Absturz eines Superstars

Deutschland muss besser werden

Nicht nur beim Militär braucht die Bundesrepublik eine Zeitenwende. Ein Plädoyer für ein geistig-moralisch vorbildliches, innovationsfreudiges Deutschland.
Deutschland - Absturz eines Superstars
Foto: Adobe stock | Deutschland steht an einer entscheidenden Wegmarke: Entweder ein naives Weiter-so in Richtung "Freizeitpark Deutschland" (Helmut Kohl) und die historische Bedeutungslosigkeit - oder das Ernstnehmen jener von ...

Wer mit Blick auf Deutschland die Fußballersprache bemüht, wird um folgende Aussage nicht herumkommen: Deutschland spielt schon seit längerem wie ein Absteiger. Denn egal, ob bei großen Bauvorhaben wie dem Berliner Flughafen (BER) und der Hamburger Elbphilharmonie, der Ausstattung und des Renommees der hiesigen Hochschulen, der Entwicklung der Start-up-Kultur oder des infolge von Pandemie und Krieg geschrumpften Wirtschaftswachstums: Deutschland wird im internationalen Vergleich auf fast allen Gebieten Stück für Stück nach unten durchgereicht.

16 verlorene Merkel-Jahre

Gewiss: Sowohl vor der Flüchtlingskrise 2015, der Corona-Krise 2020/2021 als auch des am 24. Februar von Putin entfesselten Ukraine-Krieges war wohl so manchem bereits durchaus bewusst, dass, um mit Hamlet zu sprechen, "etwas faul ist im Staate Deutschland": Träge Behörden, in denen anstatt digitaler Arbeitsmethoden und Agilität immer noch Kompetenzgerangel, Papier und Faxgeräte Trumpf sind; Mammutbauvorhaben, bei denen immer wieder auf beinahe unerklärliche Art und Weise die vorgesehenen Zeitrahmen und Budgets um ein Vielfaches den ursprünglich geplanten Rahmen übersteigen oder die nahezu mit Händen zu greifende Unlust vieler Menschen, sich überhaupt mit Zukunftsfragen und Innovationen zu befassen, sind da nur einige Beispiele.

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Doch aufgrund der in den 2010er-Jahren erzielten Vollbeschäftigung, stabiler Preise und eines Überschusses im Staatshaushalt   maßgeblich erzielt durch die "Agenda 2010"-Reform des früheren Bundeskanzlers und heutigen Russengaslobbyisten Gerhard Schröder sowie jahrelange große Lohnzurückhaltung und starke national und international attraktive Familien- und Mittelstandsunternehmen, konnte in den vergangenen Jahren eine Wohlstandsillusion erzeugt werden, die es einem Großteil dieses Landes nahelegte, es sich ein bisschen bequemer machen zu dürfen und sich die einsetzende Trägheit in Bevölkerung und Behörden irgendwie "leisten" zu können. Dass diese vermeintlichen Boom-Jahre, in denen Deutschland satt und träge wurde, vor allem durch Exportgeschäfte mit Diktaturen wie China, die Energieabhängigkeit von Russland und eine verheerende Notenbankpolitik der EZB ermöglicht wurden, deren Ergebnis unter anderem hohe Inflationsraten und explodierende Immobilienpreise sind, beginnt einigen Menschen hierzulande erst jetzt vollends bewusst zu werden.

Anstatt für die Zukunft zu planen und in diesem Rahmen unliebsame Entscheidungen zu treffen, fuhr das Land in den Merkel-Jahren über weite Strecken auf Autopilot und leistete Dienst nach Vorschrift - wenn überhaupt. Dafür wurden umso herzhafter nebensächliche Metadebatten über neu erfundene (und dann zu alimentierende) Minderheiten geführt oder sich bei jedweder Gelegenheit darum bemüht, gefragt oder ungefragt, das eigene moralische Überlegenheitsgefühl vor aller Welt zur Schau zu stellen. Spätestens seit Beginn des Ukraine-Krieges jedoch ist Deutschlands Lack ab: Und das nicht nur aus innerdeutscher Sicht, sondern vor allem auch aus ausländischer Perspektive. Denn gerade der Ukraine ist mittlerweile bewusst, dass deutsche Wurstigkeit möglicherweise hierzulande meist nur für Achselzucken, dort jedoch, wo Deutschland beispielsweise kaum in der Lage ist, einsatzfähige Waffen zur Verteidigung eines angegriffenen Landes zu liefern, buchstäblich tödlich sein kann.

