Flucht vor dem Krieg

„Du weißt, jede Sekunde kannst du sterben“

Viele Frauen sind aus der Ukraine geflohen. In der Heimat drohten ihnen Vergewaltigung, in Deutschland lauern Menschenhändler. Die 28-jährige Ulyana berichtet von ihren Erlebnissen.
Ukraine-Krieg - Kiew
Foto: Natacha Pisarenko (AP) | Nila Zelinska ist zu ihrem zerstörten Haus in Kiew zurückgekehrt. Sie hat in den Trümmern eine Puppe ihrer Enkelin gefunden.

Die Frauen leiden unter dem Krieg in der Ukraine. Viele sind zusammen mit ihren Kindern vor den russischen Soldaten geflohen. Sie fürchteten Vergewaltigungen, hier in Deutschland droht ihnen Gefahr von Menschenhändlern. Die 28-jährige Ulyana (Name von der Redaktion geändert) ist zusammen mit ihrer kleinen Schwester aus Kiew geflohen. „Der Krieg hat mein Leben verändert, all meine Pläne zerstört,“ sagt Ulyana. Die 28-jährige Ukrainerin lebte bis vor drei Wochen in Kiew. Seit sie nachts in der ukrainischen Hauptstadt von Bombenexplosionen geweckt wurde, ist nichts in ihrem Leben wie zuvor. Ulyana wollte eigentlich in der Ukraine bleiben, mit ihrem Volk ausharren. Doch ihre kleine Schwester litt so unter der Lage, dass Ulyana beschloss,  mit ihr nach Deutschland zu flüchten.

Angst vor Vergewaltigung

Neunzig Prozent der ukrainischen Flüchtlinge sind Frauen und Kinder. Sie fliehen nicht nur vor den Bomben. Die russischen Soldaten verbreiten Angst durch Gewalt, gerade auch sexualisierte Gewalt. „Ich hatte keine Angst zu sterben, nur davor, vergewaltigt zu werden“, erklärt Ulyana, die durch Bekannte von solchen Fällen hörte. Sie spielt auch eine Aufnahme vor, die in der Ukraine kursiert, in der ein russischer Soldat mit seiner Ehefrau telefoniert. „Ich habe schon eine Ukrainerin vergewaltigt“, erzählt der Mann. „Mach weiter, ich gebe dir die Erlaubnis“, antwortet die Ehefrau.

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Die Europäische Union hat auf Berichte über sexuelle Gewalt durch russische Soldaten bereits reagiert und Russland aufs Schärfste verurteilt: Der „Einsatz sexueller und geschlechtsspezifischer Gewalt als Waffe [ist] ein Kriegsverbrechen“. Auch Menschenhändler nehmen ukrainische Frauen und Kinder ins Visier. Sie geben sich an Bahnhöfen oder an der Grenze als Transportunternehmer aus und nehmen den Opfern ihr Handy und ihre Ausweisdokumente ab.

Sehnsucht nach der Heimat

Ulyana wurde von Freunden vor  ihrer Flucht vor solchen Verbrechern gewarnt, die nach ukrainischen Flüchtlingen Ausschau halten. „Ich wusste genau, dass ich mich nur an offizielle Stellen wenden durfte, und meinen Pass oder mein Handy nicht aus der Hand geben sollte.“ Für die Unterstützung der Deutschen ist Ulyana dankbar. „Trotzdem will ich wieder in die Ukraine“, sagt sie. Auf Ukrainisch gibt es ein Sprichwort: Die eigenen vier Wände sind wie ein Balsam, übersetzt es Ulyana. „Die Ukraine ist meine Heimat, und ich möchte dorthin zurück und dafür kämpfen. Wieso sollte ein Fremder kommen und mir sagen, dass ich mein Haus verlassen soll?“

Doch viele sehen sich zur Flucht gezwungen, besonders Frauen, die innerhalb der Ukraine oder ins Ausland fliehen. Dabei nehmen viele ihre eigenen oder die Kinder von Angehörigen mit. Viele Flüchtlingslager sind nur für den Übergang geeignet, die Geflohenen sind Armut und Diskriminierung ausgesetzt, sie erleiden weitere Traumata nach allem, was sie seit Beginn des Krieges erlebt haben.

