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Die Aufarbeitung ist ein hartes Stück Arbeit

Das sogenannte „Kentler-Experiment“ ist nur die Spitze des Eisbergs. Fehler beim strafrechtlichen Umgang mit  Kindesmissbrauch bedürfen der Untersuchung.
Nur ein erster Schritt: Der Bericht über das verhängnisvolle Wirken von Helmut Kentler.
Foto: Annette Riedl (dpa) | Nur ein erster Schritt: Der Bericht über das verhängnisvolle Wirken von Helmut Kentler.

Wird das „Kentler-Experiment“ bundesweit aufgearbeitet? Die Berliner Jugendsenatorin hat im Februar angekündigt, die Aufklärung des Kentler-Skandals auf die Agenda der Jugendministerkonferenz zu setzen. Unterstützt vom Berliner Senat hatte der Pädagoge Helmut Kentler ab den 70er Jahren minderjährige Jungen bei pädophilen Pflegevätern untergebracht. Möglich war dieser Missbrauch in staatlicher Verantwortung, weil Kentler als progressiver Sexualpädagoge in hohem Ansehen stand. Unter Berufung auf seine Theorien verbreitete sogar das Bundeskriminalamt (BKA) in den 80er Jahren die These von der Harmlosigkeit „gewaltloser“ pädophiler „Kontakte“. Verantwortlich dafür war der Beamte Michael C. Baurmann, der sich bis in die 90er Jahre in pro-pädophilen Lobbygruppen engagierte. Die „Tagespost“ fragte das BKA, inwiefern diese Vorgänge aufgearbeitet worden seien. Das BKA verwies dazu auf eine Stellungnahme der Bundesregierung im März 2024 zu den früheren, pro-pädophilen Verwicklungen des BKA, in der es heißt: „Die Bundesregierung lehnt…  Bagatellisierung oder gar Legalisierungen von sexuellen Kontakten zwischen Erwachsenen und Kindern entschieden ab.“

Eine solche Bewertung sexueller „Kontakte“ zu Kindern war in der jüngeren Geschichte alles andere als selbstverständlich. Daran hat Manfred Lütz 2021 in dieser Zeitung in seinem Beitrag „Aktion Bischofsgruft“ erinnert. Es gab Zeiten, in denen Pädophilie als ein „Verbrechen ohne Opfer“ galt, zwar nicht generell in der Bevölkerung, aber in tonangebenden Kreisen. Wie Lütz ausführte, war Kindesmissbrauch formal-juristisch strafbar, aber diese Norm galt als überholt. Da man mit einer Reform oder gar Abschaffung des Straftatbestandes rechnete, seien faktisch keine oder milde Strafen verhängt worden, behauptete Lütz. Diese Zeitumstände erklärten aus seiner Sicht manche Fehler katholischer Bischöfe im Umgang mit pädophilen Priestern.

Die Daten für eine Aufarbeitung existieren

Es blieb merkwürdig still um den Aufsatz des erfahrenen Psychiaters, obwohl harsche Reaktionen zu erwarten gewesen wären. Es ist bezeichnend für die Oberflächlichkeit der Aufarbeitungsdiskussion, dass sich niemand die Mühe machte, die Darstellung von Manfred Lütz zu prüfen. Das ist möglich, denn es gibt amtliche Dokumente und, wie die oben genannte Antwort der Bundesregierung zeigt, sogar statistische Daten zum strafrechtlichen Umgang mit sexuellen Übergriffen auf Kinder. Jede Analyse zum Umgang der Justiz mit Kindesmissbrauch muss die Strafrechtsreform der 70er Jahre betrachten. Mit dieser Reform sei, so das gängige Narrativ, das Sexualstrafrecht von überholten Moralvorstellungen „entrümpelt“ worden. Dazu gehörte es, sogenannte „abweichende sexuelle Verhaltensweisen“ zu entkriminalisieren. Dies betraf vor allem die Homosexualität, aber auch den Exhibitionismus und sogar die Pädophilie. 

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Im Zuge dieser Reform wurde die Strafbarkeit sexueller „Handlungen“ an Kindern zwar nicht abgeschafft, aber der einschlägige § 176 StGB so entschärft, dass man dies als eine teilweise Entkriminalisierung des Kindesmissbrauchs bezeichnen kann. Sexuelle Übergriffe auf Kinder wurden von einem Verbrechen zu einem Vergehen herabgestuft. Lediglich für den Fall der leichtfertigen Tötung des Kindes wurde der Verbrechenstatbestand beibehalten. Aber sogar für diese grausamen Fälle wurden die Strafen beschränkt: Die Mindeststrafe wurde von zehn auf fünf Jahre herabgesetzt und festgelegt, dass „einfache Fahrlässigkeit als Schuldform nicht mehr ausreicht“. Die Möglichkeit, Bewährungsstrafen zu verhängen, wurde „für den Fall erweitert, dass eine therapeutische Behandlung Erfolg verspricht“. Insbesondere im Falle „nicht-gewaltsamer Sexualdelinquenten“ sollte Therapien der Vorzug gegeben werden. Dies entsprach der Philosophie der großen Strafrechtsreform. Zu deren vorrangigen Zielen gehörte die Resozialisation der Straftäter. Das frühere Strafrecht galt als „Vergeltungsstrafrecht“, das auf einer antiquierten, bürgerlichen Moral beruhe. Es sollte ersetzt werden durch ein rationales Strafrecht, basierend auf wissenschaftlichen Erkenntnissen.  

