Wirtschaft in der Krise

Deutschland ist eine Mangelrepublik

Vom Wirtschaftswunderland zum Land, in dem es an allen Ecken und Enden fehlt. Das sind die Gründe.
Leere Supermarktregale in Deutschland
Foto: Friso Gentsch (dpa) | In zahlreichen Supermarktregalen klaffen momentan große Lücken – in Deutschland zieht vielerorts bislang unbekannter Mangel ein.

Das ist ja wie früher in der DDR“, sagt eine Kundin angesichts leerer Regale im Supermarkt. Kein Zweifel: Unser einstiges Wirtschaftswunderland entwickelt sich immer mehr zur Mangelrepublik Deutschland.

Doch vielleicht sind wir einfach auch zu sehr verwöhnt: Die Nachkriegsgeneration der nach 1960 im Westen Geborenen, die in ihrem Leben, bei entsprechenden wirtschaftlichen Möglichkeiten, immer Zugriff auf das hatte, was man sich leisten konnte oder gönnen wollte. Registrierte man in der Corona-Krise das deutsche Horten von Klopapier und Hefe noch mit einem Schmunzeln, stellt man jetzt auf einmal fest, dass der Mangel zum Alltagsproblem wird.

Supermarktregale und Arbeitsmarkt: leer gefegt

Für die aktuelle Lage gibt es unterschiedliche Ursachen: Zusammengebrochene oder gestörte Lieferketten, die Corona-Pandemie und ihre Folgen und der Krieg in der Ukraine, die Energiekrise und die inflationäre Preisentwicklung. Der Warenmangel in den Supermärkten hat ebenfalls unterschiedliche Gründe: Manchmal hört man, dass weniger LKW rollen, weil viele der Fahrer aus der Ukraine kommen und jetzt im Krieg sind.

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Dazu kommt aber auch ein Preiskampf mit Muskelspielen zwischen Produzenten und Verkäufern. Den fechten verschiedene Supermarktketten gerade mit dem Foodkonzern „Mars“ aus. Das US-Unternehmen mit Sitz in Virginia ist eine echte und bei Kunden beliebte Größe auf dem deutschen Markt und liefert etwa 300 Produkte an den deutschen Handel. „Greifen Sie auf unsere eigenen Produkte zurück“, heißt es mit Zettelbotschaften an den Regalen der Rewe- oder Edeka-Gruppe. Beliebte Produkte wie Snickers, M&Ms, Wrigley-Kaugummi oder Whiskas-Tiernahrung gibt es dort zur Zeit ebenso wenig wie „Uncle Ben's“-Reis.

Der Streit über die Preise schwelt schon seit Monaten - nun scheint mit der erneuten Ankündigung von Preiserhöhungen durch Mars eine neue Eskalationsstufe erreicht zu sein: Weil sich Rewe geweigert hat, die von den Amerikanern gewünschten Preisanhebungen abzunicken, beliefert Mars die Kette derzeit nicht - Gleiches gilt für Edeka und entsprechende Tochterunternehmen.

Überall mangelt es an Personal

Dass unserer Wirtschaft Facharbeiter fehlen, ist nichts Neues. Inzwischen erreicht der Fachkräftemangel in Deutschland einen neuen Höchststand: Im Juli waren 49,7 Prozent der Unternehmen dadurch beeinträchtigt, hat das ifo Institut festgestellt. „Immer mehr Unternehmen müssen ihre Geschäfte einschränken, weil sie einfach nicht genug Personal finden“, sagt der ifo-Arbeitsmarktexperte Stefan Sauer. Und er prognostiziert: „Mittel- und langfristig dürfte dieses Problem noch schwerwiegender werden.“

Mit einem Anteil von 54,2 Prozent sind Dienstleistungsunternehmen am stärksten von knappen Fachkräften betroffen. Die Beherbergungsbetriebe und die Veranstaltungsbranche liegen mit rund 64 Prozent noch über diesem Branchendurchschnitt. Da wundert es dann nicht, wenn man demnächst im Hotel gebeten wird, die Betten selbst zu machen – schon heute gibt es ja Gutscheinangebote beim Verzicht auf den Zimmerservice.

Dass man auf seine Möbel wochenlang warten muss, um sie am Ende dann auch noch selbst aufzubauen, ohne bei einem bekannten schwedischen Möbelhaus eingekauft zu haben, gehört ebenfalls inzwischen zum Alltag. Wenn man versucht, einen Handwerker zu finden, wird das oft ebenfalls zu einer echten Geduldsaktion. Auch hier fehlt es einfach an qualifizierten Mitarbeitern.  Im Bestreben der Politik, dass Deutschland ein Land von Akademikern werden soll, hat man die Bedarfe des Handwerks als eine der Triebfedern des Mittelstands zu lange aus dem Blick verloren. Aber auch in Bereichen, in denen oft ungelerntes Personal gejobbt hat, wie in der Gastronomie stellt man fest, dass die Qualität der Dienstleistungen zuweilen schlechter wird, weil es an Mitarbeitern fehlt.

