Russlands Krieg gegen die Ukraine

Das Schwerste steht Kiew noch bevor

Putins Eroberungskrieg ist zum Stellungs- und Vernichtungskrieg entartet, und ein Ende der Kämpfe ist nicht in Sicht.
Ukraine-Krieg - Slowjansk
Foto: David Goldman (AP) | Der ukrainische Soldat Igor Ryazantsev vom Regiment Dnipro-1 hält während einer Phase relativer Ruhe in der Nähe von Slowjansk in der Region Donezk in der Ostukraine Wache vor seinem Zelt.

Zu feiern hatte die Ukraine am Mittwoch, ihrem 31. Unabhängigkeitstag, wenig, denn seit genau einem halben Jahr verbreiten Putins Truppen im Land Tod und Schrecken. Große Feierlichkeiten zum Jubiläum wurden aus Sicherheitsgründen abgesagt. Seit der Invasion am 24. Februar dürften auf beiden Seiten zehntausende Soldaten gefallen sein; Kiew räumt den Tod von 9.000 ukrainischen Soldaten ein. Eine verlässliche Zahl der getöteten Zivilisten - ausschließlich auf ukrainischer Seite - gibt es nicht, es dürften ebenfalls Zehntausende sein. Etwa 15 Millionen Menschen wurden aus ihren Häusern und Gemeinden vertrieben; die meisten leben als Binnenflüchtlinge im Land. Russland besetzt nun mehr als ein Fünftel des ukrainischen Staatsgebiets und beschießt mit Raketen Krankenhäuser, Schulen, Wohnsiedlungen und Kirchen im ganzen Land.

An ein rasches Ende der Kämpfe ist nicht zu denken

An ein rasches Ende der Kämpfe ist nicht zu denken: Putin ließ sich weder von der Verurteilung seiner Invasion durch die UN-Vollversammlung am 2. März noch von der Weisung des Internationalen Gerichtshofs in Den Haag, der ein Ende der russischen Gewalt forderte, bremsen. Alle Vermittlungsmissionen, auch jene von UN-Generalsekretär Guterres und des türkischen Präsidenten Erdogan, blieben ohne Erfolg. Ein Entgegenkommen des ukrainischen Präsidenten Selenskyj, der einen Verzicht auf die NATO-Mitgliedschaft seines Landes angeboten hatte, blieb ohne Antwort des Kreml.

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Putin setzt weiter auf die Zerschlagung der ukrainischen Staatlichkeit, davon sind die Regierung in Kiew und die katholischen Bischöfe der Ukraine überzeugt. Nicht nur Putins Politik und Äußerungen hoher russischer Politiker wie Medwedew und Lawrow, sondern auch die Predigten von Patriarch Kyrill belegen, dass Moskau den Ukrainern das Recht auf eine eigene Identität und Unabhängigkeit abspricht. Dabei gehen die russischen Truppen mit extremer Brutalität vor: Massenvergewaltigungen, gezielte Vertreibungen und die Deportation von rund zwei Millionen Ukrainern wurde auch von internationalen Einrichtungen scharf kritisiert. Kiew forderte zuletzt, Moskau solle Tausende entführter ukrainischer Kinder ihren Eltern zurückgeben.

Der Krieg läuft nicht nach Plan

Nach Plan, wie der Kreml versichert, läuft der russische Eroberungskrieg keineswegs: Die Ukraine konnte den Vormarsch auf Kiew früh stoppen und leistet selbst im Osten und Süden Gegenwehr. Aus Europa und den USA kommt finanzielle und militärische Hilfe, die der Ukraine zum Überleben, aber nicht zum Sieg reicht. Abgesehen von Österreich und Ungarn haben nach Angaben aus Kiew alle EU-Staaten Militärhilfe geleistet. Doch die Ukraine weiß, dass die schwierigste Phase des Kriegs noch bevorsteht: Mit dem Einbruch der kalten Jahreszeit droht für Millionen Menschen ohne feste Unterkunft, in Notbaracken und zerbombten Häusern eine humanitäre Katastrophe. Gleichzeitig wird die westliche Solidarität und Geschlossenheit bröckeln. Angesichts hoher Sprit- und Strompreise, wachsender Energieunsicherheit und eines nicht absehbaren Endes des Kriegs werden die Stimmen lauter, die ein Ende der EU-Sanktionen und einen Deal mit Putin fordern. Nicht allen EU-Bürgern ist so klar wie den Polen, Balten und Finnen, dass die Ukrainer für die Freiheit und Sicherheit ganz Europas kämpfen, leiden und sterben.

Weil sich der Frontverlauf zuletzt nur marginal veränderte, hoffen manche Beobachter darauf, dass Putin im Herbst (vielleicht zu seinem 70. Geburtstag am 7. Oktober) eine Waffenruhe anbieten wird. Wohl, um die Kontrolle über die eroberten Gebiete zu festigen - und den Krieg zu einem für ihn günstigeren Zeitpunkt wieder aufzunehmen. Kommentatoren, die von der Ukraine Gebietsabtretungen fordern - also Land für Frieden - seien daran erinnert, dass die am 24. August 1991 vom Parlament in Kiew proklamierte Unabhängigkeit in einem Referendum am 1. Dezember 1991 eine Zustimmung von 90 Prozent erhielt. Selbst auf der angeblich russischen Krim waren 54 Prozent für den Abschied von Moskau.

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