London

Englische Bischöfe verteidigen Coronaimpfstoff

Unter Katholiken ist die Impfung hoch umstritten. Der Grund: Der von der Universität Oxford entwickelte Impfstoff basiert auf einer Linie von Zellmaterial, das aus dem Gewebe eines abgetriebenen Babys stammt.
Coronavirus - Corona-Impfstoff wird getestet
Foto: Andre Lucas (dpa) | Über das Für und Wider von Schutzimpfungen gehen die Auffassungen unter gläubigen Christen weit auseinander.

Angesichts der für September oder Oktober erwarteten Impfung gegen das Coronavirus, den die derzeit im Wettlauf um die Entwicklung eines Impfstoffes führende Oxford University bereitzustellen hofft, sind die Debatten zwischen Gegnern und Befürwortern einer solchen Impfung auch im Vereinigten Königreich wieder entflammt. Unter Katholiken ist die Impfung hoch umstritten. Der Grund: Der von der Universität Oxford entwickelte Impfstoff basiert auf einer Linie von Zellmaterial, das aus dem Gewebe der Niere eines vermutlich 1972 abgetriebenen Babys stammt.

Das Bewusstsein für die extreme ethische Bedenklichkeit solcher Impfungen wird in Großbritannien durch die Lebensrechtsbewegung Society for the Protection of Unborn Children, SPUC, wachgehalten. Am vergangenen Donnerstag haben die beiden für Gesundheitsfürsorge und Lebensfragen zuständigen Bischöfe Paul Mason und John Sherrington im Namen der katholischen Bischöfe von England und Wales ein Statement veröffentlicht, das dazu aufruft, die Impfung, sobald es möglich ist, wahrzunehmen, um gesundheitlich besonders gefährdete Menschen zu schützen.

Impfen, um besonders gefährdete Menschen zu schützen

Die Stellungnahme von Bischof Mason und Bischof Sherrington zur Verwendung von Zellmaterial abgetriebener Babys in Impfstoffen trifft dabei zwei wichtige Unterscheidungen. Zum einen betrifft dies die Differenzierung zwischen Impfungen, die auf neuem Zellmaterial durch Abtreibung getöteter Kinder besteht und den alten Linien von Impfstoffen wie HEK 293, der von der Universität von Oxford verwendet wird. Die Bischöfe ziehen hier den Vergleich mit der Pockenimpfung. Um sie zu entwickeln, wurde ein achtjähriger Junge bewusst mit Pocken infiziert, ein Menschenversuch, der heute strikt verboten wäre und zu Recht als ethisch bedenklich eingestuft wird. Dennoch wird der auf dieses Vorgehen zurückgehende Impfstoff eingesetzt und entfaltet eine segensreiche Wirkung.

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Auf den Punkt gebracht: Die Bischöfe verurteilen klar die Verwendung von Gewebe abgetriebener Föten, halten es aber bei der HEK 293-Linie dennoch für verantwortbar, die daraus entwickelte Corona-Impfung zu empfangen. Gleichzeitig bekräftigen Mason und Sherrington, dass künftige Impfstoffe frei von menschlichem Gewebe sein müssen und alle Anstrengungen zu unternehmen sind, um dies zu erreichen. Sie berufen sich dabei auch auf ein von der Päpstlichen Akademie der Wissenschaften im Jahr 2017 veröffentlichtes Papier, dass feststellt: „Alle klinisch empfohlenen Impfungen können in dem klaren Bewusstsein verwendet werden, dass die Nutzung solcher Impfungen in keiner Weise eine Beteiligung mit willentlicher Abtreibung beinhaltet.“ In diesem Sinne haben die Bischöfe auch an den Gesundheitsminister geschrieben und gefordert, künftige Impfstoffe auf der Basis nichtmenschlichen Zellmaterials zu entwickeln.

Klare Verurteilung der Verwendung menschlichen Zellmaterials

Die Lebensrechtler von SPUC setzen wie die Bischöfe auf ein differenziertes Vorgehen. Generelle Warnungen vor einer Teilnahme an der Impfung lehnen sie ab. „SPUC vermittelt auf Fakten basierende Informationen. Wir raten nicht dazu, Impfungen wahrzunehmen oder abzulehnen“, sagt Harriet Nabateregga von der Gesellschaft zum Schutz ungeborener Kinder in London. Zugleich setzen die Lebensrechtler darauf, durch stete Kommunikation der Problemfelder ein Bewusstsein dafür zu schaffen, dass es nicht richtig ist, Zelllinien zu verwenden, die auf Abtreibungen zurückgehen. „Bitte lassen Sie Ihren Hausarzt wissen, dass Sie ethische Bedenken haben, mit einem Impfstoff geimpft zu werden, der auf der Basis von Zellen entwickelt wurde, die letztlich vom Gewebe abgetriebener Babys stammen“, heißt es im Informationsblatt von SPUC, und Harriet Nabateregga fährt fort, dass die Patienten sich auch nicht scheuen sollen, ihren Hausarzt zu motivieren, einen Impfstoff ausfindig zu machen, der auf der Basis von Pflanzen-, Tierzellen oder einer zellfreien Methode entwickelt worden ist und sich innerhalb des Gesundheitssystems oder auf politischer Ebene dafür einzusetzen, dass die Entwicklung ethisch akzeptabler Impfstoffe mit hohem Tempo vorangetrieben wird.

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Hinsichtlich des für die nahe Zukunft erhofften Impfstoffes gegen das Coronavirus machen die katholischen Bischöfe Englands aber klar, dass ungeachtet des notwendigen Einsatzes für einen Wandel in der Entwicklung von Impfstoffen ethische Bedenken gegen auf der Basis der HEK 293-Linie entwickelter Impfstoffe nicht dazu führen sollten, Menschenleben zu gefährden. „Wenn eine schwangere Frau, beispielsweise eine Lehrerin in einer Schule mit nicht geimpften Kindern in Kontakt kommt, würden ihr unfaire und komplexe moralische Entscheidungen abverlangt, einschließlich der, ob es sicher für sie und ihr ungeborenes Kind ist, in der Schwangerschaft zu arbeiten“, heißt es im Statement der katholischen Bischöfe von England und Wales.

Das Fazit lautet also: Angesichts der Gefährdungen vor allem gesundheitlich angeschlagener Menschen durch das Coronavirus empfehlen die Bischöfe die Teilnahme an der Impfung eindeutig, betonen aber wie die Lebensrechtler von SPUC die Notwendigkeit weiteren Engagements für ethisch vertretbare Impfstoffe, das sie durch ihr Schreiben an den Gesundheitsminister auch gleich selbst unter Beweis stellten.

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