Olaf Scholz

Ein Mann seiner Generation

Mit seinem Auftritt in Moskau hat Olaf Scholz innenpolitisch gepunktet. Doch gleichzeitig offenbarte er auch die Probleme der "Generation" Scholz.
Bundeskanzler Scholz in Moskau
Foto: Kay Nietfeld (dpa) | Bundeskanzler Olaf Scholz spricht auf einer Pressekonferenz im Hotel Ritz Carlton. Scholz war zuvor zu einem mehrstündigen Vier-Augen-Gespräch mit Russlands Präsident Putin im Kreml zusammengetroffen.

Ist Olaf Scholz vielleicht doch ein besserer Psychologe als man es bisher dem nüchternen Hanseaten zugetraut hätte? Gewiss, dass die Beliebtheitswerte des Bundeskanzlers nur kurz nach seinem Amtsantritt nach unten gefallen sind, das hatte sicherlich auch mit seiner zurückhaltenden, wenig Führung zeigenden Haltung in den letzten Wochen der Russland/Ukraine-Krise zu tun. Aber die Deutschen straften ihren Kanzler hier nicht ab – man mag es beklagen –, weil die Bevölkerung in ihrer Mehrheit mit dem ukrainischen Volk besonders mitleiden würde und sich deswegen ein entschlosseneres Vorgehen gegen den Aggressor Russland wünschte.

Er hat die Seelenlage der Deutschen getroffen

Die Menschen treiben in dieser Frage andere Sorgen um: Krieg – das kennt die Mehrheit der jetzt lebenden Deutschen nur aus dem Geschichtsbuch. Die Erkenntnis, dass ein Krieg eben nicht nur ein rein historisches Phänomen sei, sondern in Europa plötzlich zur Realität werden könnte, ist für sie ein Schock. Und in dieser Situation verlangt der Bürger nach Orientierung, nach Führung und eben nach einem Regierungschef, der genau diese Eigenschaften zeigt.

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Als Scholz bei seinem Besuch in Moskau sagte, er gehöre zu der Generation, für die Krieg in Europa undenkbar geworden sei, zeigte sich der 63-Jährige eben als typischer Vertreter dieser Generation. Und als er anfügte, er empfinde es als seine „verdammte Pflicht“ dazu beizutragen, dass dies auch so bleibe, dürfte er die Seelenlage der deutschen Bevölkerung getroffen haben. Ob er bewusst diesen psychologischen Schachzug gewählt hat oder nicht, innenpolitisch hat er damit einen Punkt gemacht. Verbunden mit der Tatsache, dass eine Eskalation, freilich nicht nur wegen der Diplomatie der Bundesregierung, vorerst gestoppt zu sein scheint, hat er den Deutschen das geliefert, wonach sie sich sehnten: Beruhigung.

Damit zeigen sich aber auch die Probleme der Generation Scholz: Sie steht in der Gefahr, außenpolitisch und auch von der historischen Dimension her zu kurzfristig zu denken. Die Ausnahmesituation Europas in den letzten sieben Jahrzehnten ist eben nicht ein politischer Normalzustand. Ist die Generation Scholz dazu in der Lage, den emotionalen Schock zu verkraften, der für sie in dieser Erkenntnis liegt? Oder gibt sie der Versuchung nach, nur den Status quo zu bewahren – um dann, sollte sich die Lage tatsächlich entspannen, die geostrategischen Herausforderungen schnell zu verdrängen? Scholz wird dieser Frage nicht ausweichen können. Fest steht, dass die Generation Putin hier ganz anders tickt. Und mit dem russischen Präsidenten wird er noch einige Jahre zu tun haben.

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