Verstrickung in Sklaverei

Church of England will Verstrickung in die Sklaverei wiedergutmachen

Die Church of England will die eigene Verstrickung in die Sklaverei wiedergutmachen und richtet einen Fonds in Höhe von 100 Millionen Pfund ein. Dafür gibt es auch Kritik.
Gestürzte Sklavenhalten-Statue wird in Bristol ausgestellt
Foto: Ben Birchall (PA Wire) | Ein Symbol für die britische Debatte über die Sklaverei: Der Kopf der Statue von Edward Colston (1636-1721).. Sie war 2020 im Zuge der Demonstrationen der „Black Live Matters“-Bewegung in Bristol ins Wasser geworfen ...

Die Church of England will zur Wiedergutmachung für historische Verbindungen zur Sklaverei insgesamt 100 Millionen Pfund in einen Fonds einzahlen, hat damit aber auch für Unmut an ihrer Basis und kritische Medienkommentare in Großbritannien gesorgt. Justin Welby, der Erzbischof von Canterbury, sprach von einer „schändlichen Vergangenheit“, der sich die Kirche nun stellen müsse. Ein neuer Bericht habe die Verbindungen der englische Staatskirche mit dem transatlantischen Sklavenhandel aufgezeigt.

Auch Isaac Newton verlor ein Vermögen

Konkret geht es dabei aber um eine indirekte Verbindung, eine Stiftung unter Königin Anne von 1704. Die sogenannte Queen Anne‘s Bounty war eingerichtet worden, um arme Geistliche zu unterstützen. Dieser Fonds investierte auch in Aktien der 1711 gegründeten South Sea Company, die im Sklavenhandel aktiv war. 1739, als die Company diese Geschäfte beendete, lag der Aktienbesitz der Bounty bei gut 200.000 Pfund. Das entspricht nach heutigem Geldwert einer hohen Millionensumme. Investitionen in die South Sea Company waren damals indes weit verbreitet. Auch der berühmte Naturwissenschaftler Isaac Newton besaß Aktien und verlor ein Vermögen, als die Südsee-Blase 1720 platzte. Die Queen Anne's Bounty erhielt zusätzlich Spenden von reichen Bürgern, die am Sklavebhandel verdienten, darunter auch Personen wie Edward Colston von der Royal African Company. 1948 wurde das Geld der Bounty in ein allgemeines Finanzvermögen der Church of England überführt. Colstons Statue in Bristol warfen 2020 Demonstranten der Bewegung „Black Lives Matter“ ins dortige Hafenbecken.

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Nachdem ein Bericht zweier Historiker vergangenes Jahr die historischen Finanzverstrickungen der Church of England untersucht hatte, hat die anglikanische Mutterkirche nun Konsequenzen gezogen. Ein Wiedergutmachungsfonds soll über neun Jahre mit 100 Millionen Pfund gefüllt werden. Das Geld des Fonds soll „in eine bessere Zukunft für alle“ investiert werden, vor allem in Gemeinschaften, die von der historischen Sklaverei betroffen waren.

Kritik von der Kirchenbasis

Gemeint sind damit unter anderem Bildungsprojekte, vor allem in Westafrika und auf den Westindischen Inseln, wie David Walker, der Bischof von Manchester, gegenüber der „Church Times“ präzisierte. Die Kirchenkommission habe aber bewusst das Wort „Reparationszahlungen“ vermieden, sagte er; es gehe eher um einen „Heilung“.

In England kam die Entscheidung an der Kirchenbasis indes nicht bei allen gut an. In Zeiten der großen Finanznot vieler Gemeinden, die jedes Pfund zweimal umdrehen müssen und von kargen privaten Spenden leben, stieß es auf Unverständnis, woher die Kirchenleitung plötzlich so große Summen mobilisieren könne. Mehrere Medien wie der „Telegraph“ zitierten Pastor Marcus Walker, Gründer der Initiative „Save the Parish“ (Rettet die Pfarrgemeinde), mit den Worten: „Plötzlich hat die Kirche Geld. Jahrzehntelang hat man uns erzählt, es gebe kein Geld, um Kirchengebäude und Geistliche, die die Kirche am Leben erhalten, zu bezahlen, aber jetzt haben sie 100 Millionen hinterm Sofa gefunden.“

Walker monierte, dass die englische Kirche in einer großen Krise stecke. Erstmals seit dem frühen Mittelalter seien Christen nur noch eine Minderheit im Land, reihenweise würden Pfarrgemeinden zusammengelegt. Der konservative Abgeordnete Scott Benton verbreitete eine Karikatur mit dem Bild einer ruinösen Kirche, vor deren Schild, das um Spenden fürs Dach bittet, Bischof Welby die Gründung des historischen Sündenfonds ankündigt. Die Tory-nahe Zeitung „The Telegraph“ schrieb in einem Leitartikel, dass die Sklaverei schändlich sei, die Kirche dafür aber nichts könne. Ihre Zahlung nannte die Zeitung eine „schändliche Verschwendung“. Sie sollte das Geld besser für verfallende Kirchen oder für Obdachlose ausgeben. Ganz anders der linksliberale „Guardian“: Die 100 Millionen Pfund seien wohl „zu dünn“ für ganz Westafrika und die Karibik.

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Claudia Hansen Church of England Erzbischöfe Isaac Newton Kirchengemeinden Pfarrer und Pastoren Sklavenhandel

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