Politik

„Eine dunkle Ahnung“

Warum die „Welt des Unsichtbaren“ fasziniert, aber nur Jesus Christus wirklich heilt und erlöst: Ein Tagespost-Interview mit Paul Josef Kardinal Cordes. Von Stefan Meetschen
Paul Josef Kardinal Cordes

Eminenz, Allerheiligen und Allerseelen stehen vor der Tür, aber für die breite Bevölkerung vor allem Halloween. Warum fasziniert die Menschen ein solcher Kürbis-Spuk mehr als das religiöse Gedenken der Verstorbenen und großer Heiliger?

Heute richtet sich unser Interesse spontan auf das Greif- und Spürbare: das Wetter, das Essen, die Gesundheit, die Politik, die Mode, den Urlaub und das angenehme Leben. Da scheint keine Zeit für Erwägungen über ein „Nachher“, ein Jenseits des Lebens. Nur eine dunkle Ahnung mag geblieben sein. Und sie schafft sich Raum in Schreckbildern und Phantomen.

Ist das denn alles nur ein harmloses Spiel oder sind dabei auch Geister involviert, auf die man sich als Christ nicht unbedingt einlassen sollte?

Die Welt des Unsichtbaren macht Angst und fasziniert gleichzeitig. Doch wer sich ihr hingibt, lässt sich auf böse Kräfte ein. Es gibt keine glaubensfreien Riten und Kulte.

Bezeichnend ist die Erfahrung, dass, was mit Tisch- und Gläserrücken begann, über Totenbeschwörung sogar zu „schwarzen Messen“ führte.

In Ihrem aktuellen Buch „Yoga – Ein religionsneutrales Gesundheitstraining?“ warnen Sie nicht vor Halloween, aber vor einem naiven Umgang mit Yoga, Reiki und anderen esoterischen Gesundheitsangeboten, die heute ebenfalls im Trend sind. Auch unter Katholiken und sogar in katholischen Einrichtungen. Warum ist man heute so aufgeschlossen für solche Angebote?

Lange zu leben und fit zu bleiben, ist der nur zu berechtigte Wunsch aller seelisch Normalen. Da kommt asiatisches Gesundheitstraining gerade recht. Es hat ferner – anders als das „Frisch, fromm, fröhlich, frei“ des Turnvaters Jahn – etwas Exotisch-Geheimnisvolles. Auch möchten die kirchlichen Institutionen ihre Bildungshäuser und Gästezimmer füllen. Und die Anfänge erscheinen ja so unschuldig, das Klima so human, die Pflegekräfte so sympathisch!

Müsste man innerhalb der Kirche nicht stärker den Geist und das Wissen der Unterscheidung kultivieren? Manchmal scheinen Menschen ja regelrecht verstrickt zu sein in diese angeblichen Heilmethoden, sodass sie geradezu einen vollmächtigen Befreiungsdienst brauchen ...

Der große Heiler Pfarrer Kneipp verband seine Kuren nie mit nebulöser Mystik; sie hatten mit Wasser zu tun. Auch bei den ersten Gymnastik-Übungen des Yoga sind zunächst keine übernatürlichen Elemente erkennbar. Aber im Training wird ein geheimnisvoller Sog geweckt. In meiner Publikation habe ich Erfahrungen beschrieben, die ich dem Internet entnommen habe, die also allgemein zugänglich sind. Sie bekunden, wohin die Auslieferung an diese Yoga-Formen führen kann: „Man braucht keinen Jesus.“ Töricht ist, wer fordert: „Wasch mich, aber mach mich nicht nass!“

Was kann die Kirche in Europa denn machen, um ihr eigenes Heil(ungs)-Angebot kräftiger zu verkünden? Muss es erweitert oder vertieft werden?

Mit der Stiftung hat der Herr seiner Kirche auch den Auftrag gegeben, Not zu lindern und Elend zu wenden; schon er „zog umher, tat Gutes und heilte alle“ (Apg 10,38). Aber in seinem Leben und seiner Predigt wird deutlich, dass die Wurzel aller Misere unter Menschen die Sünde ist. Denn Jesu „Steckbrief“ – „er heilte alle“ – hat nicht zufällig den Abschluss in den Worten: „die vom Teufel besessen waren“. Wir dürfen uns als Kirche nicht – wie ich es bei Halloween zu Recht kritisiert habe – vom Irdisch-Greifbaren ganz in Beschlag nehmen lassen. Fundamentales und dauerhaftes Heil geht von Gott aus. Wehe einer Kirche, die über dem „zweiten Gebot“ der Nächstenliebe das „Erste Gebot der Gottesliebe“ vergisst. Evangelisierung darf hinter Caritas nicht zurückstehen.

Nun muss man zugeben, dass Menschen in der Kirche durch die Betonung des Dialogs zuweilen auch selbst ein bisschen zur Verwirrung oder zur Verwischung mancher Grenzen hin zu Esoterik und New Age beigetragen haben. Wie lässt sich zukünftig wieder ein klareres katholisches Profil etablieren?

Die Mode asiatischer Meditation macht den Reichtum katholischer Gott-Begegnung vergessen: die erfüllende Liturgie des Hl. Benedikt, franziskanische und jesuitische Exerzitien, die eucharistische Anbetung der Heiligen Juliana von Lüttich, die heute von „Night-Fever“ und anderen Jugendbewegungen wieder gepflegt wird. Und dann die Neuevangelisierung der „Geistlichen Bewegungen“. Sie ist kein Lückenbüßer für den Priestermangel. Vielmehr haben Christen die krankhafte Selbstverliebtheit, wie sie die Welt der Werbung züchtet und wie sie von asiatischen Meditationsmethoden gestreichelt wird, hinter sich gelassen. Und sie entdeckten, wie schön es ist, die Mitmenschen als Apostel zu Christus zu führen.

Sie glauben, dass Jesus weiterhin in dieser Kirche, die zurzeit so kompromittiert wirkt, Menschen heilen möchte und kann?

Ich glaube es nicht nur, ich erlebe es und bin dessen gewiss. Priester verkündigen Gottes Wort und spenden die Sakramente. Familien erleben Christi Liebe und das Wachstum im Glauben bei Eltern und Kindern. Männer und Frauen haben Geschmack an Gott und geben ihn weiter an Suchende. All das macht gewiss keine Schlagzeilen – aber Hoffnung.


Von Paul Josef Kardinal Cordes, dem ehemaligen Präsidenten des Päpstlichen Rates „Cor Unum“, ist aktuell bei Media Maria das Buch „Yoga – Ein religions-neutrales Gesundheitstraining?“ erschienen.

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