Riad

Die Schachspieler von Riad

Saudi-Arabiens König Salman empfing das multireligiöse KAICIID-Direktorium in seiner Residenz: Nur ein neues Feigenblatt oder doch ein Wendepunkt?
KAICIID-Konferenz 2018 in Wien
Foto: Baier | Bei der KAICIID-Konferenz 2018 in Wien lauschte der maronitische Patriarch Béchara Boutros Al-Rai dem Großimam der Moschee von Mekka.

Umstritten war das „König Abdullah bin Abdulaziz Zentrum für interreligiösen und interkulturellen Dialog“ (KAICIID) von Anfang an. Warum sollte ausgerechnet der saudische König, in dessen Herrschaftsgebiet keinerlei Religionsfreiheit existiert, als Gründer und Namensgeber für ein Zentrum des interreligiösen Dialogs taugen? Wie glaubwürdig kann es sein, wenn die saudische Königsdiktatur viele Millionen in ein internationales Dialogzentrum pumpt, während in Saudi-Arabien selbst kein Dialog erlaubt ist, stattdessen aber die wahhabitische Ideologie finanzstark exportiert wird? Und warum geben sich das Königreich Spanien und die Republik Österreich als weitere Vertragsstaaten, ja sogar der Heilige Stuhl als „beobachtendes Gründungsmitglied“ für eine solche saudische PR-Maßnahme her?

Solche Fragen beschäftigen die österreichische Öffentlichkeit und Politik, seit das KAICIID im Jahr 2012 gegründet wurde und seinen Sitz in Wien nahm. Diese Zeitung titelte ihren Bericht über die pompöse Auftaktveranstaltung mit 800 geladenen Gästen in der Wiener Hofburg im November 2012 so: „Feigenblatt oder Wendepunkt?“ Seither war stets kritisch anzumerken, dass hochrangige Dialogkonferenzen, auf denen Vertreter der großen Religionsgemeinschaften einander zuhören und ins Gespräch kommen konnten, zwar in Wien, nicht aber in Riad oder gar in Mekka möglich waren.

Bis zur Vorwoche: Da nämlich tagte das plural zusammengesetzte Direktorium des KAICIID erstmals in Saudi-Arabien. Erstmals in der Geschichte des Landes empfing ein saudischer König einen jüdischen Rabbiner zum Gespräch im königlichen Palast von Riad. Das Direktorium beriet in der saudischen Hauptstadt die programmatische Ausweitung seiner Arbeit auf globaler Ebene und die Entwicklung eines multireligiösen KAICIID-Beraterkreises. Und dies nicht etwa unter der Leitung des Generalsekretärs, Faisal bin Muammar, der ein einflussreicher saudischer Diplomat und Ex-Politiker ist, sondern unter dem Vorsitz des orthodoxen Metropoliten Emmanuel Adamakis, des Exarchen des Ökumenischen Patriarchen für Frankreich.

Eine Buddhistin und ein jüdischer Rabbi in Riad

Der Heilige Stuhl war bei den mehrtägigen Beratungen in Riad in Gestalt von Khaled Boutros Akasheh, einem aus Jordanien stammenden Priester des Lateinischen Patriarchats von Jerusalem, zugegen. Akasheh ist im Päpstlichen Rat für den Interreligiösen Dialog seit 2003 Sekretär der Kommission für die Beziehungen zum Islam – und zweifellos eine der Schlüsselfiguren im katholisch-islamischen Dialog. Fotos zeigen beim Empfang durch König Salman ibn Abd al-Aziz auch die buddhistische Pastorin Kosho Niwano, und zwar ganz ohne Verschleierung oder Kopftuch. Wer weiß, wie abfällig der Koran über jene urteilt, die nicht Monotheisten sind, wird verstehen, dass die größte Sensation aber nicht in der fehlenden Kopfbedeckung liegt, sondern darin, dass der saudische König und „Hüter der heiligen Stätten“ (gemeint sind Mekka und Medina) überhaupt eine „Ungläubige“ empfing.

Nicht minder sensationell ist die Tatsache, dass mit David Shlomo Rosen erstmals ein jüdischer Rabbi, noch dazu wohnhaft in Jerusalem, vom saudischen König empfangen wurde. Der in England geborene und – nach Stationen in Südafrika und Irland – heute in Israel tätige Oberrabbiner ist der einzige Vertreter des Judentums im achtköpfigen KAICIID-Direktorium. Aufgrund seines Engagements im interreligiösen Dialog wurde er zum Berater des Oberrabbinats von Israel für interreligiöse Beziehungen berufen und von Papst Benedikt XVI. 2005 zum Komtur des Gregoriusordens ernannt.

In der Vorwoche nun war er der erste jüdische Rabbi, der je von einem saudischen König empfangen wurde. Von einer ganz besonderen Erfahrung sprach Rabbi Rosen anschließend gegenüber der Zeitung „Times of Israel“. Doch nicht nur die Begegnung mit dem König – die er als „revolutionären Moment“ bezeichnete – habe ihn beeindruckt, sondern mindestens ebenso ein Treffen mit jungen Menschen, bei denen er einen Sinn für die Transformation ihres Landes spüren konnte.

