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Der lange Karfreitag der Christen im Lande Jesu

In den Ländern der Bibel leiden die Menschen unter Gewalt und Ungerechtigkeiten, die Christen zusätzlich unter vielfältiger Diskriminierung.
Karfreitag im Heiligen Land
Foto: IMAGO / Cavan Images | Allein das Lebensopfer dessen, der uns von der Liebe Gottes Kunde gebracht hat, löst die gordischen Knoten der Gewalt, die immer neue Menschenopfer fordert.

Unerlöst. So wirkt die Heimat Jesu auch knapp zwei Jahrtausende nach seinem Kreuzestod. Gewalt antwortet auf Gewalt, Rache auf Rache. Immer neu wird der Boden gedüngt für Hass und Terror, nicht für ein Miteinander in Freiheit und Recht. Frieden und Gerechtigkeit sind nicht in Sichtweite.

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Lösungen gibt es nur in Papieren. Die sind geduldiger als die Menschen, deren Hoffnungen immer wieder in Blut und Tränen ertränkt werden. Auch der Krieg Israels und der USA gegen den Iran und seine „Proxies“ wird keine Lösung für die nach Frieden und Gerechtigkeit Dürstenden bringen: weder für Israelis und Palästinenser noch für die Araber, Kurden, Aseris und Perser in ihrer Nachbarschaft. Und die Christen, die mit ihrer Existenz und Glaubenstreue Zeugen der Auferstehung Jesu und damit des geschichtsmächtigen Heilshandelns Gottes sind? Sie sind in einem überlangen Karfreitag gefangen: Sie sind niemandes Feind und werden doch von vielen angefeindet. Sie suchen den Frieden und werden Opfer von Gewalt.

Osterfeierlichkeiten bleiben auf den Kirchenraum beschränkt

Im Iran, wo viele Perser heimlich in der Bibel lesen und Jesus auf oft wunderbare Weise entdeckt haben, müssen die autochthonen Christen die Rache eines waidwunden Mullah-Regimes fürchten. Bereits jetzt schreien die iranischen Menschenrechtsverletzungen zum Himmel, doch wenn das Regime den Krieg überleben sollte, wird eine systematische Jagd auf „Spione“ und „Verräter“ beginnen – da sind die ethnischen und religiösen Minderheiten die üblichen Verdächtigen. In Syrien, das vor 2011 stolz darauf war, Heimat der drei „himmlischen Religionen“ zu sein und den Christen Kultusfreiheit zu gewähren, leben Alawiten und Kurden, Drusen und Christen heute in ständiger Angst. Der neue Präsident Al-Sharaa wird in Washington, Paris und Berlin hofiert, doch im eigenen Land hat er den sunnitischen Terror von der Kette gelassen.

Die Kirchen des Landes, die ihre Wurzeln in der Zeit der Apostel haben, verzichten heuer „aus Sorge um die Sicherheit der Gläubigen“ auf die traditionellen Prozessionen; Osterfeierlichkeiten bleiben auf den Kirchenraum beschränkt. Die blutigen Erfahrungen mit kriminellen Gangs, sunnitischem Terror und polizeilicher Ignoranz haben in Syrien eine Atmosphäre der Angst zementiert. Im Libanon, dem biblischen Land der Zedern und einst sicheren Hafen der Orient-Christen, sind Hunderttausende auf der Flucht vor dem Krieg, den Israel und die Hisbollah auf dem Rücken des Landes austragen. Kollateralschaden nennen das die geostrategischen Zyniker.

Es gibt keine Sicherheit in einer gefallenen Welt voll Unrecht und Gewalt

Auch in Jesu Heimat bewahrheitet sich sein Wort: „Wenn sie mich verfolgt haben, werden sie auch euch verfolgen.“ Ordensleute und Priester werden von ultraorthodoxen Juden öffentlich beschimpft und angespuckt, Kirchen werden beschmiert und beschädigt. Gewalttaten, Demütigungen und Vandalismus nehmen zu, in Jerusalem wie im Westjordanland, wo fanatische Siedler bei Übergriffen auf Palästinenser nicht zwischen Christen und Muslimen unterscheiden. Die Osterfeierlichkeiten an den Stätten des Sterbens und der Auferstehung Christi müssen heuer im kleinsten Kreis gefeiert werden. Öffentliche Gottesdienste für Gläubige sind untersagt. Wieder ist von Sicherheitsgründen die Rede, doch es gibt keine Sicherheit in einer gefallenen Welt voll Unrecht und Gewalt.

Allein das Lebensopfer dessen, der uns von der Liebe Gottes Kunde gebracht hat, löst die gordischen Knoten der Gewalt, die immer neue Menschenopfer fordert. Die Präsenz seiner Jünger, die bereit sind, zu sterben, aber nicht zu töten, zu lieben, aber nicht zu hassen, legt Zeugnis ab, dass uns Erlösung geschenkt ist und die Wirklichkeit verwandeln kann.

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Stephan Baier Jesus Christus

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