Schwäbisch Gmünd

Ein hervorragender Start für „Leben.Würde“

Erstmals veranstalten Lebensrechtler in Deutschland einen mehrtägigen Kongress: Impressionen von einem gelungenen Experiment.
Kongress "Leben.Würde"
Foto: Daniela Städter/idea | Das Eröffnungspodium: (v.l.n.r.) Sandra Sinder, Alexandra Linder, Christiane Lieberknecht, Carmen Czampiel, Cornelia Kaminski, Paul Cullen.

Fünfzig Kilometer östlich von Stuttgart gelegen, befindet sich zwischen den Randhöhen des Welzheimer Waldes die ehemalige Reichsstadt Schwäbisch Gmünd. Mit rund 61.000 Einwohnern ist sie größte im Remstal. Hierhin luden am vergangenen Wochenende der „Bundesverband Lebensrecht“ (BVL) gemeinsam mit der Evangelischen Nachrichtenagentur „Idea“ und dem Christlichen Gästezentrum Württemberg „Schönblick“ zum Kongress „Leben.Würde“. Es war ein Experiment, das ambitionierter kaum hätte ausfallen können. Ein ganzes Wochenende mit Vorträgen, Podiumsdiskussionen, Seminaren und Workshops – 37 an der Zahl, viele davon parallel veranstaltet – hatten die Veranstalter auf die Beine gestellt. Am Ende nahmen mehr als 450 Besucher an dem Experiment teil und besuchten eifrig zahlreiche der angebotenen Veranstaltungen.

Damit nicht genug: Auf dem weitläufigen Tagungsgelände – das Gästezentrum verfügt über mehr als 200 Zimmer und ein Dutzend Seminarräume – hatten mehr als 40 Lebensrechtsorganisationen, Initiativen und Medienhäuser ihre Infostände aufgebaut. Stets gut frequentiert erlebten sie in den Pausen einen wahren Ansturm.

Die Lebensrechtszene ist weiblich geprägt

Die Schirmherrschaft über den Kongress hatte die ehemalige thüringische Ministerpräsidentin und evangelische Pastorin Christine Lieberknecht gemeinsam mit dem Passauer Bischof Stefan Oster übernommen. Während der Bischof den Teilnehmern eine Videobotschaft übermitteln ließ, waren die CDU-Politikerin, ebenso wie ihre Parteifreundin Sylvia Pantel und der langjährige SPD-Bundestagsabgeordnete Robert Antretter direkt vor Ort.

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Über einen Mangel an Prominenz konnte sich ohnehin niemand beschweren. Mit der katholischen Religionsphilosophin Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz von der Philosophisch-Theologischen Hochschule Benedikt XVI. Heiligenkreuz, dem protestantischen Theologen Christoph Raedel von der Freien Theologischen Hochschule Gießen, dem Rechtsphilosophen Jörg Benedict von der Universität Rostock und dem emeritierten Osnabrücker Sozialwissenschaftler Manfred Spieker waren selbst die Wissenschaften auf das Angenehmste vertreten. Und auch die Kirchen machten „bella figura“ mit dem emeritierten Bischof der evangelischen Kirche in Norddeutschland, Hans-Jürgen Abromeit, dem Rottenburger Weihbischof Thomas Maria Renz und dem koptischen Bischof Anba Damian der koptisch-orthodoxen Kirche in Norddeutschland. Während am Samstag auf dem Marktplatz der Stadt eine Demonstration stattfand, zu der die „Fraueninitiative Schwäbisch Gmünd“ unter dem Motto „Keinen Schritt zurück! Für ein selbstbestimmtes Leben und Lieben“ gegen den „,Lebensschützer-Kongress‘ im Schönblick“ aufgerufen hatte, veranstalteten die Lebensrechtler im Seminarhaus des Gästezentrums ihre Workshops.

"Neonazis der AfD" sucht man vergeblich

Die trugen Titel wie: „Unser Leben neun Monate vor der Geburt – Einblick in eine faszinierende und gefahrvolle Zeit“, „Patin für neun Monate – praktische Hilfe, Begleitung und Ermutigung für Schwangere“, „Natürlich schwanger werden und bleiben – moderne Medizin bei unerfülltem Kinderwunsch“, „Heilung nach Abtreibung – Verarbeitung und begleitende Seelsorge für Betroffene“ oder auch „Würdevolles Sterben – Menschen in der letzten Lebensphase seelsorgerisch begleiten“, „Suizid: Fakten und seelsorgerischer Umgang“ sowie „Einstellungen zu Tod und suizidalem Verhalten im Alter.“Einen „Angriff auf gesellschaftliche Errungenschaften“ sowie „eines ,Zurücks in alte Ordnungen“ einer „reaktionären, patriarchalen und autoritären Gesellschaft“ sowie einer Retraditionalisierung von Geschlechter- und Familienbildern, suchte man auf dem Kongress ebenso vergeblich wie die „Neonazis der AfD“, „christliche Fundamentalisten“ und „kirchliche Hardlinern“ oder „rechte Akademiker“, gegen die in dem Aufruf der Fraueninitivative Schwäbisch Gmünd gekeilt wurde.

Wobei sich selbstverständlich nicht ausschließen lässt, dass zumindest einige Frauen aus dem Remstal über hellseherische Fähigkeiten verfügen, die dem durchschnittlichen Kongressbesucher verwehrt bleiben. Weil dieser aber niemandem hinter die Stirn zu blicken vermag, muss er sich mit dem zufrieden geben, was für jemand sichtbar war.

