Donald Trumps futuristischer „Zauberberg“ im Luftkurort Davos ist das InterConti „Alpengold“, ein eiförmiger Monsterbau. Die präsidiale Ballroom-Ästhetik will nicht wirklich zur malerischen Naturlandschaft passen. Ehrlicherweise kann dieses architektonische Giga-Nugget überhaupt keiner passenden Umgebung zugeordnet werden – außer vielleicht dem endlos weiten, eisglitzernden Gelände einer arktischen Forschungsstation, etwa auf Grönland.
Der Ethnologe Marc Augé prägte dafür die Denkfigur des „Nicht-Ortes“ („non-lieu“), um anonyme Transiträume wie Flughäfen, Malls und Hotels zu beschreiben. Hier residiert Trump in der 160 Quadratmeter großen „Presidential Suite“: Kaum etwas kann ihm an diesem Nicht-Ort in die Quere kommen. Vielleicht bräuchte er sein Quartier im Nicht-Ort nicht einmal zu verlassen, um an einem anderen Nicht-Ort, dem Kongresszentrum, gleichzeitig anwesend und nicht anwesend zu sein.
Werden in Davos neue Spuren gelegt?
„Stranger Things“ also nicht nur auf Netflix, sondern auch im „Wäf“, so nennen die Leute von hier in betonter Lässigkeit das „World Economic Forum WEF“. Trump ist der Monster-Elefant im Gedankenraum. Selbst auf dem hart gefrorenen Schweizer Schnee zeichnen sich für manche Beobachter politische Fußabdrücke als geheimnisvolle Imagination ab. Fast könnte man meinen, die Spuren zu hören. Stranger things. Gelegt wurde die Elefanten-Fährte mittels politisch-medialer Fernbedienung aus Washington.
Zum 250. Geburtstag plant Trump, den Vereinigten Staaten von Amerika einen weiteren Staat hinzuzufügen, das dänische Grönland. Es wäre der 51. Stern auf der Streifenflagge, nachdem die Vulkaninsel Hawaii am 21. August 1959 als 50. Bundesstaat in die USA aufgenommen wurde. Damals herrschte danach erst einmal Ruhe, warum auch sollte man sich territorial erweitern, wenn Amerika allein mit Handel und Industrie die Welt beherrschen kann? Karl Schlögel hat diese Zeit und ihr Denken in „American Matrix“ eindrucksvoll beschrieben, im letzten Jahr erhielt der Historiker auch dafür den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels, aus erster Hand.
Die von Schlögel geschilderte Welt jedoch, sie hat sich verändert. Und mit ihr die Vorstellung von dem, was gut sein könnte für ein Land, das von manchen gern „God’s own country“ genannt wird. Selbst ein „Gottesstaat“ USA braucht für seine Industrieentwicklung Rohstoffe und für seine Sicherheit Stützpunkte, beides ist mit Land verbunden. Donald Trump meint sogar: mit Landbesitz, wie damals im Wilden Westen, als die Trecks unter großen Opfern den Kontinent eroberten auf der Jagd nach Freiheit und Glück oder dem, was sie dafür hielten, Gold und Weideflächen.
„Pursuit of Happiness“ heißt die dazu passende Glücksformel in der amerikanischen Verfassung. Frank Schirrmacher setzte diesem Teil der amerikanischen Mentalitäts-DNA mit seinem historischen Reality-Schocker „Minimum“ ein Denkmal. Jetzt also der Wilde Norden mit seinen Schätzen. Der Planet schwitzt, bis sich auch noch die letzten Poren an den kältesten Stellen der geschundenen Haut öffnen. Es ist die Schröpfung der Schöpfung für ein paar Dollars mehr. Grönland ist 78-mal so groß wie Hawaii.
Vor einem halben Jahrhundert erschien Herbert Gruhls „Ein Planet wird geplündert“. Der frühere CDU-Umweltpolitiker sagte reichlich präzise die aktuellen Entwicklungen voraus – er konnte sich sogar kriegerische Auseinandersetzungen bei den finalen Verteilungskämpfen vorstellen. Das nächste Grönland liegt mit 384 400 Kilometern etwas außerhalb und heißt „Mond“. In der Öffentlichkeit kaum beachtet wurde das aktuelle ARD-Interview dazu mit ESA-Generaldirektor Josef Aschbacher.
