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Der Kongo als Objekt der Begierde

Belgiens düstere Schatten in dem afrikanischen Land werden erst jetzt aufgearbeitet, doch die Leiden dauern an.
Kongo
Foto: IMAGO/Frederic Andrieu / Bestimage (www.imago-images.de) | Der belgische König Philippe (rechts) und seine Frau Mathilde besuchten den Kongo im Juni 2022, wo sie von Präsident Félix Tshisekedi empfangen wurden. Doch die Verbrechen unter Leopold II.

Kann es ein „Märtyrerland“ geben, ähnlich wie ein „Märtyrervolk“ oder eine „Märtyrerkirche“, in der Menschen wegen ihres Glaubens in erschütterndem Maße verfolgt werden? Mit Blick auf den Kongo drängt sich diese Frage auf. Kongo, das als „Republik Kongo“ vor genau 66 Jahren unabhängig wurde und durch den erst jetzt ernsthaft begonnenen Aufarbeitungsprozess kolonialer Gräuel Belgiens ins Zentrum der internationalen Dekolonialisierungsdebatte gerückt ist, gehört zu den Staaten Afrikas, die unter dem Regiment europäischer Kolonialisten am meisten gelitten haben. Die Geschichte Kongos gilt als eines der erschütterndsten Beispiele kolonialer Ausbeutung in Afrika.

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Den Anfang machte König Leopold II. von Belgien. Auf der Berliner Kongo-Konferenz von 1884/85 erhielt er die internationale Anerkennung für den sogenannten Kongo-Freistaat im Herzen Afrikas – ein Gebiet, das nicht dem belgischen Staat, sondern ihm persönlich gehörte. Unter dem Vorwand, Zivilisation und Fortschritt zu bringen, entstand ein Herrschaftssystem, das vor allem einem Zweck diente: der wirtschaftlichen Ausbeutung des Landes. Mit dem weltweiten Kautschuk-Boom war hierfür die Grundlage gelegt. Millionen Kongolesen wurden zur Arbeit im Wald gezwungen. Wer die vorgegebenen Quoten nicht erfüllte, musste mit grausamen Strafen rechnen. Zeitzeugenberichte und historische Untersuchungen dokumentieren Geiselnahmen, Folter, Verstümmelungen und Massenhinrichtungen. Besonders berüchtigt wurde das Abschlagen von Händen als Strafmaßnahme. Schätzungen über die Zahl der Todesopfer gehen weit auseinander, unbestritten ist jedoch, dass die Bevölkerung infolge von Gewalt, Hunger, Krankheiten und Zwangsarbeit deutlich schrumpfte.

Die internationale Empörung über die Zustände führte schließlich dazu, dass Belgien den Kongo 1908 von Leopold II. übernahm. Die extremsten Formen der Gewalt gingen zurück, doch das koloniale Grundprinzip blieb bestehen: Die politischen Entscheidungen trafen die Kolonialherren, während die Kongolesen weitgehend von Macht und Mitsprache ausgeschlossen blieben. Die katholische Kirche spielte in dieser Geschichte eine ambivalente Rolle. Missionare erhielten vom belgischen König etwa Land für ihre Stationen. Das machte sie früh unabhängig. Im Gegenzug sorgten sie für eine gewisse soziale Sicherung und für Schulen. Bis heute ist das katholische Bildungssystem im Kongo herausragend im Vergleich zu anderen Trägern. Missionsschulen und kirchliche Einrichtungen trugen seit 1885 zur kulturellen und religiösen Umgestaltung der kongolesischen Gesellschaft bei und unterstützten teilweise die koloniale Ordnung. Andererseits dokumentierten Missionare auch Misshandlungen und setzten sich für die Rechte der einheimischen Bevölkerung ein. So gehörten kirchliche Stimmen zu den ersten, die auf die Gräuel im Kongo aufmerksam machten.

Schulen in katholischer Hand

Gleichwohl wird die Rolle der Kirche bis heute kontrovers diskutiert. Kritiker werfen ihr vor, das koloniale Projekt mitgetragen zu haben, während andere auf ihren Beitrag zu Bildung, Gesundheitsversorgung und die Kritik einzelner Geistlicher an kolonialen Verbrechen hinweisen. Historisch gilt jedoch als weitgehend unbestritten, dass die Kirche über lange Zeit eng mit den kolonialen Machtstrukturen verflochten war. „1906 sicherte eine Übereinkunft zwischen dem Vatikan und Leopold II., der seine humanistische Gesinnung beweisen musste, den nationalen Missionen je 100 bis 200 Hektar unbefristeten Landbesitz unter der Bedingung zu, dass jede Missionsstation eine Schule unter staatlicher Aufsicht zur landwirtschaftlichen und handwerklichen Ausbildung der kongolesischen Bevölkerung unterhielt“, berichtet der Theologe Marco Moerschbacher vom Missionswissenschaftlichen Institut und Missio Aachen in „Wegweiser zur Geschichte: Demokratische Republik Kongo“. Für viele junge Menschen war die Bildung in katholischen Schulen der Startschuss in ein Leben mit größerer Selbstbestimmung.