Wozu das Treffen diente

„Aus saudischer Sicht war das Anliegen, mich als einen religiösen Repräsentanten zu präsentieren, nämlich als Vertreter der jüdischen Welt und der jüdischen Religion, nicht aber als Vertreter irgendeiner bestimmten politischen Richtung“, zitiert die „Times of Israel“ Rabbi Rosen. Dem König sei er als „Vertreter der Juden und des Judentums“ vorgestellt worden, ohne Verweis auf seine Nationalität, so der israelische Staatsbürger. Israels Außenministerium veröffentlichte auf seinem arabischsprachigen Twitter-Account ein Foto der Begegnung (links oben).

Wozu aber dient nun das Treffen, in dem die wahhabitische Elite des Königreichs zweifellos einen Tabubruch sehen muss? Auch wenn niemand eine radikale Wende in der saudischen Religionspolitik erwartet, dient die Begegnung von Riad dem KAICIID doch als starkes Argument. Dem Dialogzentrum gelingt es offenbar nicht nur, höchstrangige Vertreter der großen Religionsgemeinschaften zusammenzuführen und bei internationalen Konferenzen zu einem Dialog zu vereinen. Selbst im religiös intoleranten Gründerstaat ist ihm nun ein prestigeträchtiger Erfolg gelungen.

Papst empfängt saudischen König Abdullah
Foto: epa Chris Helgren Pool (POOL) | Eine Begegnung mit Papst Benedikt XVI. im Vatikan habe ihn bei der Gründung des Zentrums inspiriert, sagte der saudische König Abdullah einst.

Erstaunlich genug, dass bei Wiener Konferenzen schiitische Iraner neben saudischen Imamen auf der Bühne sitzen oder der Patriarch der Maroniten, Kardinal Al-Rai, mit dem Großimam der Großen Moschee von Mekka diskutiert. Wenn aber selbst der König Saudi-Arabiens und Erbe des KAICIID-Gründers Abdullah, das religiös so bunte Direktorium in seiner Residenz empfängt, dann welkt das oft gehörte Argument, das KAICIID sei lediglich ein saudisches Feigenblatt für den Westen, aber kein Symbol einer Wende im ideologisch starren Geburtsland des islamischen Propheten Mohammed.

Ein überaus geschickter Schachzug, nicht nur für den König und seinen Kronprinzen, deren Reformwille seit 2018 international wieder in Frage gestellt wird. Auch für das KAICIID, das in Österreich auf wackeligen Beinen steht. Die schwarz-grüne Bundesregierung hat sich in ihrem Regierungsprogramm darauf festgelegt, das KAICIID binnen Jahresfrist zu reformieren, und zwar im Sinn „einer stärkeren Anbindung an die Vereinten Nationen und einer Verbreiterung der Mitgliedsbasis“.

Damit soll die politische, personelle und finanzielle Dominanz Saudi-Arabiens relativiert werden. Sollte die Reform nicht gelingen, plant die österreichische Regierung den „Ausstieg aus dem KAICIID in enger Abstimmung mit allen Vertragsparteien“. Für das Zentrum wäre das ein harter Schlag: Man müsste wohl nicht nur aus dem noblen Wiener Palais Sturany ausziehen und einen neuen Standort suchen, sondern den Prestigeverlust durch renommierte neue Vertragspartner wettzumachen versuchen.

Ausstieg Österreichs gefährdet Standort Wien

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Aber auch für Österreich wäre der Schaden nicht gering, wie die mehrjährige Debatte um das KAICIID zeigt: Als im Jahr 2015 der damalige Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ) das Schweigen des Dialogzentrums zu saudischen Menschenrechtsverletzungen rügte und laut über einen Ausstieg Österreichs nachdachte, drohte Riad nicht nur mit der Verlegung des KAICIID nach Genf, sondern auch mit einem Abzug der OPEC-Zentrale aus Wien. Der damalige Außenminister Sebastian Kurz (ÖVP) war gegen den Ausstieg, aber für eine Neuaufstellung des KAICIID unter Einbindung weiterer Staaten.
Als Kurz dann 2017 Bundeskanzler wurde und mit der FPÖ regierte, mahnte Außenministerin Karin Kneissl das Dialogzentrum zu mehr Transparenz und dazu, „mehr Operatives“ zu betreiben, und „weniger Konferenzbetrieb“.

Nach der Ermordung des saudischen Journalisten Jamal Khashoggi in Istanbul forderten Politiker mehrerer Parteien eine Schließung des KAICIID, das sich nicht ausreichend von Riad distanziert und die Mordtat verurteilt habe. Zu den leidenschaftlichsten Verteidigern des Zentrums gehörte damals Rabbi David Rosen. Das KAICIID sei nicht dazu da, irgendeine Politik zu verteidigen oder zu kritisieren, sagte er. Zur mangelnden Distanzierung von Saudi-Arabien meinte Rosen, das Dialogzentrum äußere sich ja auch nicht zu den Menschenrechtsverletzungen in China oder Myanmar. Das wird man in Riad ebenso freudig zur Kenntnis genommen haben wie die Tatsache, dass Rabbi Rosens Wort auch in Wien Gewicht hat.

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