Frankfurt

Asfa-Wossen Asserate: „Es darf kein Bürgerkrieg der Ethnien ausbrechen“

Asfa-Wossen Asserate ist ein Großneffe des früheren äthiopischen Kaisers Haile Selassie. Der in Deutschland lebende Unternehmensberater und Autor ist in großer Sorge über die aktuellen kriegerischen Auseinandersetzung in seinem Heimatland. Er hofft auf eine baldige Friedenskonferenz.
Konflikt in Äthiopien
Foto: Uncredited (AP) | Mitglieder der äthiopischen Nationalen Verteidigungskräfte, die von den Tigray-Kräften gefangen genommen wurden, werden von Tigray-Kräften Mitte Juli in Mekele zum Gefängnis eskortiert, wobei hunderte Einwohner zusehen.

Kaiserliche Hoheit, in der vergangenen Woche sind in der äthiopischen Krisenregion Tigray bei einem Massaker 200 Menschen, darunter 100 Kinder ums Leben gekommen. Wie schätzen Sie die aktuelle Situation in Ihrer Heimat ein?

Die Situation ist sehr besorgniserregend. Es ist nicht nur schmerzlich, dass dieser Bruderkrieg bereits seit acht Monaten das Land erschüttert und eine verheerende Wirkung auf die Zivilbevölkerung hinterlässt. Es erschreckt mich, dass dieser Krieg von unseren europäischen und amerikanischen Verbündeten vielfach völlig falsch eingeschätzt wird. Das ist für viele Äthiopier eine große Enttäuschung.

Worin sehen Sie diese Fehleinschätzung?

"Niemand scheint sich ernsthaft die Frage
zu stellen, wer die Schuld an diesem Krieg trägt"

Niemand scheint sich ernsthaft die Frage zu stellen, wer die Schuld an diesem Krieg trägt. Man schlägt sich schnell auf die Seite der kleinen, vermeintlich schwächeren Provinz, die gegen die große Zentralregierung in Addis Abeba kämpft. Dabei verliert man aus dem Blick, dass die Provinz gar nicht so schwach ist. Tigray verfügt bei nur sechs Millionen Einwohnern über eine eigene Armee in einer Stärke von 266.000 Mann. Das sind mehr Soldaten, als sie die Bundesrepublik Deutschland mit ihren 83 Millionen Einwohnern hat. Niemand hat damit gerechnet, dass diese Miliz die äthiopische Armee, die seit zehn Jahren in der Region für Sicherheit sorgt, in einem Handstreich überfallen und im November 2020 in einer Nacht und Nebelaktion 750 Menschen in ihren Betten massakrieren würde.

Und die äthiopischen Verbündeten sehen die Lage anders?

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Ja, und es ist mir völlig unverständlich, wie die Vereinigten Staaten von Amerika, als unsere langjährigen Verbündeten, aber auch Europa und die meisten Medien die Position die TPLF, der so genannten Volksbefreiungsfront Tigrays, beziehen.

Dazu muss man wissen, dass seit Jahrzehnten internationale Organisationen aber auch das äthiopische Parlament diese Gruppierung als eine terroristische Organisationen einstufen. Wenn die USA und Europa weiter so einseitig Partei nehmen, treiben Sie unser Volk mit 120 Millionen Einwohnern ohne Not in die Arme von Russland und China.

Können Sie beschreiben, wie der Konflikt entstanden ist?

Diese Auseinandersetzung schwelt bereits seit drei Jahren. Damals wurde der jetzige Ministerpräsident Abiy Ahmed eingesetzt. Dadurch verlor die TPLF ihre Macht, die sie seit 27 Jahren innehatte.

Damit endete eine grausame Regierungsepoche. Die TPLF zog sich daraufhin schmollend in ihrer Region Tigray zurück und boykottierte alles, was die Zentralregierung durchzusetzen versuchte. In dieser Zeit bereitete man den Angriffskrieg gegen Adis Abeba vor, um die Macht in Äthiopien zurückzugewinnen.

Wie versucht die Regierung von Ministerpräsident Abiy Ahmed die Auseinandersetzungen zu beenden?

Zunächst einmal hat die Regierung einen einseitigen Waffenstillstand ausgerufen, um Verhandlungen zu ermöglichen. Dabei hoffte man, dass die TPLF ebenfalls die Waffen ruhen lassen würde. Das hat sie nicht getan. Vielmehr ist sie in den letzten Wochen zunehmend in andere äthiopische Regionen eingedrungen. Vor drei Tagen hat sie eine der heiligsten Stätten des Landes, den Ort Lalibela, wo man die christlichen Felsenkirchen aus dem zwölften Jahrhundert findet, in Besitz genommen.

