Berlin

Der Kampf gegen die Einsamkeit

Die vierte Welle der Corona-Pandemie bringt für Menschen in Krankenhäusern und in Alten- und Pflegeheimen vermehrte Einsamkeit. Die Politik trifft nur teilweise Besucherregelungen, die das seelische Leiden berücksichtigen.
Berliner Pflegeheime mit kreativen Besuchsideen
Foto: Christophe Gateau (dpa) | Die Alten- und Pflegeheime haben zwar die Testpflicht verschärft, aber generelle Kontaktbeschränkungen gibt es bisher nicht.

Die vierte Welle der Corona-Pandemie hat Deutschland fest im Griff. Um die Welle zu brechen, werden die Schutzmaßnahmen immer mehr verschärft. Viele Menschen, vor allem die Wirtschaft, fürchten einen erneuten Lockdown. Die Politik möchte im Moment nichts ausschließen. In allen Bundesländern ist die Corona-Ampel inzwischen auf Rot gesprungen. Leidtragende dieser Entwicklungen könnten wieder alte Menschen in Pflegeheimen und Kranke in den Krankenhäusern sein.

Während des Lockdowns im vergangenen Jahr hatten viele Altenheime und Kliniken ein Besuchsverbot verhängt. Für die Bewohner und Patienten war das eine als „unmenschlich“ empfundene Maßnahme. Sie fühlten sich isoliert und ausgestoßen. Selbst Seelsorgern wurde nicht selten der Zutritt verweigert. So etwas, so war damals der Tenor in der Politik, dürfe sich nicht wiederholen. Im September des vergangenen Jahres schloss Bundesgesundheitsminister Jens Spahn Besuchsverbote in Alten- und Pflegeeinrichtungen aus.

Isolation mit fatalen Folgen für Betroffene

Dass es wie im vergangenen Jahr zu einer Isolierung von Bewohnern in Pflegeeinrichtungen kommt, schlossen Alten- und Sozialverbände noch vor gut vier Wochen aus. So erklärte Caritas-Sprecherin Mathilde Langendorf „Isolierungen und Besuchsverbote aus der Anfangszeit der Pandemie dürfen und werden sich nicht wiederholen“.

Auch der Geschäftsführer der Bundesarbeitsgemeinschaft der Seniorenorganisationen (BAGSO), Guido Klumpp vertrat damals eine deutliche Position: „Ein solcher Eingriff in die Freiheitsrechte ist in keinem Fall gerechtfertigt.“

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Tatsächlich hatte die Isolation teilweise fatale Folgen für die Betroffenen: Sie waren von einer starken Einsamkeit betroffen. Inzwischen gibt es eine Reihe von Untersuchungen aus der ersten und zweiten Welle. Das Deutsche Zentrum für Altersfragen in Berlin hat sich im Nachgang in einer Studie sehr intensiv mit dem Thema Einsamkeit in der Pandemie beschäftigt. So sei es schon immer so gewesen, dass sich Menschen in der zweiten Lebenshälfte im Schnitt einsamer fühlen, als die jüngeren.

Dieser Unterschied ist durch die Lockdowns aber nicht größer geworden. In dieser Studie berichten alle Altersgruppen verstärkt von Einsamkeit während Corona, da sind die Alten nicht besonders betroffen. Im Gegenteil, ältere Menschen haben oft schon Erfahrungen mit schwierigen Situationen, etwa dem Krieg oder auch mit Wirtschaftskrisen. Und das hilft offenbar, mit Herausforderungen umzugehen, nach dem Motto: es ist zwar schlimm, aber immerhin habe ich zu essen.

In einigen Kliniken herrscht Besuchsverbot

Der Präsident der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, sieht die da-malige Lage im Nachgang weniger entspannt. Die Menschen in den Heimen seien weniger an Corona als an Einsamkeit gestorben. „Ich weiß von Fällen, wo Menschen an Einsamkeit gestorben sind. Weil sie niemand mehr besuchen durfte. Ich weiß von Fällen, wo über zwei Wochen niemand nachgeschaut hat, weil in den Heimen die festen Mitarbeiter wegen Infektionen oder Quarantäne nicht mehr da waren“, sagte Brysch im April gegenüber dem Deutschlandfunk.

Wird man nun in der vierten Pandemiewelle die Fehler aus dem vergangenen Jahr wiederholen? Zumindest in Krankenhäusern wird der Zugang für Besucher mit dem Anstieg der Corona-Fallzahlen wieder erschwert oder sogar unmöglich gemacht. In der aktuellen Besucherregelung der Helios-Klinik in Schwerin heißt es, dass grundsätzlich auf Besuche verzichtet werden sollte. Wer dennoch das Krankenhaus betreten möchte, braucht einen gültigen Test, egal, ob er geimpft, genesen oder ungeimpft ist. Die Kliniken in Heidelberg gehen, wie viele andere Kliniken auch, einen Schritt weiter. Ab Montag herrscht dort ein generelles Besuchsverbot. Ausgenommen von der Regel sind Angehörige von Patienten, die im Sterben liegen oder von Palliativpatienten, Begleitpersonen eines kranken Kindes oder Personen, die eine Schwangere während der Geburt begleiten. Auch für Patienten, die in der Notaufnahme eingeliefert werden, gebrechliche oder demente Patienten sind Ausnahmen möglich.

Bislang keine generelle Kontaktbeschränkung

Bei Alten- und Pflegeeinrichtungen scheint die Politik Wort zu halten. Zwar wurden die Testpflichten verschärft, eine generelle Kontaktbeschränkung gibt es aber bisher nicht. Allerdings haben wir im Moment die Welle noch nicht gebrochen.

Am Dienstag haben sich Bund und Länder zu einer Schaltkonferenz getroffen, um über weitere Maßnahmen zu beraten. Alles könnte am Ende auf einen Lockdown light hinauslaufen. Die Entschärfung des Infektionsgesetzes wurde dabei auch auf den Prüfstand gestellt. Es soll entsprechend nachgebessert werden, damit die Länder Maßnahmen wie Abstandsgebote, Ausgangs- und Kontaktbeschränkungen, die Untersagung von Sporteinheiten und Reisen oder Zutrittsverbote rechtssicher anordnen können. Auch Regelungen in Altenheime und Krankenhäuser könnten dann noch einmal neu überdacht werden.

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