Peking

Diplomatischer Slalom, moralische Abfahrt

Ausgerechnet in Chinas Hauptstadt Peking finden die Olympischen Winterspiele statt. Das Regime droht unterdessen Taiwan mit Krieg, unterdrückt das Selbstbestimmungsrecht der Tibeter und Uguren, schlägt die Demokratiebewegung Hongkongs nieder und nimmt es mit Menschenrechten nicht so genau, auch nicht mit der Religionsfreiheit.
Olympische Winterspiele in Peking
Foto: Enrico Calderoni via www.imago-images.de (www.imago-images.de) | Das IOC vergibt die Spiele gerade auch an Staaten, die sich nicht sonderlich hervortun, wenn es darum geht, die Politik "in den Dienst der harmonischen Entwicklung der Menschheit zu stellen, um eine friedliche ...

Olympische Spiele sind mehr als eine Sportveranstaltung. In der Antike ein Fest für die Götter, in der Moderne von ökonomischen und politischen Interessen überlagert - auch, wenn das Internationale Olympische Komitee (IOC) alles daransetzt, diesem Eindruck entgegenzuwirken und die Spiele als Fest der Freundschaft und Beitrag zur Völkerverständigung zu inszenieren versucht. Normative Leitlinie dafür ist die Olympische Charta. Schaut man dort hinein, entdeckt man Widersprüchliches. Einerseits sieht das IOC das "Ziel des Olympismus" in der Tat darin, "den Sport in den Dienst der harmonischen Entwicklung der Menschheit zu stellen, um eine friedliche Gesellschaft zu fördern", andererseits will das IOC die Politisierung der Spiele um jeden Preis verhindern und sieht es als ihre Aufgabe an, "gegen jeden politischen oder kommerziellen Missbrauch des Sports und der Athleten vorzugehen" und untersagt "jede Demonstration oder politische Propaganda an den olympischen Stätten, Austragungsorten oder in anderen olympischen Bereichen".

Gastländer, in denen die Olympische Charta verletzt wird

Lassen wir das mit dem Kommerz einmal beiseite - spätestens, seit Peter Ueberroth 1984 in Los Angeles die ersten ausschließlich privat finanzierten Spiele organisierte, wird man nicht mehr umhinkommen, ein Abweichen von diesen Statuten zu konstatieren -, wie passt das zusammen: Förderung der Völkerverständigung, des Friedens und der Menschenrechte auf der einen, Verpflichtung zur Abstinenz in Sachen politischer Parteinahme auf der anderen Seite? Denn hier heißt es zwar "Missbrauch" und "Propaganda", doch sicherheitshalber muss man dann auf jeglichen Gebrauch des Sport für politische Belange verzichten, auf jegliche Meinungsäußerung, weil der Adressat von Kampagnen im Gebrauch immer Missbrauch, in der Meinungsäußerung immer Propaganda erkennen und das IOC an seine selbstauferlegte Forderung erinnern wird. Wenn es aber um Staaten geht, die in diktatorischer Manier jene harmonische Entwicklung der Menschheit nebst friedlicher Gesellschaft gefährden, dann lässt sich allerdings dagegen - von Seiten des IOC, aber auch der einzelnen Athletin, des einzelnen Athleten - kaum anders vorgehen als durch Überschreitung der Befugnisse. Ein Dilemma.

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Pikanterweise setzt das IOC aber noch einen drauf: Es vergibt die Spiele gerade auch an Staaten, die sich nicht sonderlich hervortun, wenn es darum geht, die Politik "in den Dienst der harmonischen Entwicklung der Menschheit zu stellen, um eine friedliche Gesellschaft zu fördern". Die stattdessen vielmehr Ethnien auf dem eigenen Staatsgebiet brutal verfolgen, die Freiheitsrechte ihrer Bürgerinnen und Bürger gravierend einschränken, die mit gewaltsamer Annexion extraterritorialer Gebiete drohen. Zum Beispiel nach China. Und das zum zweiten Mal innerhalb einer Sportfunktionärsgeneration. Nachdem 2008 in Peking die Sommerspiele stattfanden, sind es nun die Winterspiele, die hier vom 4.-20. Februar ausgetragen werden. Im Klartext: Das IOC vergibt Spiele dahin, wo nachweislich ein Teil der Olympischen Charta seit Jahrzehnten verletzt wird (Stichwort: Harmonie) und wo es damit rechnen muss, dass der Ausrichter selbst bei den Spielen, mit den Spielen und durch die Spiele diese Verletzung der Statuten fortschreiben wird (Stichwort: Propaganda).

