Philippinen

Die Kirche steht auf der Seite der Verlierer

Nach den Präsidentschaftswahlen in den Philippinen: Die Kirche tut sich mit dem Sieger Ferdinand Marcos junior schwer.
Ferdinand Marcos junior
Foto: IMAGO/Stringer (www.imago-images.de) | Sie nennen ihn Bongbong: Ferdinand Marcos junior glorifiziert die Diktatur als „goldenes Zeitalter“ und seinen Vater als „politisches Genie“.

Es war eine Niederlage mit Ansage, bitter ist sie dennoch. Bis zum Schluss hatten viele auf ein Wunder gehofft und dafür gebetet. Die Rede ist von der Wahl auf den Philippinen, wo am 9. Mai der Präsident und andere hohe Ämter neu gewählt wurden. Angesichts der Polarisierung im Vorfeld hatten große Teile der katholischen Kirche eindeutig Stellung bezogen. Es ging um die Wahl zwischen dem Sohn des früheren Diktators, Ferdinand Marcos Jr., genannt Bongbong, und der Vizepräsidentin Leni Robredo.

Er glorifiziert die Diktatur als „goldenes Zeitalter“

Für die meisten Kirchenvertreter war klar, dass der Sprössling der Marcos-Dynastie verhindert werden muss. Zu unverhohlen leugnet der 64-Jährige die Korruption, staatlichen Morde und Misshandlungen unter seinem Vater, ja er glorifiziert die Diktatur als „goldenes Zeitalter“ und seinen Vater als „politisches Genie“. Große Teile der Kirche stellten sich deshalb gegen Marcos und unterstützen die Kampagne von Leni Robredo. Es nützte nichts, denn am Ende gewann der Sohn des Diktators klar mit 56 Prozent, während sich seine Herausforderin mit 32 Prozent zufriedengeben musste.

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Das Ergebnis entsprach allen Meinungsumfragen, und dafür gibt es viele Gründe, nicht zuletzt die Dominanz des Marcos-Clans in den sozialen Medien. 1986 wurde der Diktator gestürzt, er floh mit seiner Familie nach Hawaii. Zwei Jahre nach dessen Tod 1989 kehrte die Familie auf die Philippinen zurück und engagierte sich sogleich wieder in der Politik. Die Erinnerung an die Diktatur verblasste rasch, vor allem unter den jungen Menschen. Sie waren deshalb empfänglich für eine Flut falscher und irreführender Nachrichten in den Online-Netzwerken. Es war ein schmutziger und inhaltsleerer Wahlkampf, und die Marcos-Seite scheute sich nicht, Bilder zu verbreiten, die angeblich die älteste Tochter von Leni Robredo beim Sex zeigten.

Die Philippinen einigen und die Armut bekämpfen

Bongbong Marcos hatte neben der Glorifizierung seines Vaters nur zwei Themen: Er wolle die Philippinen einigen und die Armut bekämpfen. Letzteres kam gut an, denn die Kluft zwischen Arm und Reich ist seit dem Ende der Diktatur vor 36 Jahren keinesfalls geringer geworden. Konkrete Vorstellungen dazu entwickelte der neu gewählte Präsident nicht. Allerdings ließ er verlauten, er werde die ungeheuren Summen an Geld und Gold, die sein Vater beiseitegeschafft hatte, unter der Bevölkerung verteilen. Das sei dessen Vermächtnis, der dieses Geld in weiser Voraussicht auf internationalen Banken angelegt habe. Marcos Sr. gilt neben Indonesiens Präsident Suharto als derjenige asiatische Politiker, der sich am schamlosesten während seiner Amtszeit bereichert hat.

Eine weitere wichtige Ursache für den Sieg des Sohnes war die Unterstützung von mächtigen Clans, die vor allem in den ländlichen Gebieten über enormen Einfluss verfügen. Schließlich spielte ihm noch in die Karten, dass sich der scheidende Präsident Rodrigo Duterte, der nicht noch einmal kandidieren durfte, für Marcos Jr. ausgesprochen hatte – wenn auch nur sehr halbherzig. Seine Tochter Sara wurde in das Amt der Vizepräsidentin gewählt. Viele sehen darin den wichtigsten Schlüssel für den Wahlsieg, denn die Duterte-Familie erfreut sich noch immer großer Beliebtheit.

