Reparationsfrage

Deutschland muss Polen zur Seite stehen

Geht es nach Polens Regierung, sollen die Reparationszahlungen 80 Jahre nach Kriegsbeginn Wirklichkeit werden. Doch gerade jetzt ist der polnisch-deutsche Schulterschluss gefragt. Ein Kommentar.
Gedenkfeier zum Jahrestag des Zweiten Weltkriegs - Polen
Foto: Michal Dyjuk (AP) | Jaroslaw Kaczynski, Vorsitzender der polnischen Regierungspartei PiS, nimmt an einer Kranzniederlegung anlässlich der nationalen Gedenkfeiern zum Jahrestag des Zweiten Weltkriegs teil.

Am 1. September dieses Jahres wurde zurückgeschossen: der Doyen der PiS, Jaroslaw Kaczynski, stellte im Warschauer Königsschloss einen Bericht vor, in dem die durch Nazi-Deutschland verursachten Schäden seines Heimatlandes während des Zweiten Weltkriegs berechnet sind. Auf Grundlage dieser Zahlen werde man von Berlin 1,3 Billionen Euro Entschädigung verlangen, so der 73-Jährige. Die schon oft beschworenen Reparationszahlungen - mehr als 80 Jahre nach Kriegsbeginn sollen sie aus Sicht der polnischen Nationalkonservativen Wirklichkeit werden, auch wenn es, wie Kaczynski zugab, ein schwieriger Weg sein werde.

Kaczynskis anachronistische Idee

Die Bestätigung seiner Skepsis kam umgehend. Die Reparationsfrage sei abgeschlossen, teilte ein Sprecher des Auswärtigen Amtes mit. Schon 1953 habe Polen auf weitere Reparationen verzichtet. "Dies ist eine wesentliche Grundlage für die heutige Ordnung Europas." Eine Haltung, die Bundeskanzler Olaf Scholz gegenüber der "FAZ" bekräftigt hat: diese Frage sei "völkerrechtlich abschließend geregelt".

Lesen Sie auch:

Nun weiß man natürlich auch in Berlin, dass die Volksrepublik Polen des Jahres 1953 kein freies Land, sondern ein Satellitenstaat der Sowjetunion war und dass die heutige Ordnung Europas beim Zwei-plus-Vier-Vertrag des Jahres 1990 ohne die Nation begründet wurde, die nicht nur im Zweiten Weltkrieg mit 5,2 Millionen Toten gewaltig geblutet hat, sondern auch davor und danach enorme Zurücksetzungen hinnehmen musste. Bisweilen setzen sich diese in der EU fort. Manchmal nicht ganz ohne eigene Schuld.

Doch darum geht es jetzt nicht. Europa - ergo auch Polen und Deutschland - befindet sich im Krieg gegen Putins Russland. Nur wenn es zusammenhält, kann es der neuen Bedrohung standhalten. Die Bundesrepublik sollte deshalb im Rahmen der EU alles tun, um Polen die finanziellen Mittel zu gewähren, die es für seinen Wiederaufbau und seine enorme Solidarität mit der Ukraine braucht. Auch aus Eigeninteresse - und damit Kaczynskis anachronistische Idee in Europa nicht zur Mode wird. Dass Deutsche solidarisch sein können, erfahren viele Polen seit Jahrzehnten durch die deutsche Kirche. Die deutsche Politik sollte von ihr lernen.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Weitere Artikel
Wie wird Olaf Scholz in zehn Jahren über sein Handeln denken?
18.05.2022, 11  Uhr
Hendrik ter Mits
Niemand durchdrang das Wesen des Krieges wie Carl von Clausewitz. Anhand seines Denkens lassen sich sogar Cyber-Attacken und der Ukraine-Krieg einordnen.
23.07.2022, 09  Uhr
Stefan Ahrens
Themen & Autoren
Stefan Meetschen Auswärtiges Amt Jarosław Kaczyński Kriegsbeginn Wladimir Wladimirowitsch Putin

Kirche

Kardinal Kurt Koch weist den Vorwurf von Bischof Georg Bätzing zurück, er habe den Synodalen Weg mit einem Nazi-Vergleich heftig kritisiert. Die Stellungnahme im Wortlaut.
29.09.2022, 20 Uhr
Kurt Kardinal Koch
Der Vorsitzende der deutschen Bischöfe fordert vom Präsidenten des Päpstlichen Einheitsrates eine „umgehende Entschuldigung“ für kritische Interviewäußerung.
29.09.2022, 15 Uhr
Meldung
Der Vorsitzende von Frankreichs Bischofskonferenz, Erzbischof Eric de Moulins-Beaufort, hat den katholischen Großerzbischof Schewtschuk und den orthodoxen Metropoliten Epifanij in Kiew ...
29.09.2022, 13 Uhr
Franziska Harter
Ein Gespräch mit dem Kölner Kardinal Rainer Woelki über den Synodalen Weg, den Ad-limina-Besuch der deutschen Bischöfe in Rom und die Kölner Hochschule für Katholische Theologie.
28.09.2022, 17 Uhr
Regina Einig Guido Horst