Du kannst jede Sekunde sterben

Bombenexplosionen weckten Ulyana in jener Nacht. „Ich wusste gleich, was geschehen war. Aber ich konnte es nicht verstehen“, erzählt sie. „Danach bin ich einfach wieder ins Bett gegangen, bis mich meine kleine Schwester weckte.“ Sie reflektiert ihre Erfahrungen, weiß, dass diese sie von der Erlebniswelt der meisten Deutschen trennt. „Du weißt, dass du jede Sekunde sterben kannst. Das kann man nicht verstehen, wenn man es nicht erlebt hat.“

Zwei Monate bleibt Ulyana noch in Kiew. Sie trinkt das ungenießbare Leitungswasser, als die Trinkwasserreserven einmal zur Neige gehen. Schläft abwechselnd im schimmligen Keller oder auf dem Matratzenlager ihrer Familie. Steht vor den geschlossenen Türen der Supermärkte, auf die man sich nicht mehr verlassen kann. Und dann sind da die Geschichten von Bekannten, die ermordet oder vergewaltigt wurden. Sie erzählt von der Familie eines Bekannten, die von russischen Soldaten angewiesen wurde, ihr Haus zu räumen – ein idyllisches Haus mit Gemüsegarten. Als das Auto mit der Familie aus der Einfahrt rollt, sprengen die Soldaten es mit einer Mine in die Luft.

Zu spät für die Flucht

Ulyanas Familie schlief im Wohnzimmer oder im Keller, wenn der Luftalarm losging. „Wir wollten zusammen sein, wenn die Bombe kommt. Darüber haben wir offen gesprochen. Es gab keine Zeit mehr, um etwas nicht zu sagen.“ Ulyana lernte, wo man vor den Bomben am sichersten ist. Noch immer denkt sie automatisch darüber nach, wo sie sich verstecken würde, wenn sie ein Gebäude betritt. Selbst im Zug aus Polen bedeckt Ulyana, jedes Mal, wenn bei der Abfahrt des Zuges eine laute Glocke schrillt, ihren Kopf instinktiv mit den Armen. Jedes unbekannte, laute Geräusch löst diese Reaktion aus. Nur langsam, sagt sie, kehrten ihre Kräfte zurück.

Für einige ist es zu spät für die Flucht. Berichten zufolge wurde etwa eine halbe Million ukrainischer Zivilpersonen gewaltsam deportiert, darunter mindestens 2 300 Kinder. Andere Schätzungen liegen bereits über einer Million Deportierter. „Sie bringen diese Kinder nach Russland, obwohl sie eine gute Kindheit in der Ukraine haben, eine gute Familie“, berichtet Ulyana, die einen solchen Fall aus ihrem Bekanntenkreis kennt. „Sie bieten die ukrainischen Kinder russischen Familien zur Adoption an. Und ändern bewusst die Regelungen für die Adoption, damit es schnell geht.“

Leihmütter dürfen nicht fliehen

Unter einer anderen Form von Diskriminierung leiden ukrainische Leihmütter. Die Ukraine ist eines der wenigen Länder Europas, in denen kommerzielle Leihmutterschaft erlaubt ist. Das Angebot richtet sich an unfruchtbare Ehepaare – nur konventionell verheiratete Ehepaare dürfen in der Ukraine eine Leihmutterschaft beantragen. Das Paar, das die Leihmutterschaft in Auftrag gibt, kann entweder selbst Ei- und Samenzelle spenden oder externe Spenden beantragen. Anschließend findet die Befruchtung über In-Vitro-Fertilisation statt. Der Embryo wird schließlich der Leihmutter eingepflanzt.