Der Gesetzgeber trug zur Bagatellisierung von Missbrauch bei

Zum § 176 StGB konstatierte der Gesetzgeber einen Mangel „an gesicherten Erkenntnissen über die für die Strafbedürftigkeit der Handlungen und die Ausgestaltung des Tatbestandes wichtige Frage, welche schädlichen Wirkungen von einer sexuellen Handlung auf das hiervon betroffene Kind ausgehen“.  Angesichts fehlender „gesicherter Erkenntnisse“ über Kindesmissbrauch hätte man an einer strengen Ahndung festhalten können, um Kinder als schwächste Glieder der Gesellschaft zu schützen. So argumentierten konservative Sachverständige. Die sozialliberale Mehrheit folgte aber den Empfehlungen progressiver Experten, die „sexuelle Kontakte“ zwischen Erwachsenen und Kindern bagatellisierten. Ihre Verharmlosung des Kindesmissbrauchs ging so weit, dass Kindern unterstellt wurde, selbst die sexuellen „Kontakte“ zu Erwachsenen zu suchen: „Der Prozentsatz der Kinder, welche dem erwachsenen Täter bei den sexuellen Handlungen nicht nur keinen Widerstand entgegensetzen, sondern ihm sogar aktiv entgegenkommen, ist daher außerordentlich hoch. Der Täter wird häufig als Partner akzeptiert, der das Zärtlichkeitsbedürfnis des Kindes befriedigt.“ 

Solche Aussagen des Gesetzgebers erinnern nicht zufällig an die Propaganda pädophiler „Kinderfreunde“. Zu den Experten, die die Abgeordneten von der vermeintlichen Harmlosigkeit sexueller Übergriffe auf Minderjährige überzeugten, gehörte Helmut Kentler, der Star der neuen Sexualpädagogik. Kentler behauptete in der Anhörung zur Gesetzesreform, dass „erotische Elemente“ der Erziehung „höchst wertvoll“ seien und nicht mit Strafen bedroht werden dürften. Solche Aussagen lösten keine Empörung aus, im Gegenteil. Den Rechtspolitikern der sozialliberalen Regierungskoalition kamen sie gelegen, stützten sie doch ihre Liberalisierungsagenda. Plädoyers für den strafrechtlichen Schutz Minderjähriger vor sexuellen Übergriffen galten als unwissenschaftlich und überholt.

Angesichts des „Abscheus“, mit der die Öffentlichkeit „noch immer“ auf „sexuelle Handlungen“ mit Kindern reagierte, waren die sozialliberalen Strafrechtsreformer allerdings zu Kompromissen gezwungen. Deshalb blieb der Missbrauch von Kindern (§ 176 StGB) als Straftatbestand erhalten. Seine Strafwürdigkeit stand aber zur Disposition: „Die getroffenen Entscheidungen werden zu überprüfen sein, sobald eindeutigeres wissenschaftliches Material vorliegt“, hielt die Gesetzesbegründung fest. Dieser Strafrechtsphilosophie folgend, wurden sexuelle Übergriffe auch von Kriminologen bagatellisiert. Ein Beispiel ist eben Michael C. Baurmann, der als Referent im Bundeskriminalamt missbrauchsverharmlosende Schriften verfasste, unter anderem eine Broschüre für Eltern und Erzieher zum Thema „Kinderfreunde“. Darin wurde Eltern empfohlen, im Falle „sexueller Kontakte“ ihrer Kinder „keine Sensation aus dem Vorfall“ zu machen. Es wurde nahegelegt, sexuelle Übergriffe nicht anzuzeigen.

Anzeigen gingen deutlich zurück

Das lag im Trend der Zeit. Die Anzeigen wegen Kindesmissbrauchs (§ 176 StGB) gingen nach der Strafrechtsreform auffallend zurück: Sie sanken von mehr als 15.000 in den Jahren 1973/74 auf unter 11.000 in den Jahren 1983 bis 1987. Noch stärker als die Zahl der Anzeigen sank die Zahl der Verurteilungen: Während im Jahr 1974 mehr als 2.600 Straftäter wegen Kindesmissbrauchs verurteilt wurden, waren es im Jahr 1987 nur 1  341. Die Zahl der Anzeigen wegen Kindesmissbrauchs nahm um etwa ein Drittel ab, während die Zahl der Verurteilungen nach § 176 StGB sogar um fast die Hälfte zurückging. Zugleich wurden weniger Freiheitsstrafen verhängt: Offenkundig urteilten die Gerichte milder – ganz im Sinne der Strafrechtsreform.

Ende der 1980er Jahre kehrte sich der Trend um: Die Zahl der Verurteilungen (im früheren Bundesgebiet) wegen Kindesmissbrauchs nach § 176 StGB stieg bis auf über 2.400 in den Jahren 2003/2004. Auch danach blieb die Zahl der Verurteilten deutlich über dem Niveau der 1980er Jahre. Eine ähnliche Tendenz zeigt sich bei den Anzeigen, die um 1990 noch stärker anstiegen und 1997 mit fast 17  000 Anzeigen einen Höhepunkt erreichten. Später gingen die Anzeigezahlen wieder zurück. Sie blieben aber auf einem höheren Niveau als in den 80er Jahren. Die Trendumkehr in den Jahren um 1990 ist markant: Die Zahl der Anzeigen von Kindesmissbrauch nimmt in der Zeit sprunghaft zu und parallel dazu steigt auch die Zahl der nach § 176 StGB Verurteilten. Das sind keine statistischen Zufälle. Es handelt sich um eine Tendenzwende. Offenbar wuchs die Sensibilität für die Verletzlichkeit von Kindern. Angesichts der Flut an Kinderpornographie im Internetzeitalter ließ sich die Abscheulichkeit sexueller Übergriffe auf Kinder immer weniger verdrängen. Vor diesem Hintergrund wurde der Kindesmissbrauch 2021 vom Gesetzgeber wieder als Verbrechen eingestuft. Auch in prononciert progressiven Milieus ist das (offene) Eintreten für Pädophilie indiskutabel geworden. 

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