Politik

„Die Zivilisation des Abendlandes befindet sich im Niedergang“

Debatte zwischen Michel Onfray und Éric Zemmour

Der Figaro berichtet über die seit Wochen mit Spannung erwartete Debatte zwischen dem Philosophen Michel Onfray und dem Essayisten Éric Zemmour, die am Montagabend vor 3700 Menschen in Paris stattfand und im Internet übertragen wurde.
Der Journalist und Buchautor Éric Zemmour - dem Ambitionen auf die Bewerbung zum höchsten Staatsamt nachgesagt werden, der sich aber noch nicht offiziell als Präsidentschaftskandidat erklärt hat - hat sich am Montagabend einen mehr als zwei Stunden dauernden Schlagabtausch mit dem Philosophen und Gründer des neuen Magazins „Front Populaire“ geliefert. Wie der Figaro berichtet, hätten die beiden Diskutanten schon vorher „intellektuell die Klingen gekreuzt“, jedoch weder an einem solchen Ort noch vor einem derartigen Publikum: „3700 Menschen haben zwischen 24 und 44 Euro bezahlt, um einen Platz im Kongresszentrum [„palais des congrès“] an der Pariser Porte Maillot zu ergattern und dem Tjost beizuwohnen“. Der Moderator der Diskussion, Stéphane Simon, bemerkte zu Beginn der Veranstaltung: „Das letzte Mal, dass der Palais derart voll besetzt war, ist beim Abschied von Charles Aznavour gewesen“. 
Einig seien sich Zemmour und Onfray laut Figaro über die zentrale Erkenntnis gewesen: „Die Zivilisation des Abendlandes befindet sich derart im Niedergang, dass sie sich vom baldigen Tod bedroht sieht. Zwei Stunden lang werden sich ihre Ansichten sowohl über die Ursachen als auch über die Lösungen voneinander unterscheiden“. Es sei der „Selbsthass“, meint der Philosoph Onfray, um den „Zusammenbruch der jüdisch-christlichen Zivilisation“ zu erklären, als auch „das Aufkommen einer transhumanistischen Zivilisation, die in einen Inhumanismus führen wird“. 
Für Éric Zemmour stamme die Bedrohung indes nicht vom Leiter des Elektroautoherstellers Elon Musk, sondern vielmehr vom Islam: „Man kann wie Michel sagen, ‚wir glauben nicht mehr an uns‘, doch dies reicht nicht aus, um das zu erklären, was uns geschieht. Seit 1000 Jahren gibt es einen Konflikt zwischen dem Orient und dem Okzident. Der Orient hat seinen Meister gefunden: den Islam. Das kollektive Unbewusste der Muslime ist es, das Abendland zu kolonisieren“.
Nach einigen Gefechten in Bezug auf Themen wie der Dezentralisierung Frankreichs und De Gaulle sei es schließlich die Frage gewesen, ob das Land aus der Europäischen Union aussteigen solle, bei der die beiden Redner ihre Uneinigkeit gezeigt hätten. Zemmour sei gegen einen Austritt aus der EU, Onfray dafür. Zemmour begründet seine Haltung damit, dass „wir 70 Prozent der Menschen mit den Gedanken sammeln können, die ich in Bezug auf die Identität und die Immigration habe“. Doch im Hinblick auf Europa spalte man eher: „Es gibt so viele Dinge zu tun, dass ich die Wähler nicht in zwei Teile spalten möchte“. 

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