Großbritanniens neuer Premier

Eine letzte Chance für die Konservativen

Die Tories versuchen mit Rishi Sunak den Neuanfang. Für den Ex-Schatzminister wird das Regieren ein Härtetest, meint Philip Plickert in einem Gastbeitrag.
Neuer Premierminister Rishi Sunak
Foto: Frank Augstein (AP) | Rishi Sunak, Premierminister von Großbritannien, winkt vor 10 Downing Street.

„Einigt Euch oder sterbt“ – so drastisch hat der neue britische Premier Rishi Sunak die Perspektive für seine Konservative Partei skizziert. Nach dem Debakel der Kurzzeitpremierministerin Liz Truss ist der 42-jährige diese Woche im Blitzverfahren in die Downing Street 10 eingezogen. Der Ex-Schatzminister muss einen Scherbenhaufen aufkehren, den Truss und ihr Schatzkanzler Kwarteng mit einem dilettantischen schuldenfinanzierten Steuersenkungskurs angerichtet haben.

Keine abermalige Schleudertour mit „Boris“

Nach nur 45 Tagen scheiterte Truss und trat zurück. Sunak konnte sich als Nachfolger durchsetzen – gegen den schillernden Ex-Premier Boris Johnson, der plötzlich aus der Karibik andüste und ein Comeback versuchte. Die große Mehrheit der Tory-Parlamentarier wollte aber keine abermalige Schleudertour mit „Boris“. Sie hoffen, dass Sunak ihnen wie versprochen „Integrität und Professionalität“ liefert.

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Als Konservativen leiteten ihn die Ideale harte Arbeit, Eigenverantwortung, Unternehmertum und Familie, sagte Sunak im Wahlkampf und verwies auch auf die eigene Aufsteigergeschichte. Manche sprechen von einem „Obama-Effekt“ im Königreich, weil erstmals ein Premier aus einer Einwandererfamilie in die Downing Street 10 einzieht – zudem ein bekennender Hindu.

Ein Berg von Problemen wartet

Indische Immigranten und ihre Nachfahren sind in Großbritanniens Politik und Wirtschaft bemerkenswert erfolgreich. Anders als bei den pakistanischen Muslimen hat die Integration bestens geklappt. Am Montagabend feierten Zehntausende an der Themse mit Feuerwerk das Lichterfest Diwali.

Für Sunak wird das Regieren ein Härtetest. Ein Berg von Problemen wartet. Wegen der hohen Inflation, angetrieben durch Energiekosten, droht eine Rezession. Anders als Truss will er keine Märchen erzählen, sondern muss schmerzhafte Entscheidungen treffen. Scheitert er, droht den Tories, die in Umfragen tief gefallen sind, in zwei Jahren eine verheerende Niederlage


Philip Plickert ist Wirtschaftskorrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung in London.

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