Überall muss nachgebessert werden

Beinahe überall muss deswegen hierzulande nachgebessert werden: So hat Deutschland die höchsten Strompreise in Europa, eine zunehmend unsichere Energieversorgung, eine marode Infrastruktur, immer noch grotesk langwierige Planungs- und Genehmigungsverfahren und OECD-weit die höchste Steuer- und Abgabenlast für Arbeitnehmer nach Belgien   und das nach 16 Jahren Angela Merkel. Die großen Unternehmen sind alt   und in den Zukunftsbranchen sieht es gelinde gesagt mau aus: Von den zehn größten Internetkonzernen der Welt kommen fünf aus den USA, fünf aus China   alleine der US-Tech-Gigant Apple hat eine höhere Bewertung als alle Dax-Unternehmen zusammen. In den Top 100 der Eliteuniversitäten ist die TU München auf Platz 50 die erste deutsche, auf Platz 63 liegt die Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg, die Ludwig-Maximilians-Universität in München folgt auf Rang 64. Und beim "Global Entrepreneurship Monitor" liegt Deutschland bei der Gründungsquote unter 43 untersuchten Ländern auf Platz 41. Zudem gibt es kaum Wagniskapital: die Investoren machen eher einen Bogen um das angeblich "beste Deutschland aller Zeiten".

All diese Zahlen, Fakten und Zustände rutschen zwar allmählich in das hiesige Bewusstsein   die von Bundeskanzler Olaf Scholz gehaltene "Zeitenwende"-Rede im Deutschen Bundestag hinsichtlich der bisherigen Unterfinanzierung der Bundeswehr sowie dessen Ankündigung, sowohl 100 Milliarden Euro via Sondervermögen der maroden Armee zur Verfügung zu stellen sowie künftig zwei Prozent des Bruttoinlandsproduktes (wie seit Jahrzehnten versprochen) der NATO finanziell zur Verfügung zu stellen, zeugt hiervon. Doch diese "Zeitenwende" muss schnell auf weitere Bereiche des öffentlichen und ökonomischen Lebens ausgeweitet werden: Auf die Infrastruktur, die Schulen, die Digitalisierung, die Energiepolitik. Außen- und wirtschaftspolitisch hingegen müssen eine Eindämmung Russlands, eine Neuorientierung der Märkte hin auf Demokratien und bestenfalls nicht-aggressive Partner sowie ein verstärktes Engagement auch in Südosteuropa, Afrika und Asien, um Russland und China zurückzudrängen, erfolgen.

Der deutsche Lack ist ab

Hierfür muss in Windeseile ein gehöriger Mentalitätswandel beziehungsweise   wie es bereits der frühere Bundespräsident Roman Herzog forderte   ein "Ruck" durch die deutsche Gesellschaft gehen: Denn so richtig angekommen, mentalitätsmäßig und kulturell, ist die deutsche Gesellschaft noch nicht in einer Gegenwart, in der beispielsweise ein friedliebendes Land innerhalb Europas von einem Autokraten überfallen und sein Volk dahingeschlachtet wird und ein viel zu großer Teil der Jugendlichen auf den Beamtenjob schielt oder die Schule vor dem Abi abbricht, um sich als vermeintlich "letzte Generation" dem Kampf gegen die Klimakatastrophe zu widmen. Zeitenwenden können nicht von der Couch oder aus dem Liegestuhl heraus bewerkstelligt werden   vor allem dann nicht, wenn sie auch gelingen sollen.

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Denn angesichts des bedrohlichen Gewitters, welches sich politisch und wirtschaftlich immer stärker über Deutschland zusammenbraut, muss diese Zeitenwende spektakulär erfolgreich sein: Mittelmaß und durchwursteln wie bisher ist nunmehr zu wenig, der Wohlstandsbonus ist aufgebraucht.
So muss jenseits der schnellen Digitalisierung und Dekarbonisierung von Gesellschaft und Wirtschaft sowie der Ausrüstung der Bundeswehr auch angesichts einer immer älter werdenden Gesellschaft über flexiblere Arbeits- und Renteneintrittszeiträume gesprochen, die Schulen in digitaler Hinsicht schneller in die Gegenwart gehoben sowie Lehrer und Beamte dringend anders besoldet werden.

Von den Kirchen muss mehr kommen

Auch von den Kirchen muss mehr kommen als bisher: Denn in Zeiten großer Verunsicherung und anstehender Veränderungen ist ein kraftvolles "Erhebet die Herzen!" sowie die Zusicherung der Nähe Gottes für bereits getaufte Christen und solche, die noch auf der Suche nach ihm sind, notwendiger denn je, anstatt dem Status quo, geschweige denn der jeweiligen Regierung das Wort zu reden. Gerade angesichts des desaströsen Bildes, das viele Kirchenvertreter während der Corona-Pandemie abgegeben haben, muss daran erinnert werden: Reichweite und Relevanz werden einem nicht geschenkt, sondern müssen sich erst verdient werden.

Deutschland steht an einer entscheidenden Wegmarke: Entweder ein naives Weiter-so in Richtung "Freizeitpark Deutschland" (Helmut Kohl) und die historische Bedeutungslosigkeit - oder das Ernstnehmen jener von Bundeskanzler Olaf Scholz zu Recht eingeforderten Zeitenwende. Letzteres würde bedingen, sich endlich wieder mit jener geistig-moralischen und innovationsfreudigen Ambition zu versehen, für die so ganz unterschiedliche Vorbilder wie Johann Wolfgang von Goethe und Friedrich Schiller, Immanuel Kant und Wilhelm von Humboldt, Edith Stein und Dietrich Bonhoeffer, aber auch Carl Benz, Werner Siemens oder Konrad Zuse stehen.

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