Orthodoxie

Der Ruf ist längst ruiniert

Die mit Moskau verbundene Orthodoxie in der Ukraine hat mehr als nur ein Imageproblem. Viele ihrer Priester kollaborieren mit den Invasoren.
Ukraine-Krieg - Kiew
Foto: Bernat Armangue (AP) | Das weltberühmte Höhlenkloster von Kiew wurde, wie viele orthodoxe Kirchen und Klöster, vom ukrainischen Geheimdienst auf Waffen, Munition und russisches Propagandamaterial durchsucht.

Vor etwa sechs Jahren fuhr ich mit dem Auto über die Karpaten. Es war eine der beiden Hauptstrecken, wo die Landstraße in sanften Kurven die Hänge des Bergkamms erklimmt und dann weiter in südlicher Richtung in die sonnigen Täler Transkarpatiens hinabführt, in jenen Teil des Landes, der als einziger auf der anderen Seite der Karpaten liegt. Wir wollten eine kleine geführte Wandertour im Urwald machen. Das Wetter war prächtig, die Sonne schien, die Straße war in einem ziemlich guten Zustand. Man konnte die Landschaft genießen.

Bereits auf dem Weg ins Tal erblickte ich auf einem Berg, der rechts in der Fahrtrichtung in den Himmel ragte, eine Kirche. Blauer Anstrich, goldene Kuppel. Ganz offensichtlich ein Neubau. Einige Kilometer später stand wieder eine Kirche auf dem Hügel. Ich war zwar seit einigen Jahren nicht mehr auf dieser Strecke gefahren, aber an die vielen Kirchen konnte ich mich nicht erinnern. Es war ganz eindeutig ein neuartiges Phänomen. Als irgendwann das dritte frisch gebaute Gotteshaus uns den Blick auf den Himmel versperrte, hielten wir an, um dieses Rätsel zu lösen.

Sie sind nicht mehr glaubwürdig

Wir stiegen den Hügel hinauf. Die kleine Kirche war geschlossen, auf dem Platz davor lag Bauschutt. An einer Außenmauer bröckelte wegen der schlechten Wasserdämmung bereits der Putz ab. Die Verkäuferin im Dorfladen gab gerne Auskunft: Es sei das Moskauer Patriarchat; vor der Krim-Annexion im März 2014 und dem Krieg im Donbass seien sie hier ziemlich aufdringlich gewesen. Haben mal hier, mal da eine Kirche gebaut. Nun gebe es für sie ein Problem, sie seien nicht mehr glaubwürdig.

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Während der Wandertour ergänzte unser Führer diese Informationen: „In der Regel sah es so aus: Zwei Mönche liefen durch die Gegend. An einem passenden Ort sagten sie, sie hätten eine Vision. Dann wurde dort eine kleine Holzkapelle errichtet – und später die Kirche gebaut.“ Die Behörden mischten sich lange Zeit nicht ein. Dieses Vorgehen diente zwei Zielen: Zum einen wurde auf diese Weise das Territorium „markiert“, zum anderen die Gemeinde-Statistik verbessert.

Transkarpatien ist zwar nur eine kleine Region im äußersten Südwesten der Ukraine; und das einzige administrative Gebiet, das an vier europäische Länder grenzt: Rumänien, Ungarn, die Slowakei und Polen. Es ist ein Fleckenteppich, in dem sich unterschiedliche Einflüsse kreuzen. Doch eine ähnliche Taktik hat das Moskauer Patriarchat auch in anderen ukrainischen Regionen angewendet. Bereits in den Nullerjahren gab es Berichte von der Krim, dass dort die paramilitärisch organisierten russisch-orthodoxen Kosaken, deren Verbände in Russland als verlängerter Arm der Regierung gelten, Flurkreuze und Kapellen aufgestellt haben.

Spaltung in der Orthodoxie

In der Sowjet-Zeit war in der Ukraine nur eine orthodoxe Kirche zugelassen, die russische. Die in den Wirren des Ersten Weltkriegs entstandene Ukrainische Autokephale Orthodoxe Kirche wurde in den 1930er Jahren von Stalin verboten. Im westukrainischen Galizien, das nach Beginn des Zweiten Weltkriegs als Folge des Hitler-Stalin-Paktes von der Sowjetunion 1939 besetzt und später in die Ukrainische Sowjetrepublik eingegliedert worden war, wurde die mit Rom unierte Griechisch-Katholische Kirche 1946 zwangsweise aufgelöst, deren Priester ermordet oder in den Gulag nach Sibirien geschickt. Die 1946 vollzogene Vereinigung mit der russischen Orthodoxie wurde gewaltsam herbeigeführt und vollzogen. Die Kirchen wurden geschlossen oder an die Russisch-Orthodoxe Kirche übergeben. Erst am Ende der Perestroika-Zeit, nach dem Besuch Michail Gorbatschows im Vatikan, wurde die Ukrainische Griechisch-Katholische Kirche, die im Untergrund überlebt hatte, 1989 wieder offiziell zugelassen.

