Es sind Stunden der Ungewissheit. Wieder einmal verschwinden weite Teile Kubas in der Dunkelheit. Stromausfall. Zum wiederholten Male. Die Kubaner haben gelernt, mit der Dauerkrise umzugehen. Schnell duschen, bevor das Wasser verschwindet. Schnell kochen, bevor der Herd kalt wird. Es sind Momente der tiefen Frustration, wenn die Kühlschränke nicht mehr kühlen, die Ventilatoren keinen Wind mehr machen, die Lampen die Nacht nicht mehr erhellen. Aber es sind auch Momente des Widerstands. Rufe wie „Nieder mit dem Kommunismus“ oder „Ende der Diktatur“ hallen durch die dunklen Gassen. Von wem sie stammen, kann die Staatssicherheit nicht identifizieren. Ebenso wenig wie die Kochtopf-Proteste, wenn die Menschen in ihren eigenen vier Wänden mit Löffeln auf das Metall klopfen. Dann hallt dieser Lärm über die Balkone durch die Straßen.
Kubas Energieversorgung ist symptomatisch für die Krise der Insel. Größtenteils durch planwirtschaftliche Inkompetenz, Korruption und fehlende Investitionen selbst verschuldet und dann noch einmal verschärft durch erbarmungslose US-Sanktionen. Manchmal stunden-, manchmal tagelang kommt kein Strom mehr aus der Steckdose. Seit Venezuelas Diktator Nicolás Maduro am 3. Januar bei einer umstrittenen US-Militäroperation verhaftet und außer Landes gebracht wurde, hat Caracas die subventionierten Öllieferungen eingestellt. Auch das befreundete Mexiko verzichtete auf Druck Washingtons auf Öllieferungen an den Karibikstaat. Mexikos Präsidentin Claudia Sheinbaum ist verbal auf der Seite Kubas, die Wirtschaftsbeziehungen zu den USA will aber auch sie nicht gefährden. Es wird gerade mit Washington über das nordamerikanische Freihandelsabkommen verhandelt. Also fahren erst mal keine Tanker mehr in Richtung Kuba.
Lange Vorgeschichte zwischen Washington und Havanna
„Die veralteten Wärmekraftwerke verbrauchen zu viel Brennstoff und haben ständig Ausfälle, die die Energiekrise, unter der das Land leidet, noch verschärfen. Nachdem Mexiko und Venezuela diese Lieferungen eingestellt haben, befindet sich das Regime in einer noch komplexeren, noch schwierigeren Situation. Die Lage ist für das Regime katastrophal“, sagt Jose Daniel Ferrer im Gespräch mit dieser Zeitung. Er gilt als einer der bekanntesten Oppositionspolitiker Kubas, saß jahrelang in Haft, wurde vor wenigen Monaten freigelassen und in die USA ausgebürgert.
Das Duell zwischen Washington und Havanna hat eine lange Vorgeschichte. Kubas Revolutionsführer Fidel Castro hatte bereits vor knapp 70 Jahren den Widerstand gegen die USA zum Markenkern der Diktatur gemacht. Havanna tat, was Washington ärgerte. Auch wenn das den Preis hatte, dass das eigene Volk die Konsequenzen dafür ausbaden muss. Bis heute. Linke Bewegungen rufen trotz der Rekordzahl von 1.200 politischen Gefangenen, trotz Tausender in den vergangenen Jahren ertrunkener kubanischer Flüchtlinge, dem Verbot jeder oppositionellen Partei und knallharten Vorschriften, welcher Künstler welche Kunst machen darf, zur Unterstützung Kubas auf. Nun sind Schiffe aus Solidarität in Richtung Havanna unterwegs. Der Mythos zieht immer noch, obwohl seit den 2021 mit drakonischen Haftstrafen niedergeschlagenen historischen Sozialprotesten rund eine Million Menschen Kuba tief enttäuscht ob der Perspektivlosigkeit und fehlender Reformbereitschaft verlassen haben.