Der – je nach Sichtweise – für seine Ausfälle oder seine Direktheit berüchtigte Rodrigo Duterte hat allerdings deutlich gemacht, dass er den Marcos-Sprössling mehr aus politischem Kalkül, denn aus persönlicher Überzeugung unterstützt. Er bezeichnete ihn öffentlich als „schwach und verwöhnt“ – eine Einschätzung, die von vielen geteilt wird.

Für die Kirche ist das Ergebnis fatal

Für die Kirche ist das Ergebnis aus zweierlei Gründen fatal. Sie hat sich 1986 unter dem legendären Kardinal Jaime Sin entschieden gegen den Diktator gestellt und damit einen wichtigen Beitrag zu dessen Sturz geleistet. Für sie ist die Erinnerung an die Diktatur noch sehr präsent und die Macht in den Händen des Sohnes, der den Diktator unkritisch glorifiziert, weckt Befürchtungen, dass diese Epoche wieder auferstehen könnte.
Der andere Grund ist der bleibende Einfluss des Duterte-Clans. Obwohl die Philippinen neben dem kleinen Osttimor das einzige mehrheitlich katholische Land in Asien sind, ist das Verhältnis von Kirche und Politik schwierig. Unter Duterte eskalierte es. Er war angetreten mit dem Versprechen, Kriminalität und Drogen zu bekämpfen.

Dass dies nicht nur leere Versprechen waren, hatte er zuvor als Bürgermeister der Metropole Davao bewiesen, die lange Zeit als Hauptstadt des Verbrechens galt. Unter seiner Herrschaft wurde daraus eine der sichersten und grünsten Städte der Philippinen. Dutertes Kampf gegen die Drogen wurde aber sehr schnell zu einem Kampf gegen alle Drogensüchtigen, die von Sicherheitskräften und Todesschwadronen gejagt und ermordet worden. Diesem Feldzug fielen etwa 20.000 Menschen zum Opfer, darunter viele Kleindealer, Abhängige und Unbeteiligte aus den Slums, die selbst zu den Ärmsten gehörten. Die Kirche positionierte sich bald gegen diese Form der Drogenbekämpfung und zog damit den Zorn Dutertes auf sich. Auch unliebsame Regierungskritiker, Journalisten, Menschenrechtler und Anwälte gerieten neben Priestern und Ordensfrauen in dessen Visier. Dutertes Ausfälle gegen die Kirche sind berüchtigt. Er scheute sich nicht, Bischöfe und Priester, ja sogar den Papst, als „Hurensöhne“ oder Nonnen als Unterstützerinnen von Terroristen zu titulieren. Es blieb nicht bei verbalen Entgleisungen. Besonders engagierte Ordensleute wurden öffentlich angeprangert, mindestens vier anschließend ermordet, ohne dass es zur Aufklärung gekommen wäre.

Das Schreckensszenario der Kirche

Die Kombination aus einer Glorifizierung der Marcos-Diktatur und der möglichen Fortsetzung von Dutertes Feldzug gegen vermeintliche Kriminelle, worunter er alle versteht, die ihn kritisieren, ist das Schreckensszenario, dem sich die Kirche momentan gegenübersieht. Aber der Wahlkampf und das ernüchternde Ergebnis haben auch den Widerstand gestärkt. Joyce Talagayan, die schon als junge Frau gegen Marcos Sr. auf die Straße gegangen ist, erklärt: „Wir sind immer noch geschockt. Aber das Gute ist, wie sich meine Kinder in den Wahlkampf eingebracht und sich informiert haben, wofür Marcos steht und was es bedeutet, ihn zu wählen. Viele sind aufgerüttelt worden und ich hoffe, das zahlt sich langfristig aus.“

Ähnlich sieht es die Kirche, für die Bischof Rey Evangelista aus der Provinz Cavite kommentierte: „Ich fange an zu glauben, Gott hat nie beabsichtigt, dass Leni Robredo gewinnt. Ihre Mission war es, uns aufzuwecken.“ Erzbischof Socrates Buenaventura Villegas von Lingayen-Dagupan ergänzte: „Wir sind Niederlagen gewohnt. Jesus schien die Niederlage anzunehmen, als er ans Kreuz geschlagen wurde. Die Jünger haben aber gewusst, dass sie als Sieger hervorgehen werden“ Die Kirche ist so politisiert, wie seit 1986 nicht mehr.

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