Katholikentag in Stuttgart

Eine Heerschau des Herkömmlichen

Von wegen frech: Die Veranstalter des Katholikentages gefallen sich in einer kritischen Attitüde, politisch suchte man aber den Schulterschluss mit dem Establishment.
Deutscher Katholikentag in Stuttgart
Foto: Marijan Murat (dpa) | Über Politik in unsicheren Zeiten sollte Olaf Scholz sprechen. Gefordert wurde er dabei nicht. Stattdessen durfte er über sein Haustier Mohrle plaudern.

Sicher, er ist eine Plattitüde, der Satz vom Stachel im Fleisch. Aber er entspricht dem Selbstverständnis der Katholikentagsmacher: Die katholischen Laien, die hier zusammenkommen, wollen ein Stachel im Fleisch der Gesellschaft sein. So zumindest der hehre Anspruch. Und die Geschichte gibt ja Beispiele dafür, dass die „Heerschau der deutschen Katholiken“, wie sie früher einmal von Beobachtern genannt wurde, den gesellschaftlichen Diskurs tatsächlich voran bringen konnte, gerade weil hier auch jenseits des Herkömmlichen diskutiert und miteinander gestritten wurde.

Es war einmal. Die Sehnsuchtsfigur dieses Katholikentages sieht anders aus: Am Samstagmittag spaziert ein kleiner Junge die Stuttgarter Schlossstraße entlang, in der Hand einen bunten Strauß von Luftballons.  Vorher hat er an den verschiedenen Ständen des „Markts der Möglichkeiten“ Station gemacht, wo sich die unzähligen Verbände und Organisationen aus dem gesamten katholischen Spektrum präsentieren. Und wenn es ging, hat er einen Luftballon abgestaubt. Und so ruhen ganz friedlich in seiner Hand Ballons unterschiedlichster kirchenpolitischer Herkunft. Den Jungen stört es nicht, er freut sich vielmehr daran, dass von einem lauen Lüftchen in Bewegung gesetzt die Ballons von „Maria 2.0“ ganz friedlich die des lehramtstreuen Fernsehsenders EWTN anstupsen.

Mehr Klassentreffen als Top-Ereignis

Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder: Man wurde während der fünf Tage den Eindruck nicht los, dass viele Kirchentagsteilnehmer gerne genauso wären wie dieser Junge. Denn für viele ist er nicht nur das Top-Ereignis im Kalender des politischen Katholizismus, sondern eher eine Art Klassentreffen (vor allem für die vielen Teilnehmer aus den Apparaten der Bistümer und Verbände), ein bisschen Kegelclubausflug mit angeschlossenem Volkshochschulprogramm. Nur so harmonisch kann es eben nicht werden, gibt es doch die vielen kirchenpolitischen Streitthemen. Aber die Sehnsucht nach Harmonie bleibt, und dann fällt der Lehrsatz vom Stachel im Fleisch schon einmal hintenüber. Wenn in kirchlichen Fragen schon keine Einigkeit herzustellen ist, zumindest in der Politik ist Harmonie Ehrensache.

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„Welt“-Journalist Robin Alexander brachte es am Donnerstagabend bei einem Vortrag der Arbeitsgemeinschaft katholischer Studentenverbände  aus dem Haus einer katholischen Korporation im Rahmen des Katholikentages auf den Punkt: Diese Tage glichen einer „Roadshow des politischen Berlins“. Bundespräsident und Bundeskanzler gaben sich die Klinke in die Hand, Kevin Kühnert von der SPD war da, genauso wie Karin Göring-Eckardt und Cem Özdemir von den Grünen. Und Alexander hat auch erklärt, warum sie so gerne kommen. Sie haben keinen Widerspruch zu befürchten. Frank-Walter Steinmeier badete in der Menge wie schon lange nicht mehr. Die Russland-Flecken auf seiner weißen Außenministerweste sind vergessen, hier erfreuen sich alle an seinem Katholikentagsschal, den er elegant über der Schulter drapiert hat.

Über allem thronte Winfried Kretschmann

Über allem thront aber Winfried Kretschmann, er ist eine Art Ersatz-Kini des Katholikentages. Einmal ist er als  Ministerpräsident von Baden-Württemberg natürlich auch so etwas wie Gastgeber, Kretschmann trifft aber von seinem Habitus her, Oberstudienrat mit intellektuellen Ambitionen, der durchaus klug und zugleich humorvoll über geistliche Fragen zu sprechen weiß, genau das Herz des Katholikentagsbesuchers. Ein Ehrenplatz in der Galerie des politischen Katholizismus inklusive Goldrahmen ist Kretschmann jetzt schon sicher. Dort wo auch Unionsgranden wie Hans Maier oder Bernhard Vogel hängen. Doch von CDU und CSU waren wenige in Stuttgart zu Gast. Kein Friedrich Merz, wenn dann nur zweite Garde. Die Sehnsucht der katholischen Laien nach einer Vaterfigur kann die Union offenbar nicht stillen. Die Lücke füllt jetzt Kretschmann.