Nach dem Zerfall der Sowjetunion kam es zu einer Spaltung in der Orthodoxie. Zwar bekam das ukrainische Exarchat der Russisch-Orthodoxen Kirche Autonomierechte und agierte nunmehr als „Ukrainisch-Orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats“, doch 1992 spaltete sich davon die „Ukrainisch-Orthodoxe Kirche des Kiewer Patriarchats“ ab, die sich als nationale Kirche positionierte. Sie wurde allerdings von den anderen orthodoxen Kirchen weltweit nicht anerkannt. Zudem kehrte die Autokephale Kirche aus dem Exil zurück, so dass in der Ukraine nun parallel drei orthodoxe Kirchen existierten.

Es ging dabei weniger um theologische oder kirchenrechtliche Fragen, sondern vielmehr um den Kampf zwischen einer nationalen Kirche (verkörpert durch das Kiewer Patriarchat und die Autokephalen) und einer imperialen Kirche des Moskauer Patriarchats. Mit der Zeit verschob sich das Verhältnis allmählich zugunsten des Kiewer Patriarchats, mit dem sich immer mehr Ukrainer identifiziert haben.

Die Kirche als Verfechterin einer imperialen Idee

Obwohl das Moskauer Patriarchat offiziell deutlich mehr registrierte Gemeinden zählte, fühlten sich bereits 2018 – also bevor beide nationalen Kirchen fusionierten und die von Konstantinopel anerkannte „Orthodoxe Kirche der Ukraine“ gründeten – laut einer repräsentativen Meinungsumfrage rund 45 Prozent der Ukrainer dem Kiewer Patriarchat zugehörig. Nur knapp 17 Prozent bezeichneten sich als Anhänger des Moskauer Patriarchats.

Besonders seit dem Amtsantritt von Patriarch Kyrill in Moskau im Jahr 2009 agierte die Russisch-Orthodoxe Kirche, die immer eng mit der politischen Führung Russlands verflochten war, zunehmend aggressiver als Verfechterin der neu-imperialen Idee der „russischen Welt“. Die „Ukrainisch-Orthodoxe Kirche des Moskauer Patriarchats“ hat sich nie von diesem Kurs distanziert, sondern ihn weitgehend unterstützt. Nicht selten warben ihre Priester und Bischöfe offen für Russland und bestritten die Existenz des ukrainischen Volkes und Staates. Somit hatte die Kirche viel mehr als nur ein Imageproblem.

Vor allem nach der Annexion der Krim und dem von Russland angezettelten Krieg im Donbass fielen zahlreiche Bischöfe und Priester durch die Unterstützung der russischen paramilitärischen Marionetten-Verbände im Donbass auf, deren Einsatz gegen die Ukraine sie oft ihren Segen erteilt haben. Zahlreichen Berichten zufolge wurden dort in mehreren Kirchen Waffenlager für separatistische Einheiten eingerichtet.
„Das Moskauer Patriarchat war das Hauptinstrument für die Vorbereitung der russischen Aggression – schon lange vor 2014“, meinte damals der ukrainische Journalist Rodion Schowkoschytnyj. Doch lange Jahre griffen die Behörden nicht ein.

Halbherzige Distanzierung von Moskau

Mit dem massiven russischen Überfall auf die Ukraine im Februar 2022 kam es zu einer weiteren Zäsur. Auch wenn die Bischöfe des Moskauer Patriarchats versuchen, sich von Moskau eher halbherzig zu distanzieren, sprechen die Fakten doch für sich. Es gibt Priester, die die Invasion rechtfertigen, für Russland spionieren, das Feuer der russischen Artillerie korrigieren oder den Invasoren Hinweise geben, wer festgenommen werden muss.

Im November 2022 entschieden sich die ukrainischen Behörden für eine Reihe von Razzien und Durchsuchungen in Priesterseminaren, Klöstern und Kirchen des Moskauer Patriarchats. Laut offiziellen Meldungen wurden vielerorts Propaganda-Broschüren, große Summen von Bargeld, gefälschte Papiere, russische Pässe und Flaggen der sogenannten „Volksrepubliken“ Donezk und Luhansk gefunden.

Kurz darauf wurde im ukrainischen Parlament ein Gesetzentwurf über das Verbot des Moskauer Patriarchats in der Ukraine eingebracht. Ob und wann es zur Abstimmung darüber kommt, ist im Moment noch ungewiss. Der Ruf dieser Kirche ist aber längst ruiniert – laut der jüngsten Umfrage vom Juli 2022 identifizierten sich mit dem Moskauer Patriarchat nur mehr vier Prozent der Befragten.

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