Berlin

Die Fortschrittslüge im Koalitionsvertrag

Der Koalitionsvertrag der Ampel offenbart ein Menschenbild, das Christen erschrecken muss. Überraschen wird es sie nicht. Sie müssen dagegenhalten. Ein Kommentar.
Vorstellung Koalitionsvertrag
Foto: Kay Nietfeld (dpa) | In gewisser Weise muss man den Ampel-Parteien sogar dankbar sein. Denn endlich wird hier einmal die Agenda klar formuliert, die ihre Vertreter, egal ob nun mit rotem, gelben und grünen Vorzeichen seit Jahren propagieren.

Wirklich große Literatur habe eigentlich, bemerkte einmal die Kritikerlegende Marcel Reich-Ranicki, nur zwei Themen: die Liebe und den Tod. Der Vertrag der künftigen Ampel-Koalition kann mit seinen 177 Seiten von seinem Umfang her durchaus mit einem Roman mithalten, aber Literatur? Natürlich nicht. Rein sprachlich changiert die Polit-Prosa des Kontrakts zwischen Pathos – die Überschrift lautet: „Mehr Fortschritt wagen“ – und technokratischem Bürokratie-Deutsch. Doch lohnt es sich, den Koalitionsvertrag als eine Art Bildungsroman zu lesen, es ist das Manifest der „Generation Ampel“ und er offenbart, wie Rote, Grüne und Gelbe Deutschland umbauen wollen.

Antworten, die Christen erschrecken müssen

Und ja, dabei geht es auch um Liebe und Tod. Das zeigt sich vor allem in der Gesellschaftspolitik, die Robert Habeck, neben Christian Lindner einer der Architekten dieses Bündnisses, den „Blutkern“ der Ampel genannt hat. Sage mir, wie du über Liebe und Tod denkst und ich sage dir, welches Menschenbild du hast. Wer mit diesem Erkenntnisinteresse die Kapitel liest, in denen die Koalitionäre Fragen des Lebensschutzes und der Familienpolitik behandeln, findet schnell Antworten. Antworten, die Christen erschrecken müssen.

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Freilich sind es auch Antworten, die nicht überraschen. In gewisser Weise muss man den Ampel-Parteien sogar dankbar sein. Denn endlich wird hier einmal die Agenda klar formuliert, die ihre Vertreter, egal ob nun mit rotem, gelben und grünen Vorzeichen seit Jahren propagieren und die sie selbst „fortschrittlich“ nennen. Diese „fortschrittliche“ Politik scheut sich nicht, in existenzielle Bereiche des menschlichen Lebens hineinzuregieren und dabei historische Brüche zu vollziehen. Ein neues Familienbild, ein neues Eheverständnis und schließlich eine Umdefinition von Abtreibungen zu einer Frage der Gleichstellungspolitik. Es geht nicht mehr darum, die Würde der Ungeborenen zu schützen, sondern gerade diese Würde wird als Ballast deklariert, von dem Mütter, die keine Mütter sein wollen, zu befreien seien.

Liebe und Tod als Managementaufgaben

Und damit sind wir beim Kern: Der Mensch wird hier als ein Wesen verstanden, das erst dann zu seiner Freiheit findet, wenn es die Kraft aufbringt, Normen, die seinen Freiheitsdrang einschränken, als Ballast umzudeuten und diesen zu entsorgen. Fortschrittlich ist demnach eine Politik dann, wenn sie die Rahmenbedingungen dafür schafft. Liebe und Tod sind  nicht mehr Anfragen an den Menschen und seine Sittlichkeit, sie werden zu Managementaufgaben, die es effektiv zu lösen gilt.

Diese „fortschrittliche“ Politik geriert sich als Dienstleistungsunternehmen. Man streicht nicht mehr die revolutionäre Stoßrichtung heraus. Stattdessen heißt es, man passe doch nur die Politik der bereits vorherrschenden Lebenswirklichkeit an. Diese Strategie ist geschickt. Denn diese Agenda ist ja tatsächlich nicht neu. Sie wirkt schon lange in die Gesellschaft hinein. Ja, es gibt diese Lebenswirklichkeit tatsächlich. Aber ist auch die Mehrheit der Menschen mit dieser Realität zufrieden? Sieht sich wirklich die Mehrheit der Menschen auf dem Weg in diese schöne neue Welt des „Fortschritts“? Sind alle Menschen bereit, den Preis zu zahlen, der mit diesen Brüchen einhergeht? Es gibt Hoffnung, dass das nicht so ist. Mit diesem Koalitionsvertrag sind die Fronten zumindest geklärt. Jetzt muss die gesellschaftliche Debatte beginnen. Christen kommt hier eine wichtige Rolle zu. Wir werden über unser Verständnis von Liebe und Tod sprechen müssen.

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Sebastian Sasse Christen Christian Lindner Gesellschaftspolitik Marcel Reich-Ranicki Robert Habeck Tod und Trauer

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