Die großen Drei

ADF International denkt in London über die Bedrohung der Religionsfreiheit nach. Von Oliver Maksan
Kongress Kommunistischer Jugendverband Chinas
Foto: dpa | Feind der Religionsfreiheit: Seit Chinas Staatschef Xi Jinping 2013 an die Macht gekommen ist, hat die Unterdrückung von Christen zugenommen.

Westminster Palace, das britische Parlamentsgebäude am Londoner Themseufer, ist das Zuhause von Europas ältester bestehender Demokratie. Große Redner und Parlamentarier wie Fox und Pitt, aber auch Churchill und Margaret Thatcher blicken auf den Besucher vom Sockel ihrer Statuen oder von Ölgemälden herab. Das Ende der Sklaverei im Britischen Empire nahm hier seinen Ausgang. Hier war der Hort des Widerstands gegen die Nazi-Tyrannei. Hier, in der gewaltigen Westminster Hall, zeigte sich aber auch, wie brüchig das Recht ist, wenn der Stärkere es beugt: Im Juli 1535 wurde hier der heilige Thomas Morus zum Tode verurteilt. Die christliche Menschenrechtsorganisation ADF International hatte sich also einen passenden Ort ausgesucht, um Ende vergangener Woche eine Konferenz zur Lage der Religionsfreiheit zu beginnen. Anlass war, den Blick auf den im Dezember bevorstehenden 70. Jahrestag der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte und ihre Verbriefung der Religionsfreiheit zu richten. Paul Coleman, Chef von ADF International, machte drei große Verletzer der Religionsfreiheit aus: den radikalen Islam, staatlichen Nationalismus und den aggressiven Säkularismus des Westens.

Letzterer macht Christen in unseren Breiten zu schaffen. Martin Kugler von der in Wien ansässigen Organisation „Observatory on intolerance and discrimination against Christians“ zählte allein 2017 über 500 mehr oder minder schwere Fälle von Diskriminierung von Christen im einst christlichen Europa. Unweit des Parlaments, im Stadtteil Ealing im Westen Londons, haben die Behörden eine Bannmeile um eine Abtreibungsklinik gezogen. Vor allem Christen, die abtreibungswilligen Frauen im letzten Moment noch ein Hilfsangebot unterbreiten wollen, sollen so auf Abstand gehalten werden. Die Bannmeile wurde vom britischen High Court bestätigt. Alina Dulgheriu von der Gruppe „Be here for me“ ist dagegen in Berufung gegangen. Die Rumänin war selber abtreibungswillig. „Der Vater des Kindes hatte mich verlassen. Ich war ganz allein, wollte aber eigentlich nicht abtreiben und habe in der Nacht zuvor um ein Zeichen gebetet. Als ich dann vor der Klinik angesprochen wurde, war ich dankbar.“ Heute ist die Frau Mutter einer sechsjährigen Tochter. Der ADF-Jurist Laurence Wilkinson machte deutlich, dass Lebensrechtler Frauen physisch natürlich nicht aufhalten dürften. Aber ihnen ein Infoblatt mit freundlichen Worten anzubieten, müsse respektiert werden. Schließlich gehe es buchstäblich um Leben und Tod und eine mögliche Rettung in letzter Sekunde. Das Recht auf Privatheit werde durch ein derartiges sensibles Vorgehen nicht verletzt.

Besorgniserregend stellt sich aus Sicht der Organisatoren die Lage im asiatisch-pazifischen Raum dar. Mit China und Indien liegen die bevölkerungsreichsten Länder der Erde dort. Die Diktatur der kommunistischen Partei in China und der Hindu-Nationalismus in Indien machen Christen, aber auch Andersgläubigen das Leben schwer. Der christliche Journalist Michael Williamson aus Indien sprach vom Gift, das die derzeit regierende Hindu-Partei in die Köpfe der Menschen träufele. „Das Anti-Konversions-Gesetz bedroht alle nicht-hinduistischen Gruppen Indiens.“ Bei einer engen Auslegung könne es sogar strafbar sein, anderen Menschen den Himmel zu verheißen, sollten sie konvertieren.

Problemfall China

Der britische Asien-Experte Benedict Rogers warf einen Blick ins Reich der Mitte. Dort sei die Verfolgung und Bedrängung von Christen auf dem höchsten Stand seit der Kulturrevolution Maos. Staatschef Xi Jinping habe seit seiner Machtübernahme 2013 die Zügel deutlich angezogen. Hätte das Regime phasenweise vor allem kontrollieren wollen, stünden die Zeichen jetzt in Richtung Repression.

ADF-Chef Paul Coleman machte aber deutlich, dass es auch positive Zeichen gebe. So habe das US-Außenministerium vor einigen Monaten in Washington erstmals einen großen Gipfel zur Lage der Religionsfreiheit veranstaltet. Die Europäische Union und auch Großbritannien hätten Sonderbeauftragte für Religionsfreiheit berufen. ADF-Jurist Wilkinson ergänzte: „Siege der Religionsfreiheit sind Siege nicht nur für Christen. Wenn dieses Recht gewinnt, gewinnt jeder.“

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