Vatikanstadt

Die Päpste und die Bombe

Schon Pius XII. äußerte sich zu nuklearen Waffen. Alle seine Nachfolger auch.
Wie Päpste sich zur Atombombe äußerten
Foto: dpa | Eines ist jedoch jetzt schon klar: Franziskus legt eine akzentuierte Friedensethik an den Tag, die sich bisweilen von der seiner Vorgänger abhebt.

Sieben Päpste haben die Geschicke der Weltkirche seit Erfindung der Atomwaffe gelenkt. Sie alle - bis auf Johannes Paul I. - mussten sich mit ihrer Vernichtungskraft auseinandersetzen. Die heiligen Väter haben sich zum Einsatz oder zum Besitz als Instrument der Abschreckung geäußert. Hierbei nahmen sie grundsätzlich einheitliche Positionen ein, gleichwohl gibt es in gewissen Aspekten durchaus nennenswerte Differenzen: Pius XII., in dessen Pontifikat der Zweite Weltkrieg und somit die Erfindung sowie bisher einzige Nutzung von Atomwaffen fielen, missbilligte den Einsatz selbst im Verteidigungsfalle dann, wenn die Schäden der Atomwaffen "unvergleichlich größer sind als die der geduldeten Ungerechtigkeit". Man könne dann trotz Verteidigungsfall "verpflichtet sein, die Ungerechtigkeit auf sich zu nehmen", so der Pacelli-Papst 1953. Der Besitz von Kernwaffen müsse "als unmoralisch abgelehnt werden", sofern sich dieser Besitz "der menschlichen Kontrolle entzieht", wie der Papst während des Besuches einer internationalen Ärzteschaft in Rom 1954 mitteilte. Was hier anklingt, ist bereits eine Vorahnung dieses besonnenen Papstes, die Nutzung von Nukleartechnologie könne ein hohes Risiko mit sich bringen. Strahlenunfälle, wie beispielsweise beim Absturz eines atomar bewaffneten US-Bombers über Spanien 1966 oder beim Reaktorunglück von Tschernobyl 1986, sollten ihm später Recht geben.

Johannes XXIII. stellte jeden Krieg in Frage

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Pius' Nachfolger, der heilige Papst Johannes XXIII., wünschte sich in der Enzyklika "Pacem in terris" 1963 das baldige und vollständige Verbot von Kernwaffen. Darüber hinaus sei es in einer Zeit, in der Kriege mit Massenvernichtungswaffen ausgefochten werden könnten, "sinnlos, den Krieg noch als geeignetes Mittel zur Wiederherstellung verletzter Rechte zu betrachten", wie der Roncalli-Papst in der Enzyklika weiter ausführte. Damit stellte Johannes XXIII. nicht nur Kernwaffen in Frage, sondern einen jeden Krieg des modernen Zeitalters, da ein bellum iustum, ein nach katholischer Lehre gerechter Krieg, mit diesen Waffen nicht mehr gerecht geführt werden könne. Denn mindestens zwei Prinzipien des bellum iustum könnten beim Einsatz strategischer, also auf die Massenvernichtung ausgerichteter, Atomwaffen verletzt werden: das Prinzip der discriminatio, welches besagt, das Unschuldige   Nichtkombattanten  beziehungsweise Zivilisten   nicht angegriffen werden dürfen, sowie das Prinzip der Proportionalität, welches die Verhältnismäßigkeit bei der Wahl der Mittel betont.

