Pandemie

Die Politik sucht den Sündenbock für die vierte Welle

Ärzte haben offenbar genug vom Pandemie-Management der scheidenden Bundesregierung. Bundesgesundheitsminister Jens Spahn erntet deutlich Widerspruch.
Corona
Foto: Stefan Sauer (dpa) | Die vierte Welle rollt. Testzentren schließen und statt Teststrategien für Geimpfte und Ungeimpfte zu entwickeln, werden nun Lockdowns für Ungeimpfte diskutiert.

Die vierte Welle rollt. Am Dienstag verzeichnete das Robert-Koch-Institut (RKI) 10813 Neuinfektionen. Die 7-Tage-Inzidenz lag bundesweit bei 153,7 pro 100000 Einwohner. Unterdessen streiten Politik und Ärzteschaft über die richtige Impfstrategie. Am Wochenende hatte Noch-Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) eine "Auffrischungsimpfung" für alle Altersgruppen ins Spiel gebracht und gefordert, die Länder sollten die Ende September geschlossenen Impfzentren wieder "startbereit machen". Der CDU-Politiker will allen Bürgern, deren Impfung mindestens sechs Monate zurückliegt, eine dritte Impfung anbieten.

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Booster ab 70

Dabei empfiehlt die Ständige Impfkommission (STIKO) die sogenannte "Booster-Impfungen" bislang nur für über 70-Jährige sowie für Personen, die im Gesundheitssystem arbeiten. Laut dem RKI haben davon bisher rund 2,1 Millionen Menschen Gebrauch gemacht. Geht es nach der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, dann sollen bis Ende des Jahres 15 Millionen Menschen eine Einladung für eine Auffrischungsimpfung erhalten. Deren Vorstandsvorsitzender, Andreas Gassen, erklärte am Dienstag in Berlin vor der Bundespressekonferenz: "Was schwierig ist, wenn wir die Ständige Impfkommission haben, die macht eine Empfehlung, die Ärzteschaft stellt sich da geschlossen hinter und Politik gibt dann so eine Empfehlung aus Bauch-Evidenz."

Schutz vor schwerem Verlauf

Der Vorsitzende der STIKO, Thomas Mertens, äußerte sich vor der Bundespressekonferenz auch zu der steigenden Zahl der Impfdurchbrüche. In seinem aktuellen Wochenbericht vom 28. Oktober hatte das RKI die Zahl der "wahrscheinlichen Impfdurchbrüche" auf 117763 beziffert. Mertens hatte bereits früh, nämlich schon während der Zulassungsverfahren darauf hingewiesen, dass keiner der COVID-19-Impfstoffe eine "sterile Immunität" gewährleiste, weshalb sich auch vollständig Geimpfte mit dem Virus SARS-CoV-2 infizieren und es an andere weitergeben könnten. Am Dienstag sagte Mertens nun: "Insofern kann man jetzt nicht so tun, als wäre es erstaunlich, wenn das jetzt auch tatsächlich stattfindet." Zugleich wies Mertens daraufhin, dass die Impfstoffe sehr wohl zuverlässig vor einem schweren Verlauf schützten. "Diejenigen, die grundimmunisiert sind und die sonst gesund sind und im mittleren Alter sich befinden, die können tatsächlich davon ausgehen, dass sie noch ausreichenden Schutz von ihrer Grundimmunisierung für schwere Erkrankung haben."

Pandemie der Ungeimpften

All das hindert die Politik offenbar nicht, die vierte Welle nun zu einer "Pandemie der Ungeimpften" zu erklären, und die Spaltung der Gesellschaft weiter voranzutreiben. Statt Teststrategien für Geimpfte und Ungeimpfte zu entwickeln, um positiv auf das Virus Getestete in Quarantäne schicken und Infektionsketten brechen zu können, werden nun Lockdowns für Ungeimpfte diskutiert. In Sachsen etwa, das eine landesweite 7-Tage-Inzidenz von 284,4 Neuinfektionen auf 100000 Einwohner meldet, plant die Regierung die 2G-Regel für Gastronomie, in Innenräumen sowie bei Großveranstaltungen einzuführen.

Baden-Württemberg, das eine landesweite 7-Tages-Inzidenz von 165,7 Neuinfektionen auf 100000 Einwohner verzeichnet, rief am Mittwoch die sogenannte Warnstufe aus. Während die 7-Tage-Inzidenz laut dem baden-württembergischen Landesgesundheitsamt unter den Geimpften bei 49,4 läge, betrage sie bei der Gruppe der Ungeimpften und/oder nicht vollständig Geimpften 381,3. In einer Pressemitteilung bezeichnete Gesundheitsminister Manne Luca (Bündnis 90/Die Grünen) die Ungeimpften als "Treiber der Pandemie", die für "die Belastung des Gesundheitssystems" sorgten. Laut dem Tagesbericht des Landesgesundheitsamts waren am Dienstag 12,5 Prozent der betreibbaren Intensivbetten mit COVID-19-Patienten belegt. 40 Prozent von ihnen hätten keinen vollen Impfschutz besessen. Bundesweit betrug der Anteil an COVID-19-Patienten auf Intensivstationen am Dienstag neun Prozent.

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