Türkischer Beschuss

Erdogan lässt die Muskeln spielen

Nordsyrien steht unter türkischem Beschuss. So will der schwächelnde türkische Präsident seine Beliebtheitswerte steigern, meint Kamal Sido in einem Gastbeitrag.
Erdogan
Foto: Khalil Hamra (AP) | Recep Tayyip Erdogan, Staatspräsident der Türkei, spricht nach dem Freitagsmittaggebet mit Journalisten.

Die deutlicheren Worte, die unsere Außenministerin vor einigen Monaten für das aggressive Verhalten der Türkei gefunden hat, haben wenig bewirkt. Die Angriffe unseres NATO-Partners Türkei auf ethnische und religiöse Minderheiten in Syrien sind eher noch heftiger geworden. Der türkische Machthaber Recep Tayyip Erdogan hat schlechte Umfragewerte, die Inflation ist überwältigend, die Wirtschaft schwächelt. Also tut er, was er immer tut: Er versucht, seine Beliebtheit durch militärische Abenteuer in Nachbarländern zu steigern. An die 2.000 Raketen und Artillerie-Geschosse schlugen allein im August in den Dörfern Nordsyriens ein, die von christlichen, jesidischen und anderen Minderheiten bewohnt werden. Viele Menschen starben bei den Angriffen, auch einige Kinder.

NATO-Mitgliedschaft als Freifahrtschein

Für den türkischen Präsidenten ist die NATO-Mitgliedschaft seines Landes seit Jahren ein Freifahrtschein. Die enge Beziehung zum russischen Kriegspräsidenten gibt ihm dieser Tage noch mehr Spielraum. Die beiden autoritären Machthaber verstehen sich, sie sehen die Welt ähnlich und nutzen die gleichen Methoden. Das kann zu diplomatischen Erfolgen wie dem Getreideabkommen führen, die auf der Weltbühne gut aussehen.
Doch für seine ersehnte Großoffensive in Syrien, die die Minderheiten dort endgültig vertreiben und die Macht den islamistischen Milizen übergeben sollte, musste der starke Mann vom Bosporus erst um Erlaubnis bitten. Washington und Moskau haben abgelehnt. So bleibt es beim Beschuss ziviler Ziele aus der Ferne.

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Die türkische Bevölkerung, vor allem die jungen Menschen, sollten sich davon jedoch nicht mehr so leicht beeindrucken lassen. Waffengewalt als Wahlkampf-Taktik hat sich hoffentlich abgenutzt, die Umfragewerte bleiben für Erdoğan im Tief. Vielleicht wählen die Menschen in der Türkei irgendwann einen anderen, friedlicheren Präsidenten.


Der Autor ist Nahost-Experte der Gesellschaft für bedrohte Völker in Göttingen.

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