Durch den heiligen Papst Paul VI. fand die Auseinandersetzung mit Massenvernichtungswaffen 1965 Eingang in das Abschlussdokument "Gaudium et spes" des Zweiten Vatikanischen Konzils: "Jede Kriegshandlung, die auf die Vernichtung ganzer Städte oder weiter Gebiete und ihrer Bevölkerung unterschiedslos abstellt, ist ein Verbrechen gegen Gott und gegen die Menschen, das fest und entschieden zu verwerfen ist." Zugleich wagten Paul VI. und das Konzil den Spagat zwischen moralischer Ablehnung der Atomwaffe auf der einen und pragmatischer Tolerierung auf der anderen Seite: Sie wussten, dass das Gleichgewicht des Schreckens einen fragilen, gleichwohl fortwährenden Friedenszustand zwischen den Supermächten zementiert hatte. Diesen Zustand konnte und wollte auch die Kirche zum damaligen Zeitpunkt nicht aufbrechen, immerhin waren die Erfahrungen der Kubakrise noch sehr präsent. Deshalb formulierte sie im Konzilsdokument "Gaudium et spes", dass ein Anhäufen von "wissenschaftlichen Waffen", was Kernwaffen implizierte, "kein sicherer Weg ist, den Frieden zu sichern". Das Konzil enthielt sich aber einer weiteren Verurteilung. Paul VI. folgte somit der Linie seiner Vorgänger, den Einsatz von Kernwaffen kritisch zu sehen, aber betrachtete den Besitz zum Zwecke der Abschreckung differenziert.

Johannes Paul II. teilte Bedenken seiner Vorgänger

An dieser Linie änderte sich unter Johannes Paul II. nichts. Der Einsatz von Nuklearwaffen wurde abgelehnt, ihr Besitz als Instrument der gegenseitigen Abschreckung um der Wahrung des Friedens willen hingegen toleriert. Johannes Paul II. bezeichnete während einer Rede vor den Vereinten Nationen 1982 die atomare Abschreckungsstrategie als "moralisch akzeptabel". Dabei betonte er, dass diese nur dann moralisch akzeptabel sein könne, wenn sie eine Etappe auf dem Weg der weiteren Abrüstung darstelle. Grundsätzlich teilte der polnische Pontifex die Bedenken seiner Vorgänger. Davon zeugt der Katechismus der Katholischen Kirche, der unter Papst Johannes Paul II. ausgearbeitet und veröffentlicht worden ist. Hier wird unterstrichen, dass gegenüber einer Abschreckung durch Wettrüsten "schwere moralische Vorbehalte anzubringen" sind.

Benedikt XVI. ist ebenfalls nicht von dieser Linie abgewichen. Er betonte, wie "trügerisch" und "verhängnisvoll" ein Frieden sein könne, wenn dieser nur auf der gegenseitig bedrohlichen, atomaren Zerstörungskraft der jeweiligen Kontrahenten beruhe.

Franziskus legt akzentuierte Friedensethik an den Tag

Eine neue Dynamik hat die Positionierung der katholischen Kirche durch Papst Franziskus erfahren. Anlässlich seiner Japanreise im November 2019 sprach der Pontifex in Hiroshima und in Nagasaki über Atomwaffen. Dort machte er klar, dass eine Friedensordnung nicht auf einer "falschen, von der Logik der Angst und des Misstrauens gestützten Sicherheit" aufbauen könne - ganz in der Logik seines direkten Vorgängers Benedikt. Franziskus verurteilte darüber hinaus sogar schon den Besitz von Atomwaffen. Ähnlich hatte sich Franziskus bereits 2017 in einer Ansprache an die Teilnehmer eines internationalen Abrüstungssymposiums geäußert. Hier hatte Franziskus verdeutlicht, schon der Besitz von Atomwaffen sei "entschieden zu verurteilen", da "die Gefahr einer unbeabsichtigten Explosion solcher Waffen" zu groß sei. Auf dem Rückweg seiner Japanreise hat Papst Franziskus gegenüber den Journalisten verlauten lassen, diese Verurteilung des Besitzes von Atomwaffen in den Katechismus der Katholischen Kirche aufnehmen lassen zu wollen.

Es bleibt abzuwarten, ob Franziskus seinen Worten auch Taten wird folgen lassen. Eines ist jedoch jetzt schon klar: Franziskus legt eine akzentuierte Friedensethik an den Tag, die sich bisweilen von der seiner Vorgänger abhebt. Das entschiedene "Nein" zum bloßen Besitz von Atombomben untermauert diese Akzentuierung. Insgesamt kann festgehalten werden, dass die Kirche und ihre Päpste seit Beginn des Atomzeitalters   von Pius XII. bis Franziskus   dieser menschenunwürdigen Waffe stets und ausdrücklich kritisch gegenüberstanden.

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