Politik

Die unbesiegte Krankheit

Welt-Tuberkulosetag: Zahl der Opfer der Infektionskrankheit steigt wieder. Von Reinhard Nixdorf
Von Tuberkulose befallene Lunge
Foto: dpa | Von Tuberkulose befallene Lunge.

Die Zahl der Tuberkulose-Opfer steigt, prangert die Deutsche Lepra- und Tuberkulosehilfe (DAHW) zum Welt-Tuberkulosetag an: Von rund neun Millionen neu an Tuberkulose erkrankten Menschen starben fast anderthalb Millionen an Tuberkulose, etwa 360 000 davon waren HIV-infiziert. Die Zahl der resistenten Tuberkulose-Erkrankungen stieg auf 480 000, berichtet die DAHW unter Berufung auf Zahlen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aus dem Jahr 2013. Offenbar fehle es am politischen Willen, die schnelle Entwicklung eines Impfstoffs sowie neuer Medikamente gegen Medikamentenresistente Tuberkulose-Erreger finanziell zu unterstützen, sagte DAHW-Geschäftsführer Burkard Kömm. Die meisten Fälle medikamentenresistenter Tuberkulose gibt es in den Nachfolgestaaten der ehemaligen Sowjetunion. Allein in Russland sind neunzehn Prozent der 130 000 Tuberkulose-Patienten an multiresistenter Tuberkulose erkrankt. Heute tritt Tuberkulose am meisten in China, Russland, Indien und dem südlichen Afrika auf. Doch auch in Deutschland steigen die Neuerkrankungen: 4 561 Menschen erkrankten nach Informationen des Robert-Koch-Instituts 2014 an Tuberkulose. 2013 wurden 4 318 Tuberkulose-Neuerkrankungen gemeldet. Knapp die Hälfte dieser Kranken ist im Ausland geboren, viele sind Flüchtlinge.

Tuberkulose ist eine der ältesten Geißeln der Menschheit. Aber erst 1882 konnte Robert Koch den Erreger unter dem Mikroskop identifizieren. Die häufigste Form ist die Lungentuberkulose. Sie verbreitet sich über Tröpfcheninfektion. In über neunzig Prozent der Fälle wird das Bakterium abgetötet. Bei den restlichen zehn Prozent überlebt es. Zunächst hält das Immunsystem die Tuberkulose-Erreger in Schach: Eingekapselt in die Fresszellen überdauern sie wie in einem Winterschlaf. Schwächelt das Immunsystem, vermehrt sich der Erreger und die Krankheit bricht aus. Es bildet sich ein sogenanntes Granulom, eine starke Gewebsveränderung, in der riesige Mengen des Erregers heranwachsen. Die Lunge „verkäst“ und kann ihre Atemfunktionen nicht mehr wahrnehmen, woran der so Erkrankte letztlich stirbt.

Eine mehrwöchige Inkubationszeit, unauffällige Symptome wie leichtes Fieber oder Husten: das ist die „Strategie“ des Tuberkulose-Bakteriums. Deshalb ist die Therapie auch so langwierig. Bis die Antibiotika alle Erreger erreicht und getötet haben, dauert es Monate. Patienten müssen auch noch Antibiotika schlucken, wenn sie keine Beschwerden mehr haben. Doch viele Menschen setzen die Medikamente vorzeitig ab. Mit gravierenden Folgen: Das Tuberkulose-Bakterium wird immer häufiger resistent gegen Antibiotika.

Einige Tuberkulose-Erreger machen die Poren dicht, durch die die Antibiotika ins Zellinnere gelangen. Andere treiben die Antibiotika über spezielle Pumpen aus der Zelle. Manche Bakterien rücken sogar selbst aus, um den Feind zu vernichten: Ein effektives Abwehr-Enzym neutralisiert das angreifende Antibiotikum sofort. Solche Abwehrmaßnahmen gegen Antibiotika entwickeln sich eher zufällig – etwa durch Mutationen in der Erbsubstanz. Und über sogenannte Plasma-Brücken können die Bakterien das Stück Erbgut mit der Antibiotika-Resistenz übertragen. So wird ein weiteres Bakterium resistent. Aus zwei Bakterien wird so schnell eine ganze Armee resistenter Bakterien. Noch schneller verbreitet sich das resistente Erbgut, wenn bestimmte Viren mit im Spiel sind. Sie infizieren Bakterien und vermehren sich zu Tausenden in deren Inneren. Dabei nehmen sie oft Stücke des Bakterien-Erbguts mit und werden so zu Komplizen im Kampf gegen Antibiotika. Denn bei jeder weiteren Bakterien-Infektion übertragen sie die resistenten Gene. Die winzigen Viren verpassen so Hunderten von Bakterien mit einem Schlag die Informationen für die Antibiotika-Abwehr. So verbreitet sich die Resistenz gegen Antibiotika immer weiter.

Außerdem gibt es neue Einfallstore für den Tuberkulose-Erreger. Mit Wucht ist die Tuberkulose zusammen mit der Immunschwächekrankheit AIDS zurückgekehrt. Denn ein Körper, dessen Immunsystem durch HIV geschwächt ist, kann auch dem Tuberkulose-Bakterium nichts mehr entgegensetzen. Und wer in Jugendjahren mit Tuberkulose infiziert wurde und mit seinem Immunsystem den Erreger lange in Schach hielt, kann auch im Alter noch daran erkranken. Diabetes, Chemo-Therapie oder Rheumamittel schwächen das Immunsystem. Plötzlich bricht die Tuberkulose aus und wird oft über Monate und Jahre nicht richtig erkannt.

Seit der Jahrtausendwende nimmt die Forschung an Tuberkulose wieder an Fahrt auf. Doch bis neue Impfstoffe und Antibiotika greifen, wird es noch einige Jahre dauern. Und: Neue Medikamente sind teuer. Mit der herkömmlichen Therapie kann ein Tuberkulose-Patient für rund fünfzig Euro behandelt werden, weil Patente abgelaufen und Nachahmer-Produkte auf dem Markt sind. Neue Medikamente, gegen die der Erreger noch nicht resistent geworden ist, sind für viele Betroffene unerschwinglich. Sie kosten pro Patient mehrere tausend Euro. Es muss sich daher erst noch zeigen, in wieweit die reichen Industrienationen bereit sind, anderen dabei unter die Arme zu greifen. Lohnen würde es sich auf jeden Fall. Denn wird der Vormarsch der Tuberkulose in Asien, Osteuropa und dem südlichen Afrika nicht gestoppt, wird sie nach Europa zurückkehren – massiv und resistent gegen gängige Medikamente. Und ohne wirkungsvolle Antibiotika wäre Europa hilflos gegen einen Virus, der mit einer simplen, jahrtausendealten „Strategie“ das menschliche Immunsystem überlistet.

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