treffens. Ich hoffe sehr, dass viele Themen angesprochen werden: Die Sorge um die kinderreichen Familien, um die Alleinerziehenden, die zerbrochenen Ehen und Familien, aber auch das Thema Flüchtlingsfamilien und das große Thema Alt werden und Sterben in der Familie werden hoffentlich in Dublin ausführlich besprochen werden. Dazu gehört für mich auch die Frage der Abtreibung als Teil der Lebensbotschaft, unter der Ehe und Familie im christlichen Glauben stehen. Sicherlich ist diese Frage in Irland in großer aktueller Diskussion. Ich sehe diese Diskussion aber auch bei uns in Deutschland im Zusammenhang mit dem Paragrefen 218 mit großer Sorge, weshalb ich mich zu dieser Frage immer wieder äußere. Ich begebe mich in diese Diskussion hinein, weil es letztlich nach meiner Überzeugung um die Zukunft des Paragrafen 218 geht. Der Schutz des ungeborenen Kindes spielt für viele in den aktuell geführten Diskussionen bei uns keine Rolle, und nicht wenige wollen den Paragrafen 218 streichen.

Der Zuspruch zu dem Treffen ist enorm. Seit Monaten sind die Karten für die heilige Messe mit dem Papst ausverkauft. Wie sehen Sie die Zukunft der Weltfamilientreffen? Soll es mehr davon geben, nicht nur alle drei Jahre?

Ich bin sicher, dass den Weltfamilientreffen auch in Zukunft eine große Bedeutung zukommen wird. Als früherer Generalsekretär des Weltjugendtages in Köln im Jahre 2005 kann ich allerdings nur davor warnen, die Zeitspanne zwischen den einzelnen Treffen zu verringern. Solch ein Familientreffen bedeutet nicht nur einen enormen Aufwand für die Veranstalter, sondern für alle, die dieses Treffen in verschiedenen Ländern vorbereiten. Hinzu kommen ja solche Familientreffen auf Landes- und Bistumsebene. Lieber eine Steigerung der Qualität der Weltfamilientreffen als eine Steigerung der Quantität. Ich persönlich würde mich aber sehr freuen, wenn es einmal ein Weltfamilientreffen in Deutschland gäbe.

Pater James Martin SJ, Bestsellerautor und Vatikanberater, wird im Rahmen des Pastoralkongresses einen Vortrag zum Thema „Offenheit und Respekt für LGBTQI+-Personen und ihre Familien in unseren Pfarren“ halten. Der Autor ist umstritten. Er hat einen Preis der schwulenfreundlichen, vom Vatikan und der US-Bischofskonferenz verurteilten „New Ways Ministry“ angenommen und bei seiner Dankesrede die Sprache des Katechismus der Katholischen Kirche als „unnötig hart“ und „unnötig verletzend“ bezeichnet. Die Kirche solle die „besonderen Gaben“ würdigen, die Homosexuelle dank ihrer gleichgeschlechtlichen Neigung geben könnten. Frage: Ist dieser Vortrag von Pater James Martin ein Signal der Akzeptanz oder der Verwirrung?

Ich gehe davon aus, dass sich die Veranstalter die Gestaltung des Kongresses sehr wohl überlegt haben. Gerade die Frage der Beziehungen von homosexuellen Menschen muss mit sehr großer Achtsamkeit behandelt werden. Auf der einen Seite ist für uns die Ehe als Sakrament und die Beziehung der Geschlechter im Hinblick auf Christus und die Kirche von sakramentaler Bedeutung. Dieses Proprium können und wollen wir um des Evangeliums und um der Menschen willen nicht aufgeben. Auf der anderen Seite berichten mir Homosexuelle immer wieder, dass sie nicht verstehen, warum wir ihre Beziehung, die für uns etwas anderes als eine Ehe ist, nicht segnen, schließlich seien sie ja auch in ihrer Natur und in ihrer Liebe von Gott geschaffen. Sie fühlen sich von der Kirche ausgestoßen, wie sie sich auch in homosexuellen Kreisen ausgeschlossen fühlen, die ihnen vorwerfen, dass sie sich noch zu dieser Kirche bekennen. Klarheit und Achtsamkeit gegenüber jedem Menschen muss immer sehr ausgewogen zusammengehalten werden. Das fällt vielen nicht leicht. Es ist eben einfacher, sich auf eine Position zurückzuziehen.

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