Was kann die Weltgemeinschaft tun, um dazu beizutragen, dass der Konflikt in Äthiopien beendet wird?

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Sie muss zunächst einmal erkennen, wer der tatsächlich Verantwortliche dieser Auseinandersetzung ist. Dann muss man aufhören, die äthiopische Regierung an den Pranger zu stellen und zu einer fairen Bewertung der Lage kommen. Erstaunlich ist, dass die Medien, die noch vor drei Jahren, als die TPLF an der Macht war, Äthiopien als eine der schlimmsten Diktaturen benannt haben, jetzt die Position der TPLF einnehmen. Diese Organisation wird in den Medien zum Teil in die Nähe einer Demokratiebewegung gerückt. Dabei ist sie alles andere als demokratisch. Das hat nicht nur ihre Politik in der Vergangenheit gezeigt, sondern auch ihr Bekenntnis zu Marxismus-Leninismus nach albanischem Vorbild. Die TPLF hat in ihrer Regierungszeit aus Äthiopien einen der rassistischen Staaten Afrikas gemacht. Äthiopien nennt sich, als das einzige Land der Welt, eine „Ethnische Förderation“.

Das wiederum ist vergleichbar mit dem damaligen Apartheitsstaat südafrikanischer Prägung. Unsere rassistische Verfassung von 1995 ist einer der Hauptgründe für die jetzige Auseinandersetzung. Äthiopien ist in ethnische Regionen aufgeteilt ist. Unter der TPLF wurde das gesamte Land ethnisiert, es gab nur ethnische Parteien. Eine solche Aufspaltung der Gesellschaft führt zwangsläufig dazu, dass kriegerische Auseinandersetzungen entstehen.

Ministerpräsident Abiy Ahmed ist im vorletzten Jahr noch mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden. Ist seine Politik gescheitert?

Zunächst einmal zeigen die letzten Erfahrungen mit der Vergabe des Nobelpreises, dass es immer problematisch ist, diesen als eine Art Vorschusslorbeeren an aktive Politiker zu vergeben. Wahrscheinlich wäre es klüger, wenn man überhaupt Politiker berücksichtigen will, es erst am Ende einer Regierungszeit zu tun. Man muss aber feststellen, dass Ministerpräsident Abiy Ahmed in den wenigen Jahren seiner Amtszeit einige Neuerungen auf den Weg gebracht hat. Er war und ist ein Hoffnungsträger für das äthiopische Volk. So waren die Wahlen, die im Juni in Äthiopien stattgefunden haben, die ersten halbwegs demokratischen Wahlen in unserem Land. So sind etliche Oppositionelle in das Parlament eingezogen, anders als zu Zeiten der TPLF, als es ständig Wahlergebnisse mit 100 Prozent gab. Natürlich sind die Amerikaner, die Anfang der Neunzigerjahre die damaligen Machthaber ins Amt gebracht haben, jetzt erbost darüber, dass sich die aktuelle Regierung wirtschaftspolitisch, wie viele andere Staaten Afrikas mehr China zuwendet. Aber der Westen und insbesondere Europa hält sich mit Investitionen in Äthiopien sehr stark zurück, so dass man sich andere Wirtschaftspartner suchen musste.

Wie kann ein Weg in eine gute Zukunft für Äthiopien aussehen?

"Wir brauchen dringend Friedensgespräche
und einen Friedensschluss, der das Land und die
unterschiedlichen Ethnien miteinander versöhnt"

Wir brauchen dringend Friedensgespräche und einen Friedensschluss, der das Land und die unterschiedlichen Ethnien miteinander versöhnt. Dort müssen wir klären, was für ein Äthiopien wir haben wollen und wie eine neue Verfassung aussehen kann. Ich weiß allerdings nicht, wie das mit der aktuellen Führung der TPLF möglich sein soll. Wir müssen unsere aber unseren tigrayischen Brüdern und Schwestern zeigen, dass wir sie als Bestandteil der großen äthiopischen Familie ansehen. Wir müssen auf jeden Fall verhindern, dass in Äthiopien ein Bürgerkrieg der Ethnien, wie im früheren Jugoslawien ausbricht.

 

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