Washington

Den Tag nicht vor dem Abend loben

US-Abtreibungsgegner könnten bald viel gewinnen, wenn das Grundsatzurteil „Roe vs. Wade“ tatsächlich fällt. Sie haben aber auch viel zu verlieren.
Oberster Gerichtshof der USA
Foto: Wikicommons/Fred Schilling | Auch der momentane, sich aus mehrheitlich konservativen Richtern konstituierende „Supreme Court“ ist kein parteipolitisches Organ.

Jahrzehntelag haben Lebensschützer für solch eine Chance gekämpft, jetzt ist sie da: In wenigen Wochen beginnt Amerikas Oberster Gerichtshof mit den Anhörungen zum Fall „Dobbs vs. Jackson Women’s Health Organization“. Und selbst Beobachter, die sich sonst eher in Zurückhaltung üben, wagen sich aus der Deckung. Ein neues Grundsatzurteil in der Abtreibungsfrage, das den umstrittenen Präzedenzfall „Roe vs. Wade“ aus dem Jahr 1973 ein für allemal ablöst, es ist zum Greifen nahe. 

Der Gerichtshof ist kein parteipolitisches Organ

Der Optimismus ist angebracht und, man muss es so sagen, nach all den Jahren, in denen Abtreibungsgegner kaum etwas zu bejubeln hatten, durchaus verständlich. Aus zwei Gründen sollte das amerikanische Pro-Life-Lager den Tag jedoch nicht vor dem Abend loben.

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Erstens: Auch der momentane, sich aus mehrheitlich konservativen Richtern konstituierende „Supreme Court“ ist kein parteipolitisches Organ. Es ist somit nicht ausgeschlossen, dass die Höchstrichter ein Urteil servieren werden, das Lebensschützern nicht schmeckt. Wenn die Richter die in „Roe vs. Wade“ und später in „Planned Parenthood vs. Casey“ etablierten Grundsätze nicht widerrufen, könnte man auf den Obersten Gerichtshof vorerst kaum mehr zählen. Denn der „Dobbs“-Fall stellt quasi eine Steilvorlage dar, um sich von der bisherigen Rechtslage zu verabschieden. Wenn nicht jetzt, wann dann? Womöglich nie.

Zweitens: Als wahrscheinlich gilt, dass die Höchstrichter die Abtreibungsgesetzgebung mit ihrem Urteil zurück in die Hände der einzelnen Bundesstaaten legen. Auch dann dürfen Lebensschützer die Hände nicht in den Schoß legen. Eine Rechtslage, die in Texas Abtreibungen zwar fast völlig verbietet, an der Westküste jedoch teilweise bis vor der Geburt erlaubt, kann nicht das Ziel sein. Die USA bestehen aus 50 Staaten. In jedem einzelnen davon muss das Recht auf Leben auf legislativem, demokratischem Weg verteidigt werden. 

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