Donald Trumps narzisstischer Umgang mit Kuba („Ich kann mit der Insel tun, was ich will“) löst selbst bei Regimekritikern Kopfschütteln aus und sorgt für eine Mobilisierung der Kuba-Unterstützer. Zwar ist seine Diagnose richtig: „Kuba steht vor dem Kollaps.“ Doch sein triumphales Getue wirkt überheblich und abstoßend. Und ist auch noch zu früh. Oppositionspolitiker Ferrer sagt: „Wir wollen keine Machtübernahme, wir wollen eine Befreiung!“ Er steht hinter dem Druck der Amerikaner: „Wir Kubaner im Inland und die Kubaner im Exil begrüßen die Politik des maximalen Drucks und der Ultimaten, die die Vereinigten Staaten gegen das kommunistische Castro-Regime verfolgt.“ Und doch ahnen die Exil-Kubaner, dass es vielleicht auch ohne sie gehen könnte. Menschenrechtlerin und Oppositionspolitikerin Rosa Maria Paya sagt, Kuba brauche keine „Delcy Rodriguez“; die Opposition sei stark genug, das Land zu regieren. Das Beispiel Venezuela, wo zwar Maduro aus dem Spiel genommen wurde, dahinter die Befehlsketten des linksextremen Machtapparates um „Statthalterin“ Rodriguez aber intakt gelassen wurden, sorgt für Unbehagen bei den Regimekritikern.
Außenminister Rubio gilt als scharfer Kritiker des kubanischen Regimes
US-Außenminister Marco Rubio, ein scharfer Kritiker des kubanischen Regimes und selbst Kind kubanischer Einwanderer, stellt klare Forderungen an Havanna: „Der Status quo Kubas ist inakzeptabel. Kuba muss sich ändern.“ Entscheidender ist aber, was er danach sagt: „Aber das muss nicht auf einmal geschehen.“ Ein Regime-Change im Hauruck-Verfahren ist demnach nicht das Ziel der USA, wohl aber tiefgreifende strukturelle Veränderungen. Das ließe den Raum für gesichtswahrende Verhandlungen auf beiden Seiten. Die könnten als Ergebnis eine personelle Neuausrichtung an der Spitze des Staates im Gegenzug für die teilweise oder volle Aufhebung des US-Handelsembargos bringen.
Eine besondere Rolle nimmt dabei die katholische Kirche ein. Sie wurde in den vergangenen Jahren zum Vermittler zwischen beiden Welten. Von Papst Franziskus angestoßen, entwickelte sich zwischen den USA und Kuba während der zweiten Präsidentschaft von Barack Obama sogar ein diplomatisches Tauwetter. Man ging aufeinander zu: Washington lockerte das Embargo und verschärfte, wie von Kuba gewünscht, die Migrationspolitik, um das Abwandern von Arbeitskräften zu verhindern. Tatsächlich erlebte die kubanische Tourismusindustrie in dieser Phase einen Aufschwung. Doch er blieb von kurzer Dauer, denn Havanna ließ keinerlei demokratische Öffnung zu. Trump machte zu Beginn seiner ersten Amtszeit 2017 das Fenster der Gelegenheit wieder zu. Nun hat er mit der Ölblockade die Daumenschrauben noch fester angezogen.
Vermittelt jetzt Papst Leo?
In dieser Woche sprach Dionisio García, Erzbischof von Santiago de Cuba, aus, was viele Kubaner denken. Die kubanischen Behörden sollten bereit sein, „das zu ändern, was geändert werden muss, denn das Wohl des Volkes steht über allem anderen“. Dass es eine Bereitschaft zur Vermittlung gibt, hatte Papst Leo XIV. jüngst unterstrichen: „Ich schließe mich der Botschaft der kubanischen Bischöfe an und fordere alle Verantwortlichen auf, einen aufrichtigen und wirksamen Dialog zu fördern, um Gewalt und alle Handlungen zu vermeiden, die das Leid des kubanischen Volkes noch verstärken könnten.“ Der in den sozialen Netzwerken sehr aktive, regierungskritische kubanische Pfarrer Alberto Reyes forderte die Regierung in Havanna auf, Gespräche mit Washington zu suchen. „Das kubanische Volk ist nicht schuld an den antiamerikanischen Komplexen.“ Reyes warf der Regierung vor, sich selbst ideologische Hürden aufzuerlegen. Es gelte über den eigenen Schatten zu springen. Nun warten alle in Washington und Havanna, wer zuerst springt.
Der Autor ist Lateinamerika-Korrespondent mit Sitz in Buenos Aires und Rio de Janeiro.
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