Leitartikel

Ein päpstlicher Weckruf

Papst Franziskus hatte mit seinen dramatischen Warnungen recht. Heute manifestiert sich die tiefe moralische Krise des Westens in weltpolitischer Schwäche.
Papst Franziskus und das diplomatische Korps beim Heiligen Stuhl
Foto: imago stock&people (imago stock&people) | In seiner Ansprache an das diplomatische Korps beim Heiligen Stuhl sandte der Papst einen deutlichen Weckruf in die Welt.

Vielen kann man vorwerfen, schlafwandlerisch in jene Katastrophen gestolpert zu sein, die sich heute in der Ukraine, in Nahost und im Kaukasus, morgen vielleicht im Ost- und Südchinesischen Meer abspielen: Politikern, die Wladimir Putin für einen seriösen, rationalen Gesprächspartner hielten, die auf Wandel durch Handel setzten, die im Namen einer globalisierten Wirtschaft Abhängigkeiten von China zuließen, aber auch vielen Medien, die Wunschdenken und Wirklichkeit verwechselten. Papst Franziskus war jedoch nie naiv: Bereits im Juni 2015 warnte er bei seinem Besuch in Sarajevo, es gebe „eine Art Dritter Weltkrieg, der stückweise geführt wird“.

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Ideale werden nicht geteilt

Offensichtlicher als damals ist heute, dass die Sternstunde der Geschichte, die sich mit dem Zusammenbruch des Ostblocks und der Sowjetunion vor drei Dekaden auftat, nicht genutzt wurde: weder zu einer profunden Aufarbeitung des toxischen Erbes des Kommunismus noch zum Aufbau einer stabilen Friedensordnung. Putin und seine Clique teilten zu keiner Zeit die europäischen Ideale von Rechtsstaatlichkeit, Demokratie und Freiheit, sondern mischten Sowjetnostalgie, großrussischen Imperialismus und Machtstreben zu einer explosiven Ideologie. Weder die brutale Niederschlagung des tschetschenischen Freiheitsstrebens noch die Überfälle Moskaus auf Georgien 2008 und die Ukraine 2014 weckten den Westen aus seinem pazifistischen Tagtraum. Das schaffte erst Putins mörderische Invasion in der Ukraine im Februar 2022.

Papst Franziskus
Foto: IMAGO/Angelo Carconi (www.imago-images.de) | Seit langer Zeit schon warnt Papst Franziskus vor dem dritten Weltkrieg in Stücken.

"Papst Franziskus war nie naiv:
Bereits 2015 warnte er
vor dem dritten Weltkrieg in Stücken."

Papst Franziskus hat in seiner Ansprache an das Diplomatische Korps am Montag den Krieg in der Ukraine „mit seiner Spur von Tod und Zerstörung, mit den Angriffen auf die zivile Infrastruktur, bei denen Menschen nicht nur durch Bomben und Gewalt, sondern auch durch Hunger und Kälte ihr Leben verlieren“ in einen größeren Kontext gestellt: „Heute ist der dritte Weltkrieg in einer globalisierten Welt im Gange, in der die Konflikte zwar nur bestimmte Gebiete des Planeten unmittelbar betreffen, aber im Grunde genommen alle mit einbeziehen.“ In der Tat: Es gab zwar keine Globalisierung der Werte und rechtsstaatlichen Prinzipien, aber eine Globalisierung in Ökonomie und Information. In dieser kleiner gewordenen Welt betrifft tatsächlich weite Teile des Globus, was sich an scheinbar entlegenen, wenig beachteten Orten zuträgt.

Das Gewissen der Welt 

Nur einer Minderheit waren vor einem Jahr Cherson oder Bahmut ein Begriff, dennoch hungern heute Menschen in Ostafrika, weil die Kornkammer Ukraine attackiert wird. Wenige Menschen reflektierten über globale Lieferketten und deren Verwundbarkeit, bis die Corona-Krise schlagartig ins Bewusstsein rückte, dass unsere Arzneimittelversorgung ganz von China abhängt.

Verantwortungsbewusste Politiker täten gut daran, die Ansprache des Papstes gründlich zu studieren, denn „der dritte Weltkrieg in Teilen“, den er hier in der Tradition seiner Vorgänger seit Benedikt XV. analysiert, wird uns noch sehr viele Jahre betreffen und beschäftigen. Papst Franziskus mahnt, die Dauerkrisen in Nahost und Afrika nicht zu übersehen. Er schärft den Blick für die vielfältigen Bedrohungen der Rechtsstaatlichkeit. Der Papst ist aber auch deshalb ein Gewissen der Welt, weil er in seiner glasklaren Analyse keineswegs auf einem Auge blind ist: Indem er die Abtreibung zu den Gefahren für den Frieden zählt, legt er die moralische Krise des Westens offen – eine moralische Krise, die sich in weltpolitischer Schwäche manifestiert.

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Stephan Baier Papst Franziskus Päpste Wladimir Wladimirowitsch Putin

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