Der Chef der Europäischen Raumfahrtbehörde ist fest davon überzeugt, dass der Mond allein wegen seiner Rohstoffe und seiner militärischen Bedeutung eine zentrale Position bei den strategischen Planungen der Großmächte einnimmt, zweckfreie Forschung ist kaum ein Thema. Der Bergbauernsohn aus Ellmau mit dem amerikanischen Akzent fordert eine europäische Mond-Offensive, ökonomisch – und militärisch, in den ESA-Statuten ausdrücklich nicht vorgesehen.
Über Boykotte als „letztes Mittel“ nachdenken
Zurück zum Treiben auf der Erde. Experten des Politikbetriebs werden seit Beginn der Amtszeit „Trump II“ täglich mit neuen Fragestellungen konfrontiert, manche Analysten haben es längst aufgegeben, dem ADHS-Stakkato aus dem Oval Office in Echtzeit zu folgen. Uwe Wagschal, Inhaber der Freiburger Professur für Vergleichende Regierungslehre, stellt sich trotzdem als politischer Wissenschaftler von Berufs wegen der Pflicht zur Einordnung.
Seit 2015 ist er Herausgeber der englischen Fachzeitschrift „Statistics, Politics and Policy“ (SPP) – und beobachtet das politische Geschehen in Ursache und Wirkung. „Natürlich sind inzwischen die Koordinaten im politischen Raum verschoben worden“, führt er im Gespräch mit dieser Zeitung aus, „Trump hält sich an nichts!“
Vom propagierten Pazifismus der ersten Amtszeit sei nichts mehr übrig, Trump gebärde sich trotz seiner Friedensnobelpreis-Ambitionen aggressiv, das Völkerrecht sei nur noch Makulatur. Und Wagschal benennt die militärischen Engagements unter Trump in Syrien, Iran, Venezuela und Nigeria.
„Es ist gut, dass auf europäischer Ebene das vereinbarte Zollabkommen erst einmal auf Eis gelegt wurde“, lobt Wagschal ausdrücklich die CDU-geführte Bundesregierung und die Haltung der deutschen Christdemokraten in der europäischen EVP.
Der Bundesregierung würde der parteilose Freiburger Professor auch zu härteren Maßnahmen raten: „Ich bin kein Freund von Boykotten, aber als letztes Mittel muss man auch daran denken“, führt er aus und nennt ein Beispiel: „Tesla verkauft in Deutschland kaum noch Autos, man sieht, was Marktverhalten bewirken kann.“ Wagschal gilt als Liberaler unter den deutschen Politikwissenschaftlern, ein „Atlantiker“. Den Linken gilt er als rechts, auch deshalb hat seine Kritik besonderes Gewicht.
In Davos angekommen ist seit Montag Ulrich Reitz. Der erfahrene RTL/NTV-Chefkorrespondent für Wirtschaft nimmt in den Lobbys der Pressehotels journalistisch Witterung auf und sammelt Stimmen und Stimmungen für seine Reportagen und Live-Schaltungen. Gegenüber dieser Zeitung schließt er einen kommenden Wirtschaftskrieg nicht aus.
Der Absturz der Aktienmärkte stützt seine Befürchtungen. Im Herbst stehen die Midterms an: Bis zu den US-Zwischenwahlen sollte Trump die fallenden Linien an den Börsen besser wieder geliftet haben, sonst droht Ungemach. Als Wahlverlierer müsste er mit einem Impeachment-Verfahren rechnen.
Generell sieht Reitz Europa nicht auf verlorenem Posten: „Unter einer harten Bedingung: absolute Geschlossenheit. Europa verfügt über wirksame Hebel. Ohne Tempo, Einheit und eine schnelle Diversifizierung der Absatz- und Beschaffungsmärkte droht jedoch neue Abhängigkeit statt strategischer Souveränität.“
Trump könne man am Ende nur durch Handeln bändigen: „Umsetzen statt ankündigen. Das Wirtschaftsministerium muss Genehmigungen beschleunigen und Infrastruktur voranbringen, das Finanzministerium Steuern senken und Abschreibungen verbessern, das Digitalministerium eine echte KI- und Netzoffensive starten.
Vom Kanzler erwartet die Wirtschaft eine proaktive europäische Strategie – und eine glaubwürdige Standortgarantie.“
Zuhause bei Donald Trumps republikanischer Partei ist der Elefant seit 150 Jahren das Symboltier. Normalerweise verstößt eine Elefantenherde ihren alten Leitbullen nicht. Es sei denn, er verliert die Orientierung. Oder ein anderer erweist sich als stärker.
Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.











