Paris

Die Anti-Macron-Wahl

Macrons Parteienbündnis verfehlt die absolute Mehrheit im Parlament deutlich. Seine Arroganz und eine weitgehend inhaltslose Kampagne kommen ihn und Europa teuer zu stehen. Ein Kommentar.
Frankreichs Präsident Macron
Foto: Gonzalo Fuentes (Pool Reuters/AP) | Macrons Tanz um die goldene Mitte auf wahlweise seinem rechten oder linken Bein ist gescheitert: Die politische Geografie definiert sich nicht mehr nur von rechts nach links, sondern auch durch "oben" und "unten", ...

Zwei Monate nach seiner Wiederwahl haben Frankreichs Bürger Emmanuel Macron hart abgestraft. Sein Parteienbündnis verfehlt die absolute Mehrheit im Parlament weit, die ihm fünf weitere Jahre in komfortabler Alleinherrscherpose verschafft hätte. Der Wahlkampf mit dem Versuch, die "republikanische Front" je nach Lage gegen die rechte oder linke Opposition zu beschwören, ist gescheitert. Die Arroganz, mit der sich Macron in einer weitgehend inhaltslosen Kampagne als Retter der Nation inszeniert hat, kommt ihn heute teuer zu stehen, und mit ihm ganz Europa: Eine instabile Regierung in Frankreich kann sich die EU nicht leisten. 

Tanz um die goldene Mitte ist gescheitert

Den Bonus der Jugend und der Dynamik konnte das Linksaußen-Bündnis "NUPES" im Wahlkampf für sich beanspruchen. Die Le-Pen-Partei "Rassemblement national", deren Kandidaten in der Vergangenheit aufgrund des Mehrheitswahlrechts meist den Kürzeren zogen, fährt zur Überraschung aller ein doppelt so hohes Ergebnis ein als Umfrageinstitute ihr vor der Wahl voraussagten. 

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Macrons Tanz um die goldene Mitte auf wahlweise seinem rechten oder linken Bein ist gescheitert: Die politische Geografie definiert sich nicht mehr nur von rechts nach links, sondern auch durch "oben" und "unten", Elite versus Populisten. Neben der Weltanschauung etabliert sich der Frust gegen die Regierung als Faktor der politischen Zugehörigkeit. Ähnliches konnte man in Deutschland während der Corona-Demonstrationen beobachten.

"Hauptsache nicht Macron", das scheint die Parole dieser Wahl gewesen zu sein. Dazu passt auch, dass Links- und Rechtspopulisten Kandidaten aufstellten, die aus dem Schema der üblichen Politkarrieren fallen. Macrons brillante Köpfe und junge Aufsteiger ohne jede Verankerung in ihren Wahlkreisen konnten da nicht mithalten. Emblematisch dafür steht die von der Elfenbeinküste stammende fünffache Mutter Rachel Kéké, ein ehemaliges Zimmermädchen bei der Ibis-Kette. Sie zieht als Abgeordnete der Linksaußen-Partei Mélenchons in das Parlament ein. Glaubt man den Sozialen Medien, hat sie früher Marine Le Pen unterstützt.

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Franziska Harter Emmanuel Macron Marine Le Pen

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