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Und dazu gehörten Familien mit Kindern mit Behinderungen ebenso wie Väter, die kleine Kinder im Wickeltuch umhertrugen oder mit den größeren auf den Sportanlagen spielten, während ihre Frauen Vorträge hielten oder als Zuhörerinnen besuchten. Anders all die Gegendemonstranten trug außer einer Handvoll katholischer Priester auf dem Kongress auch kaum jemand schwarz. Den „Nazi-Style“ suchte man also vergeblich.
Überhaupt wird die Lebensrechtsszene in Deutschland seit Jahrzehnten von Frauen dominiert. Und auch auf dem Kongress „Leben.Würde“ war dies überall mit Händen greifbar.

Ein Beispiel: Allein von den 40 Workshop-Referenten – viele der Workshops wurden von einem Referenten-Duo geleitet – waren allein 25 Frauen (62, 5 Prozent). Dass diese, kaum dass sie zu Hause sind, nichts Eiligeres zu tun haben sollen, als dem „Göttergatten“ die Pantoffel zu reichen und sich selbst in die Tracht des „Bunds deutscher Mädchen“ zu werfen, ist zwar eine reichlich absurde Vorstellung, wirft aber die Frage auf, wie Zuschreibungen wie die oben zitierten, eigentlich anders zustande kommen sollen (siehe dazu auch Seite 8 in dieser Ausgabe).

Lebensschützer werden mit Klischees überhäuft

Laut der BVL-Vorsitzenden Alexandra Linder verfolgten die Veranstalter mit dem Kongress in erster Linie zwei Ziele. Zunächst ginge es darum „der Öffentlichkeit zu zeigen, welche wichtigen Themen es gibt, mit den wir uns unbedingt beschäftigen müssen.“

So müssten sich Politik und Gesellschaft, aber auch der Einzelne fragen: „Wie gehen wir mit Menschen vor der Geburt um? Wie mit Menschen, die sich in einem Schwangerschaftskonflikt befinden? Wie gehen wir mit Menschen am Ende des Lebens um? Mit Menschen, die sich in derart schweren Lebenslagen befinden, dass sie vielleicht über einen assistierten Suizid nachdenken?“ Das zweite Ziel sei die „Vernetzung“ untereinander. Linder: „Wir freuen uns daher sehr, dass nicht nur Lebensrechtsorganisationen hier sind, sondern auch andere Vereine. Wir reden ja nicht nur theoretisch, sondern arbeiten das ganze Jahr über praktisch. Da geht es um Beratung, um Hilfe, um Alternativen in Lebenslagen, die für Menschen dramatisch und konfliktbeladen sind. Da ist es natürlich super, wenn wir ganz viele Vereine haben, die sich in dieser praktischen Arbeit vernetzen wollen.“ Vernetzten wollen sich offensichtlich auch viele der einfachen Besucher.

Nach Gesprächen bei Mittag- oder Abendessen oder am Ende der einer Kaffeepausen wurden nicht selten Visitenkarten oder Kontaktdaten via Handy getauscht. Viele schienen sich von der Gemeinschaft gestärkt und getragen zu fühlen. „Zuhause habe ich oft das Gefühl, ich bin die Einzige, die denkt, dass Abtreibung nicht in Ordnung ist. Hier erlebe ich endlich mal, das stimmt gar nicht“, sagt eine sehr erleichtert und zufrieden wirkende Mutter zweier Kinder aus den neuen Bundesländern. Für andere stand der Wissenserwerb im Vordergrund. „Ich bin hier, um Wissen, das ich mir bereits angeeignet habe, zu vertiefen und neue Gebiete zu erschließen“, erzählt eine Medizinstudentin, die kurz vor dem Ersten Staatsexamen steht und aus Sorge vor Repressalien ihren Namen nicht in der Zeitung lesen will.

Es geht auch um Orientierungswissen

An Möglichkeiten dazu herrschte an diesem Wochenende kein Mangel: Neben dem vor allem in den Workshop vermittelten Fachwissen ging es auch den Podien auch um Orientierungswissen. Da bat etwa der noch im Zweiten Weltkrieg geborene SPD-Politiker Robert Antretter die Kongress-Teilnehmer sich auch politisch zu engagieren: „Überlasst das Land nicht denen, von denen ihr nicht regiert werden wollt.“ Und schob, ganz Realist, hinterher: „Wir werden aus der Erde nicht den Himmel machen, aber wir können Vieles dazu beitragen, dass aus diesem wunderbaren Planeten keine Hölle wird.“

Die Religionsphilosophin Hanna-Babara Gerl-Falkovitz entschlüsselte unter Rückgriff auf die Geistesgeschichte, darunter auch auf Beiträge der von den Nationalsozialisten deportierten und in Auschwitz vergasten jüdischen Philosophin, Frauenrechtlerin und katholischen Ordensschwester Edith Stein, die Papst Johannes Paul II. 1998 heiligsprach, die Begriffstrias „Leib – Leben – Liebe“.

Der protestantische Theologe Christoph Raedel erinnerte daran, dass Christen in jedem Menschen das Antlitz Christi erblickten. Das gelte auch „für radikale Abtreibungsgegner“. Es gebe „kein größeres Zeugnis für die Liebe Gottes als auch diese Menschen zu lieben“. Was die im „Schönblick“ versammelten angeblichen „Nazis“ und „Frauenverächter“ mit lautstarkem wie anhaltendem Applaus goutierten.

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