Moskauer Patriarch

Ein Hassprediger in Patriarchenrobe

Das Oberhaupt der russischen Orthodoxie ist Putins Kombattant: Kyrill betreibt nicht nur ideologische Geschichtsklitterung, sondern argumentiert blasphemisch. Ein Kommentar.
Kyrill zog Parallele zwischen dem „Opfer“ der russischen Soldaten und dem Lebensopfer Christi
Foto: IMAGO/Alexander Demianchuk (www.imago-images.de) | In seiner Predigt zog Kyrill eine Parallele zwischen dem „Opfer“ der russischen Soldaten und dem Lebensopfer Christi als „höchste Manifestation der Nächstenliebe“.

Kyrill Gundjajew ist nicht der erste Kirchenfürst, der Waffen segnet und Kriege rechtfertigt. Er ist nicht der erste Patriarch, der einem aggressiven Nationalismus verfällt, den grausamen Eroberungs- und Vernichtungskrieg seines Landes verteidigt und sich weigert, die Leiden des überfallenen Volkes zur Kenntnis zu nehmen. Mit seiner Predigt vom vergangenen Sonntag hat sich der „Patriarch von Moskau und ganz Russland“ aber auf dem Trampelpfad seiner Verschwörungstheorien endgültig ins Reich der Häresie verabschiedet.

Zynisch, makaber - eine Häresie

Kyrill behauptete, dass jene russischen Soldaten, die „aus Pflichtgefühl“ und in Erfüllung ihres Eids im Militärdienst sterben, ein Lebensopfer bringen, und „dass dieses Opfer alle Sünden hinwegwäscht, die eine Person begangen hat“. Das ist nicht nur zynisch, makaber und eines Priesters unwürdig, sondern eine Häresie: Kyrill erklärt die Mörder und Vergewaltiger, die in der Ukraine Zivilisten foltern, entführen, sexuell missbrauchen, töten und in Massengräber werfen, zu Märtyrern. Das ähnelt dem Märtyrer-Begriff islamistischer Terroristen vom Schlage Al-Kaida oder Boko Haram, nicht dem christlichen Verständnis.

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In seiner Predigt zog Kyrill eine Parallele zwischen dem „Opfer“ der russischen Soldaten und dem Lebensopfer Christi als „höchste Manifestation der Nächstenliebe“. Diese Parallele ist schlicht blasphemisch! Der christliche Märtyrer ist in der Nachfolge Jesu ein Mensch der Gewaltlosigkeit und der Hingabe: bereit zu sterben, aber nicht zu töten, zu lieben, aber nicht zu hassen. Die tschetschenischen Schlächter, die Berufsmörder der Wagner-Gruppe und die Strafgefangenen in Uniform, die Putin in die Ukraine geschickt hat, verkörpern das Gegenteil: Sie stehlen, morden, quälen und vergewaltigen. Nach Angaben einer UN-Untersuchungskommission war das jüngste von russischen Soldaten vergewaltigte Kind vier Jahre alt! Bei allem Mitleid mit den jungen Rekruten, die Putin als Kanonenfutter ins Nachbarland sendet, und mit den Männern, die jetzt zwangsrekrutiert werden: Sie sterben nicht für Gottes Reich, sondern für Putins imperialen Traum, nicht für Christus, sondern für jene großrussische Wahnidee, die Kyrill bewirbt. Sie sind ebenso wenig Märtyrer wie Kyrill Christ ist.

Von christlichem Leben verabschiedet

Wäre der Moskauer Patriarch ein Christ, dann würde er zumindest die Leiden der Zivilisten beklagen, den Raketenbeschuss von Schulen, Krankenhäusern, Wohnsiedlungen und Kirchen kritisieren, den Kriegstreiber im Kreml zur Mäßigung mahnen. Das Gegenteil ist der Fall: Seit Beginn der Invasion in der Ukraine rechtfertigt das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche Putins Überfall auf das Nachbarland mit der abenteuerlichen Argumentation, die Ukrainer seien gar keine eigene Nation, sondern Russen, denen der böse Westen eine eigene Identität eingeredet habe.

Für diese Verschwörungstheorie hat Kyrill eine pseudo-theologische Begründung: Alle, die im Jahr 988 „aus dem selben Taufbecken gekrochen“ seien, bildeten eine, nämlich die russische Nation, behauptet Kyrill. Das ist nicht nur übelste Geschichtsklitterung, weil 988 keine Nationen im heutigen Sinn bestanden, sondern Häresie: Die Taufe konstituiert nämlich keine nationale Einheit, sondern die Einheit der Glieder am Leibe Christi. Durch die Taufe wird der Mensch nicht Russe, sondern Christ. Doch von einem christlichen Leben aus der Taufgnade hat sich der Hassprediger und Häretiker Kyrill Gundjajew längst verabschiedet.

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