Exodus der Christen

Ein  Tunnel ohne  Licht

Der Libanon: von der "Schweiz des Nahen Ostens" zum gescheiterten Staat   Zu drei Vierteln will die Jugend einfach weg .
Zerstörte Stadt
Foto: (340548785) | Viele Christen verlassen den Libanon.

Sehr oft wird dieser Tage darüber berichtet, dass sich der kleine Libanon, an der Ostküste des Mittelmeeres und somit in direkter Nachbarschaft Europas gelegen, immer mehr zu einem "failed state", also zu einem gescheiterten Staat entwickelt.  Dabei wurde der Libanon früher einmal, in der "guten alten Zeit" der 1950er und 1960er Jahre als die "Schweiz des Nahen Ostens" bezeichnet, weil das Land ein wichtiger Finanzplatz war, über den die Golfmonarchien ihre Ölgeschäfte abwickelten.

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Und die libanesische Hauptstadt Beirut galt damals als das "Paris des Nahen Ostens", weil sie Europäisches und Nahöstliches so elegant verband. Dann kam der Bürgerkrieg, der das Land von 1975 bis 1990 verwüstete. Nach den langen düsteren Jahren folgten Jahre des Aufbruchs, des Wiederaufbaus und der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Von 1992 bis zum Beginn des Konfliktes im Nachbarland Syrien 2011 blühte die Wirtschaft, und die Hoffnungen schienen sich zu bewahrheiten. Heute   ein Jahrzehnt später   hat im Libanon niemand mehr Hoffnungen in die Zukunft, im Gegenteil: Wer immer kann, verlässt das Land.

Korruption

Grund dafür ist die durch und durch korrupte politische Kaste des Landes, die in den letzten Jahrzehnten das Land durch eine neoliberale und geldgierige Politik zugrunde gerichtet hat. Die Wirtschaft glich einem gigantischen Pyramidenspiel: Durch ein rekordverdächtig hohes Korruptionsniveau verprasste der Staat riesige Summen, was zu immens hohen Staatsschulden führte. Der Libanon gilt als das Land mit der weltweit höchsten Pro-Kopf-Verschuldung. Jeder versorgte seine jeweilige Klientel, die Banken gewährten aberwitzig hohe Zinsen, doch die massiven Ausgaben mussten durch immer neue Kapitalzufuhr ausgeglichen werden. Das ging jahrelang gut, doch als die Gelder schließlich aus verschiedenen Gründen ausblieben, platze die Blase. Leidtragende ist die Bevölkerung, die den Preis für die Habgier von Bankern und Politikern zahlen muss.   

Der Libanon erlebt derzeit nicht nur eine Krise, sondern eine Verquickung von mehreren Krisen. Die offensichtlichste ist die Währungskrise. Das libanesische Pfund stürzte vom vormals offiziellen Umtauschkurs von 1.500 LBP für einen US Dollar auf den zurzeit reellen Schwarzmarktkurs von ca. 20000 LBP pro Dollar, Tendenz weiter fallend. Durch die massive Entwertung der Währung sind nicht nur die Ersparnisse der Bevölkerung aufgebraucht und die Gehälter um fast 90 Prozent gefallen. Auch das allgemeine Wirtschaftsleben ist praktisch zum Erliegen gekommen, mittlerweile grassiert eine Hyperinflation.

Schwere Wirtschaftskrise

Und das in einem Land, das sich für seinen Konsum fast nur auf Importe stützt. Die Währungskrise kommt zusätzlich zu einer Bankenkrise, wegen der praktisch der gesamte Bankensektor pleite ging. Und um das Maß vollzumachen, folgten noch die Pandemie und die Folgen der verheerenden Explosionskatastrophe im Beiruter Hafen vom 4. August 2020   die wiederum ein Musterbeispiel für das Ausmaß der Verantwortungslosigkeit der libanesischen politischen Kaste ist. Dazu kommt noch eine anhaltend hohe Zahl ausländischer Flüchtlinge: Zum Jahresende 2021 waren laut UNHCR noch immer 840000 Kriegsflüchtlinge aus Syrien im Land.