Olympische Spiele 1936 Sieger-Ehrung im Fünfkampf.

 

Die Spiele waren schon immer politisch

Dabei ist das Thema nicht neu. Die Olympischen Spiele bieten seit jeher eine Bühne, die politische Akteure aller Art und nicht zuletzt auch die Veranstalter nur allzu gerne betreten. Besonders deutlich wurde dies 1936. Bereits die Winterspiele in Garmisch-Partenkirchen deuten an, was die Welt vom NS-Regime zu erwarten hat. Zwar war man bemüht, den Anschein weltoffener Gastgeber zu wahren, doch die Bilder sprechen eine andere Sprache. Auf Fotos ist über dem Hinweisschild des "Olympia-Verkehrsamtes Ski-Club Partenkirchen" eine Tafel mit der Aufschrift "Juden - Zutritt verboten!" zu sehen. Im Sommer ging es in Berlin weiter. Die Spiele werden zu einer gigantischen Propaganda-Veranstaltung für das NS-Regime. Noch zu Zeiten der Weimarer Republik vergeben, auch als Konzessionsentscheidung (die Sommerspiele von 1916, die in Berlin stattfinden sollten, fielen dem Ersten Weltkrieg zum Opfer), musste das IOC mit ansehen, wie Hitler Olympia instrumentalisierte.

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Auch in den letzten Jahrzehnten gelang es dem IOC nicht, die Spiele "unpolitisch" zu halten. Ganz im Gegenteil: Es gab fast nur noch Olympische Spiele, die auch wegen der politischen Begleitumstände in Erinnerung blieben. 1968 in Mexico City war die DDR erstmals mit einer eigenen Mannschaft vertreten und versuchte, mit den "Diplomaten im Trainingsanzug" ihre internationale Isolation zu durchbrechen. München 1972 steht heute vor allem als Begriff für den Terror im Olympischen Dorf, der ein Jahrzehnt des Terrorismus  in Deutschland einleitete. Es folgten drei Boykottspiele: 1976 in Montreal fehlten zahlreiche afrikanische Teams, 1980 in Moskau boykottierte der Westen (außer Großbritannien), 1984 der Osten (außer Rumänien).

Eröffnung der Olympischen Sommerspiele in Moskau

 

Winterspiele rücken umweltpolitische Debatten in den Fokus

Während Sommerspiele immer wieder im Zentrum politischer Auseinandersetzungen standen und Ziel von Propaganda, Terror und Boykotten wurden, gab es bisher um Winterspiele vor allem umweltpolitische Debatten. So etwa in Albertville 1992, als für die Abfahrtsstrecke ein halber Berg gesprengt wurde. Wegen der global betrachtet verhältnismäßig geringen Verbreitung der Sportarten und des damit einhergehenden geringen öffentlichen Interesses in vielen Regionen der Welt sind Winterspiele bislang von politischen Begleiterscheinungen weitgehend verschont geblieben. Das wird diesmal anders sein: Die Diskussion ist breiter gefächert, zu viel steht auf der Agenda. Und es kommt zu einem "diplomatischen Boykott" führender westlicher Nationen (USA, Großbritannien, Kanada), die keine offizielle politische Delegation nach Peking entsenden werden. Eine geschickte Lösung: So lässt sich das Regime in Peking isolieren, ohne die eigenen Sportlerinnen und Sportler um ihre Lebenschance zu bringen.

Ja, Olympische Spiele sind mehr als ein Sportfest. Olympia, das ist die Feier der modernen Götter Kommerz und Propaganda. Zugegeben: Ein etwas pessimistisches Fazit, doch eingedenk der Entwicklung der Olympischen Spiele der Moderne durchaus naheliegend. Und es ist ja auch nicht schlecht, wenn man sich die Reichweite Olympias zunutze macht, um wirklich für Frieden und Menschenrechte einzustehen, auch wenn dabei in Kauf genommen werden muss, dass auch andere Stimmen und Stimmungen verbreitet werden können. Völkerverständigung oder politische Instrumentalisierung - es wird sich zeigen, in welche Richtung der olympische Geist bei den Spielen in Peking weht. Die Zeichen stehen auf Sturm, den Sturm der Demonstration einer seit 2008 noch weiter gewachsenen Macht, die nicht nur im Medaillenspiegel vorne sein will.

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