Die Leihmütter werden streng überwacht. Viele Verträge schließen aus, dass die Leihmütter ohne Erlaubnis der Agentur mit öffentliche Verkehrsmitteln fahren, bestimmte Shampoos benutzen oder sogar Kaffee trinken. Jetzt, im Krieg, hindern diese Verträge, die den Körper der Leihmütter für die biologischen Eltern verzwecken, diese Frauen auch an der Flucht. Nach der Recherche dieser Zeitung stammen viele Leihmütter aus armen Verhältnissen. Wenn sie die Statuten des Vertrages brechen, fürchten viele, dass das Gehalt ausbleibt – und die medizinische Versorgung während der Schwangerschaft.

Im Ausland hätten Leihmütter Ansprüche aufs Kind

Die Leihmutteragenturen haben gute Gründe dafür, die Leihmütter von der Flucht ins Ausland abzuhalten. Weil Leihmutterschaft in den meisten angrenzenden Ländern verboten ist, wird es bürokratisch kompliziert: Bringt eine Leihmutter zum Beispiel in Polen das Kind zur Welt, wäre sie rechtlich die Mutter des Kindes. Diese rechtliche Verbindung zugunsten der Mutter wieder zu lösen, die das Kind in Auftrag gegeben hat, dürfte kompliziert sein.

Unter dem Radar blieb auch das Leid für die Familien der Leihmütter. Als Garantie für ihre Fruchtbarkeit müssen Leihmütter mindestens ein gesundes, eigenes Kind vorweisen können. Weil Leihmütter ein gewisses Alter nicht überschreiten dürfen, sind sie meist selbst schon junge Mütter. Als der Krieg ausbrach, befanden sich viele Leihmütter in den größeren Städten wie Kiew und Lwiw, wo ihre letzten Schwangerschaftsmonaten von den Agenturen medizinisch überwacht wurden. Die eigenen Kinder der Leihmütter dürften in diesen Monaten von ihren Müttern getrennt oder, unwahrscheinlicher, mit ihnen zusammen im Kriegsgebiet sein.

Nicht abgeholte Kinder

Zeitungen wie die „New York Times“, der „Spiegel“ oder die „Welt“ berichteten von Bunkern in Kiew voller Babys, und von Eltern, die nicht wussten, wie sie ihre Kinder abholen sollten. Es sind tapfere Frauen, Pflegerinnen, die bei den elternlosen Babys bleiben und sich um sie kümmern, auch wenn über ihren Köpfen Bomben fallen. Nach der Recherche diese Zeitung sind aber auch Fälle zu befürchten, in denen Eltern nicht mehr bereit sind, ihre Babys unter Kriegsbedingungen abzuholen und zu adoptieren. Immer wieder gab es schon vor dem Krieg inoffizielle Berichte von nicht abgeholten Kindern aus Leihmutterschaften, die illegal an Menschen verkauft wurden, die nicht ihre biologischen Eltern sind, oder die offiziellen Bestimmungen der Ukraine nicht erfüllen, zum Beispiel alleinerziehend sind.

Vor Ulyanas Mehrfamilienhaus in Kiew gibt es eine kleine Rasenfläche. Zwischen den Angriffen hatte Ulyanas Familie begonnen, die Rasenfläche zu bestellen, Samen auszusäen. „Die Passanten haben uns plötzlich gegrüßt und sich mit uns unterhalten“, erzählt Ulyana. „Das gab es vorher in Kiew nicht, dass man fremden Menschen ,Hallo' sagt.“ Einheit, Solidarität, Loyalität: Glück im Unglück? Ulyana schüttelt den Kopf: „Es ist schön, unser Land so vereint zu sehen. Aber der Preis ist zu hoch.“

Frauen stellen 15 Prozent der Armee.. „Es [gibt] Hinweise darauf, dass ukrainische Soldatinnen in Gefangenschaft gefoltert, erniedrigt und sexueller Gewalt ausgesetzt wurden“, heißt es in einem EU-Dokument. Ulyana weiß das. Trotzdem wollte sie zum Militär gehen und kämpfen. Doch ihre Mutter hielt sie ab.  „Die Frauen machen alles. Sie kämpfen als Soldatinnen. Und sie kochen, fahren Autos, spenden Geld. Jeder hilft, wo er kann“, fährt Ulyana fort. „Frauen und Männer. Wir kämpfen zusammen für uns, für unsere Heimat.“

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