Der Libanon laufe nach Aussagen des UNO-Sonderberichterstatters Olivier De Schutter wegen der schweren Wirtschaftskrise (die von der Weltbank als eine der weltweit schwersten Wirtschaftskrisen seit 1850 bezeichnet wird) und fehlender Reformen akut Gefahr, ein gescheiterter Staat zu werden. Eine beispiellose Krise habe das Land an den Rand des Zusammenbruchs gebracht und ohne umgehende Reformen werde sich die Abwärtsspirale weiter beschleunigen.

In den vergangenen zwei Jahren ist fast die ganze Mittelschicht unter die Armutsgrenze gerutscht   laut  den Vereinten Nationen leben heute 78 Prozent der libanesischen Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze. Zunehmend kann oft nicht einmal die Grundversorgung mehr garantiert werden. Der massive Verfall der libanesischen Währung hat zu einer starken Inflation geführt. Alleine die Preise für Lebensmittel sind seit 2019 um mehr als 400 Prozent gestiegen. Immer mehr Familien lassen jede Woche mehrere Mahlzeiten ausfallen, da sie sich die Nahrungsmittel nicht mehr leisten können.

Nur Nothilfe 

Anstatt nachhaltiger Entwicklungsprojekte müssen Hilfsorganisationen wie die Initiative Christlicher Orient (ICO) immer häufiger Nothilfe leisten und Suppenküchen und Schulausspeisungen finanzieren. Auch der Bildungssektor ist massiv betroffen: Immer mehr kirchlichen Privatschulen   noch immer das Rückgrat des libanesischen Schulsystems   droht aus Geldmangel die Schließung. Tägliche Stromausfälle sind für den Großteil der Bevölkerung die Regel und Treibstoff gibt es auch kaum noch   eine Tankfüllung kostet inzwischen so viel wie der durchschnittliche Mindestlohn! Viele Menschen können sich ihre Medikamente nicht mehr leisten  die Aufzählung lässt sich noch lange fortsetzen.

Die Folgen dieser Entwicklung sind fatal: Laut Umfragen wollen mindestens drei Viertel der jungen Libanesen auswandern, wie eine Studie der American University of Beirut (AUB) aufzeigt   das ist der höchste Wert in der ganzen arabischen Welt. Hunderttausende Menschen könnten das Land in den nächsten Jahren verlassen. Nasser Yassin von der AUB spricht deshalb von der dritten großen Auswanderungswelle, nach dem ersten großen Exodus in den Jahren zwischen 1865 und 1916 (ca. 330.000 Menschen verließen damals das Land) und einer zweiten Welle während der Jahre des Bürgerkrieges (1975 bis 1990), als fast eine Million Libanesen ihrer Heimat den Rücken kehrte.

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Exodus der Christen

Heute sind es vor allem gut ausgebildete Fachkräfte, die das Land verlassen: Ärzte und Krankenschwestern, aber zunehmend auch Universitätsdozenten und Lehrer. Alleine die AUB verlor im letzten Jahr 190 Lehrende, was 15 Prozent des Lehrpersonals ausmacht. Von dieser Entwicklung sind nicht nur die Christen betroffen, sondern natürlich die gesamte Bevölkerung.

Bei den Christen wiegt der Exodus aber schwerer, da sie ohnehin schon eine Minderheit sind, die dadurch immer kleiner wird. Erst unlängst schilderte mir meine langjährige libanesische Bekannte Rita, eine Maronitin und engagierte Lehrerin, die ich immer als optimistisch und lebensfroh kannte: "Ich bin zwar von Natur aus optimistisch und gläubig, aber derzeit fühle ich mich wie in einem Tunnel, bei dem man das Licht am Ende nicht sieht. Wir wollen doch nur in Würde leben, aber das ist in diesem Land nicht mehr möglich." Sollte sich eine Möglichkeit bieten, so wird auch sie zweifellos den Libanon verlassen.


Der Autor ist Projektkoordinator des Hilfswerks Initiative Christlicher Orient (ICO).

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