Eine Auswertung der „Index Research" für das Magazin „Stern“ zeigt, dass Bayern das Bundesland mit den meisten unbesetzten Stellen (circa 272.000) ist . In den Bundesländern Nordrhein-Westfalen, Baden-Württemberg und Niedersachsen wurden jeweils zwischen rund 130.000 und 260.000 offene Stellen erfasst. Zugleich lag hier die Anzahl der betroffenen Firmen zwischen rund 24.500 und knapp 46.000. Im Mittelfeld lag Berlin mit 66.768 offenen Stellen bei 9823 Firmen und Thüringen mit 58.252 Stellen bei 5246 Firmen. Das Saarland landete auf dem letzten Platz mit 14.188 Stellen bei 3476 Firmen.

Im deutschlandweiten Städtevergleich wiederum verzeichnete Berlin die mit Abstand meisten Stellen (66.704). An zweiter Stelle folgte Hamburg mit knapp der Hälfte dieser Anzahl, gefolgt von den Großstädten München (24.429) und Köln (15.707). Die wenigsten Stellen gab es in Bremen (13.047) und in Stuttgart (12.682).

Warten auf den Postboten und den Kita-Platz

Selbst in Zeiten der E-Mail-Kommunikation gibt es immer noch genügend Menschen, die auf die Briefpost und den Paketdienst vertrauen. Auch in dieser früheren Domäne der Zuverlässigkeit hakt es zunehmend und spürbar. Und der Unmut der Kunden wächst auch hier. Das ZDF hat bei der Bundesnetzagentur nachgefragt und erfahren, dass die dort aufgelaufenen Beschwerden über die Post Ende September 2022 mit 20.475 bereits fast 8.000 über dem gesamten Jahreswert von 2018 liegen. An einem Werktag können im Durchschnitt in rund 100 der bundesweit über 50.000 Zustellbezirke keine Briefe zugestellt werden, berichtet Thomas Schneider, Betriebschef des Post- und Paketgeschäfts in Deutschland, der „Bild am Sonntag". Die Zustellung verzögere sich allerdings lediglich um einen Tag.

Als Gründe nennt er sehr hohe Corona-Infektionszahlen. In einigen Betriebsstätten würden Mitarbeiter reihenweise ausfallen. Darüber hinaus sei es auf dem „angespannten Arbeitsmarkt“ schwieriger geworden, gute Leute zu finden, zumal viele die während des Lockdowns zur Post gewechselt seien, nun wieder in ihren angestammten Berufen arbeiteten. Auch um die Mobilität ist es in der Mangelrepublik Deutschland nicht gut bestellt. Sowohl in der Luftfahrt als auch bei der Bahn klagen Reisende über Verzögerungen und Ausfälle.  Bereits seit Wochen herrscht Chaos in der Luftfahrtbranche. So berichten Reisende über Flugverschiebungen, Ausfälle und lange Wartezeiten bei der Gepäckausgabe, zum Beispiel an Deutschlands Drehkreuz, dem Frankfurter Flughafen. Jetzt rächt sich, dass viele Mitarbeiter während der Pandemie entlassen wurden. Betroffen ist aber auch die Bahn. „Fehlendes Personal führt jetzt schon zu erheblichen Einschränkungen im Bahnverkehr und zu eingeschränkten Services in den Zügen“, kritisiert der Vizevorsitzende der Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft gegenüber der Deutschen Presse-Agentur. Und das, obwohl die Bahn aktuell 1.600 Beschäftigte mehr als vor einem Jahr hat.

Selbst die Kleinsten spüren den Mangel

Selbst die kleinsten der Kleinen spüren den Mangel: Bei den Kitas wird er zur Dauerbelastung. Untersuchungen der Bertelsmann Stiftung für das aktuelle „Ländermonitoring Frühkindliche Bildungssysteme“ belegen, dass 2023 in Deutschland etwa 384.000 Kita-Plätze fehlen werden. Um den Betreuungsbedarf der Eltern zu erfüllen, müssten zusätzlich zum vorhandenen Personal weitere 93.700 Fachkräfte im Westen und 4.900 im Osten eingestellt werden. Wohl gemerkt: Seit 2013 gibt es einen gesetzlich normierten Rechtsanspruch auf einen Betreuungsplatz.

Auch die Schulen sind vom Personalmangel massiv betroffen: Immer häufiger fällt der Unterricht aus, weil es an Lehrern mangelt. Allein für dieses Schuljahr gab es bundesweit zwischen 30.000 und 40.000 Lehrer zu wenig, teilt das Deutsche Schulportal mit. Das treffe alle Bundesländer, wie Verbandspräsident Heinz-Peter Meidinger gegenüber der Nachrichtenagentur DPA sagt. Einwanderungswellen, wie beispielsweise aufgrund der Flucht zahlreicher Ukrainer vor Putins verbrecherischem Krieg in der Ukraine, verschärfen das Problem. Folglich werde der Lehrermangel ebenfalls erhalten bleiben, sagt die Kultusministerkonferenz voraus.

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