Um Väter ging es auch in der Debatte, zu der Bundeskanzler Olaf Scholz eingeladen war. Vielleicht war es nur ein Versprecher: Als die Schriftstellerin Nora Bossong gerade davor warnte, die Menschen sollten nicht immer nur auf den Staat blicken, sagte sie statt „Vater Staat“ plötzlich „Vater Scholz“. Der Bundeskanzler grinste in bewährter schlumpfiger Art, das Publikum lachte und ZdK-Präsidentin Irme Ketter-Starp machte das, war sie besonders gut kann: sie sah nachdenklich aus. Die Situation hätte zum Wendepunkt in dem Gespräch zwischen den Dreien am Freitagvormittag in der Stuttgarter Liederhalle werden können. Hier hätte sich tatsächlich die Aneinanderreihung mehr oder weniger harmloser Statements aus dem rhetorischen Setzkasten in eine Debatte verwandeln können. Doch Bossong insistierte nicht weiter; sie hatte sowieso eine undankbare Rolle. Obwohl die interessanten Sätze von der 40-Jährigen kamen, hatte sie nicht wirklich viel Redezeit, die wurde von den beiden älteren Herrschaften okkupiert, der ZdK-Präsidentin und ihrem Kanzler.

Vater Scholz und Mutter Kirche

Dass der Sozi-Kanzler mit seinem Respekt-Konzept und die Vorstellungen, die die ZdK-Präsidentin von einer gerechten Gesellschaft haben, nicht weit auseinanderliegen, war nicht wirklich verwunderlich. Als einziger Unterschied zeigte sich lediglich, dass der Kanzler, der ja eigentlich nicht ohne Grund den Spitznamen „Scholzomat“ trägt, seine Thesen eloquenter und bildreicher vorzutragen wusste. Im Vergleich zu Stetter-Karp hat Scholz regelrecht PR-Talente. Er sprach davon, dass jeder Bürger das Gefühl bekommen müsse, es gehe in der Politik auch um ihn. Jeder müsse sich angesprochen fühlen. „Jeder muss sich erkannt fühlen.“ Wahrlich kein origineller Gedanke, aber immerhin so etwas wie eine Mini-Vision. Gerade so klein, dass Scholz noch nicht zum Arzt muss, wohin ein anderer Hamburger Sozi-Kanzler namens Schmidt ja bekanntlich alle diejenigen schicken wollte, die Visionen haben. Aber doch so groß, um zumindest Wortbeiträge beim Katholikentag damit füllen und auch Applaus erhalten zu können. Immerhin verkörperte Scholz diesen Grundimpuls seiner Politik einigermaßen überzeugend. Stetter-Karp, sagte im Grunde das Gleiche, nur eben im Katholikentagsdeutsch, das draußen im Lande niemand versteht, vor allem die nicht, die angesprochen sind: Es müsse darum gehen, „das Leben zu teilen mit denen, die am Rand sind“.

Schließlich bot Stetter-Karp Scholz dem Kanzler eine Partnerschaft an, gemeinsam einer drohenden Spaltung der Gesellschaft entgegen zu wirken. Sie dehnte es freilich global aus und forderte mehr Geld für die Entwicklungszusammenarbeit. Der Kanzler parierte und stellte mehr Knete denn auch sogleich in Aussicht.

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Gewiss, die „Zeitenwende“, die hier diskutiert wurde, bezog sich aus aktuellem Anlass vor allem auf die Ukraine. Dass die ZdK-Präsidentin aber nicht mit einem Wort die „Zeitenwende“ angesprochen hat, die die Regierung, der sie eine Partnerschaft angeboten hat, in der Familienpolitik und im Lebensschutz plant, ist mehr als bezeichnend. Das schöne Bild von Vater Scholz und Mutter Kirche soll eben keinen Kratzer bekommen. Und dabei hatten die Teilnehmer sogar die Gelegenheit, Fragen zu stellen. Ging es um Gesellschaftspolitik? Forderten sie klarere Aussagen zur Ukraine-Politik ein? Denn zumindest hier zeigte der Katholikentag durchaus Flagge, etwa mit einer eindrucksvollen Friedenskundgebung. Nein, man wollte vom Kanzler wissen, was seine Lieblingseissorte sei und ob er ein Haustier habe. Scholz nahm den Ball auf und plauderte über seine Katze Mohrle, die er als Kind gehabt hatte, heute freilich anders nennen würde.

Am Schluss wird es noch einmal aufregend

Erst kurz vor Schluss wurde es noch einmal aufregend und Olaf Scholz bekam den stärksten Applaus des ganzen Vormittags: Ein junger Klimaktivist versuchte die Bühne zu erklimmen, konnte aber gestoppt werden. Der Kanzler hatte gerade darüber gesprochen, wie die verlorenen Arbeitsplätze im Kohle-Tagebau sozialverträglich ersetzt werden könnten. Der Kanzler parierte sofort: Diese immer gleiche Inszenierung kenne er schon, sie erinnere in an eine Zeit, „die lange zurück liegt“, bemerkte er offenbar in Anspielung auf die Störaktionen der SA in Weimarer Zeit. Nora Bossong, die erkennen ließ, dass sie grundsätzlich durchaus mit den Zielen der Klima-Jugend sympathisiert, appellierte an die Aktivisten: „Bitte lasst die Radikalität!“
Und brachte damit wohl eher unfreiwillig die gesamte Stimmungslage auf den Begriff. Freilich stand der Katholikentag zu keinem Zeitpunkt in der Gefahr, das politische Establishment radikal in Frage zu stellen. Da musste schon ein junger Klimaaktivist von außen kommen.

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