Nach der Übernahme der Kolonialherrschaft durch den belgischen Staat wurde der kirchliche Einfluss noch größer: „22 Missionsgesellschaften betrieben von Belgien aus die Kongo-Mission. Praktisch jede Familie stellte eine Ordensschwester oder einen Missionar“, so Moerschbacher. 1926 wurden alle staatlichen Schulen im Kongo den katholischen Missionen anvertraut, wobei die Kolonialregierung beträchtliche Summen für den Betrieb der Lehreinrichtungen zur Verfügung stellte. Damit befanden sich 90 Prozent der Schulen in katholischer Hand.

Aber auch die Ambivalenz blieb, denn die Kolonialmacht Belgien blieb bei der wirtschaftlichen Ausbeutung Kongos, ein Land mit überbordender Fruchtbarkeit oberhalb und einer riesigen fossilen Schatzkammer unterhalb der Erdoberfläche. Auch wenn die krassesten Menschenrechtsverletzungen ein Ende hatten, ging es weiter darum, alles rauszuholen aus dem Inneren Afrikas, was nur möglich war.

Kampf um Macht und Bodenschätze

Ebenso unbestritten wie die Kontakte mit den Kolonialisten sind auch die Verdienste der Kirche Kongos – heute die größte Ortskirche Afrikas – nach der Unabhängigkeit. Denn das Leiden vieler Kongolesen ging weiter: Postkoloniale Despoten gaben sich in Kinshasa ab Mitte der 1960er Jahre die Klinke in die Hand. So wurde das Land jahrelang unter Diktator Joseph-Désiré Mobutu und dessen Kleptokratie ausgeplündert (1965–1997). Ihm folgte Ex- Rebellenführer Laurent-Désiré Kabila. Nach seiner Ermordung gelangte 2001 sein Sohn Joseph Kabila an die Macht. Seit Anfang 2019 amtiert Félix Tshisekedi, der vielen erstmals seit langer Zeit als politischer Lichtblick im Kongo gilt.

Doch auch Tshisekedi kann nur wenig ausrichten gegen die aktuellen Krisen. Das Volk und mit ihm Kongos reiche Natur stehen weiter unter massivem Druck. Bis heute hält ihr Leidensweg an. Man denke an den auch von US-Präsident Donald Trump trotz großer Versprechen nicht gestoppten Krieg im Ostkongo mit all seinen Opfern: seit den 1990er Jahren bis zu sieben Millionen Tote, zahlreiche Verstümmelte, Vertriebene, Geschändete, Darbende in einer eigentlich reichen Region. Im Ostkongo, wo die von Ruanda gestützten M23-Milizen gnadenlos um Macht und die kostbaren Bodenschätze kämpfen, spielt sich eine der größten, aber weitgehend vergessene menschliche Tragödie unserer Zeit ab.

Der Kongo erduldet eine Kette des Leids, das heute nicht nur, aber in erheblichem Maße auf der kolonialen Eroberung fußt. Heute wie früher ist das Land Objekt der Begierde. Um an seine Schätze heranzukommen, ist manchem jedes Mittel recht. Etwa Ruanda, dessen Staatspräsident wiederum von vielen westlichen Ländern hofiert wird. Aber es gibt auch eher unerwartete Bewegung: Belgien muss jetzt zum ersten Mal Opfer kolonialer Gewalt entschädigen. Bis Anfang der 1960er Jahre wurden in belgischen Kolonien Tausende Kinder in kirchliche Heime und Internate entführt, weil ihre Väter weiße Europäer waren. Aus Sicht der Kolonialisten hätte es diese Kinder gar nicht geben dürfen. Knapp 70 Jahre später hat ein belgisches Gericht fünf betroffenen Frauen eine Entschädigung zugesprochen. Der belgische König Philippe entschuldigte sich bislang nicht. Er bedauere die Verbrechen, die geschehen seien, sagte er lediglich bei einem Staatsbesuch im Kongo im Jahr 2022.

Märtyrer leiden und sterben für ihren Glauben. Im Kongo gibt es keine Christenverfolgung, doch das Leid der Menschen bleibt über den europäischen Imperialismus hinaus an vielen Orten des Landes monströs. Ebenso bleibt Kongos Schöpfung Opfer ungebremster Raubzüge. Kongo legt im internationalen Vergleich ein besonderes Zeugnis ab, das einem Martyrium im überlieferten Sinne ähnelt. Und wie bei Märtyrern, erheben sich kaum Stimmen des Protests.


Der Autor ist Journalist und Afrika-Experte.

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