Würzburg

Die Spaltung ist bedrohlich

Nicht die Tatsache, dass es zur Pandemie verschiedene Meinungen, Sichtweisen und Standpunkte gibt, ist das Problem. Sondern die Wut und Aggressivität, mit der über Andersdenkende geurteilt wird. Ein Kommentar.
Coronavirus - Proteste in Thüringen gegen Corona-Maßnahmen
Foto: Martin Schutt (dpa-Zentralbild) | Die Pandemie und unser Umgang mit ihr werden auch zwischenmenschliche Ruinenfelder zurücklassen. Im Bild: Proteste gegen Corona-Maßnahmen in Thüringen.

"Ungeimpfte unerwünscht!" prangt auf dem Schaufenster eines Geschäfts. Darin sind Weihnachtskrippen. Ausgerechnet! Was in unserer Gesellschaft gerade passiert, lässt sich an tausend kleinen Zwischenfällen ablesen, an Schlagzeilen der Medien, an Sprüchen der Regierenden, an Patientenzahlen bei Psychiatern und Psychotherapeuten. Nicht die Tatsache, dass es verschiedene Meinungen, Sichtweisen und Standpunkte gibt, ist das Problem. Sondern die Wut und Aggressivität, der Abscheu und Hass, mit denen über Andersdenkende geurteilt wird.

Das Eis unter unseren Füßen ist dünn

Eine Spaltung hat begonnen und schreitet voran, die Familien, Nachbarn, Freunde, Pfarrgemeinden und Gesinnungsgemeinschaften entzweit. Worüber? Über eine Krise, von der wir alle wissen, dass wir weder ihre Tragweite noch ihr Ende absehen, die immensen Schaden anrichtet und bereits viele Thesen und Theorien widerlegte.

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Sicher, es geht um viel: um Leben und Tod, Freiheit und Sicherheit, Wohlstand und Arbeitsplatz, körperliche und psychische Gesundheit. Doch je trotziger wir aufstampfen, desto spürbarer wird, wie dünn das Eis unter unseren Füßen ist. Die Humanität der Gesellschaft ist nicht ein für allemal durch die Verfassung garantiert, sondern im täglichen Umgang miteinander zu verteidigen. Werden wir in einem hoffentlich nahen Nach-Corona-Zeitalter auf diese Wochen zurückblicken, und uns fragen, wie wir so verrohen konnten, uns wechselseitig als Idioten, Ignoranten, Faschisten und Verbrecher zu beschimpfen? Wird die nächste Generation rätseln, wie wir der Spaltung der Gesellschaft zusehen, ja sie befeuern konnten?

Die Pandemie und unser Umgang mit ihr werden auch zwischenmenschliche Ruinenfelder zurücklassen. Nicht nur kranke Lungen, auch kranke Seelen, kranke Beziehungen, kranke Herzen. Es braucht viel mehr als nur einen "Pieks", um aus dieser Krise herauszukommen. Etwa die (auch Regierenden zumutbare) Demut, Fehleinschätzungen einzugestehen, und die Bereitschaft, einen Menschen auch dann noch ernst zu nehmen, wenn die Kraft, seine Argumente zu verstehen, ausgegangen sein sollte.

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