Leben & Tod

Das Angesicht des Todes als Mahnmal gegen die Lüge

Der Tod Benedikt XVI. war nicht nur ein Zeugnis der Unausweichlichkeit des Todes, sondern auch ein Zeugnis für die Würde des Menschen, die in unserer Gesellschaft immer wieder verletzt wird.
Emeritierter Papst Benedikt XVI. gestorben - Aufbahrung
Foto: Oliver Weiken (dpa) | Benedikt XVI. Tod war ein Mahnmal gegen die Lüge. Er zeigt uns die Würde des Menschen und des menschlichen Körpers.

Der tote Papst mit wächsernem Gesicht und alten, gefalteten Händen ist das eindrucksvolle Bild, mit dem das neue Jahr begonnen hat. Die sorgfältige Konservierung, die den persönlichen Abschied von Angesicht zu Angesicht ermöglicht, verschleierte die Präsenz des Todes keineswegs. Der Tod dieses großen Mannes in dem kleinen, alten Körper war unübersehbar gegenwärtig.

Abtreibung: Realität des Todes wird versteckt

Wer die Chance hatte, sich selbst von Papst Benedikt in Rom zu verabschieden, wurde Zeuge der großen Würde dieser Aufbahrung. Die zentrale Stelle, an der der Leichnam im Petersdom aufgebahrt war, bezeugte nicht nur die Bedeutung des verstorbenen Papstes in Person und Amt, sondern bot den Pilgern und Touristen auch ein brutales Zeugnis der Unausweichlichkeit des Todes. Diese würdevolle Präsenz des Todes tritt in eine Zeit, in der der Tod uns zwar allgegenwärtig umgibt, aber dennoch keinen Platz in der Öffentlichkeit haben darf. Erinnert er doch daran, dass das Leben endlich und zerbrechlich ist.

Lesen Sie auch:

Es ist daher durchaus von markanter Symbolik, dass am Tag der Beerdigung des letzten Papstes die deutsche Familienministerin die Legalisierung der Abtreibung bis zum neunten Monat forderte. Die ganze Argumentation baut auf einer mühsam aufgebauten Illusion einer Selbstbestimmung des Menschen über Leben, Gesundheit und Tod auf. Die Propagierung der Tötung eines ungewollten Kindes als saubere, unkomplizierte Lösung funktioniert schließlich nur, wenn die Realität des damit einhergehenden Todes versteckt bleibt.

Getötete Kinder bleiben unsichtbar

Die Verlogenheit einer Propaganda völliger sexueller Freiheit ohne Konsequenzen muss hier nicht weiter erörtert werden – die übergroßen Plakate der Bundesregierung, die auf wenig subtile Weise über die wohl weit verbreitete Existenz von Geschlechtskrankheiten aufklären sollen, offenbaren diese selbst am besten. Während die Konsequenz unangenehmer Geschlechtskrankheiten durch das Schaffen möglichst großer Aufmerksamkeit adressiert und damit geschickt normalisiert werden soll, wird für das „Problem“ der durch Sex entstehenden Schwangerschaften (noch) der gegenteilige Weg gewählt.

Das brutale Vorgehen einer Abtreibung wird versteckt, das damit verbundene Leid relativiert. Die Lüge der völligen Trennbarkeit von Sexualität und der Entstehung neuen Lebens wird schließlich nur dadurch aufrechterhalten, dass ihre Opfer versteckt bleiben. Der Tod des Kindes muss versteckt werden, in der Sprache, im medizinischen Eingriff und im letzten damit auch in seiner materiellen Form, dem toten Körper des Kindes. Das tote Kind bleibt unsichtbar, ebenso wie das Leid der Frau in ihrem innersten versteckt blieben muss – meistens sogar vor ihr selbst.

Selbst über unsr Leben bestimmen können ist reine Illusion

Diese Unsichtbarkeit des Todes ermöglicht es unserer Gesellschaft nicht nur, die Endlichkeit und damit Hinfälligkeit unseres irdischen Lebens zu verdrängen. Sie ermöglicht uns für ein paar Momente die Illusion, dass wir selbst über unser Leben bestimmen können. Dass wir Leiden, Krankheit, Armut und Tod doch irgendwie entgehen können. Das Menschenrecht auf Selbstbestimmung ist die ultimative Lüge unserer Gesellschaft.

Der tote Papst, der im Herzen der Peterskirche, einem der öffentlichsten Orte der Welt, in all seiner Vergänglichkeit und Hinfälligkeit von Zehntausenden gesehen wurde, ist ein Mahnmal gegen diese Lüge. Er zeigt uns die Würde des Menschen und des menschlichen Körpers, die weder erst durch die Geburt beginnt, noch mit der Seele den Körper verlässt. Er zeigt uns die bewusste Ergebenheit in die Bestimmung des Lebens durch Gott. Die Endlichkeit des toten Körpers Benedikts zeugte vor der Welt von der Hoffnung auf die Unendlichkeit des Lebens. Wir brauchen dieses Angesicht des Todes als Spiegel für uns Lebende. Mensch, gedenke, dass Du stirbst.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Reinhild Rössler Benedikt XVI. Mahnmale Päpste Schwangerschaftsabbruch Zeitenwende

Weitere Artikel

„Projekt Stolpersteine“: Die große Mehrheit der Steine erinnert an jüdische Menschen. Doch auch zahlreiche Steine für katholische Märtyrer unter dem Hakenkreuz wurden verlegt .
29.01.2023, 09 Uhr
Constantin von Hoensbroech Ulrike von Hoensbroech

Kirche

In seiner ersten Ansprache in der kongolesischen Hauptstadt Kinshasa rief Franziskus zum Ende von Ausbeutung und Gewalt auf. Er komme als „Pilger der Versöhnung“.
31.01.2023, 18 Uhr
José García