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Corona-Spaziergänge: Wer demonstriert denn da?

Corona-Demonstrationen gehören inzwischen zum Alltag, dennoch ist wenig über die Demonstranten bekannt. Aber wer versammelt sich hier eigentlich?
Coronavirus - Proteste gegen Coronamaßnahmen in  Stralsund
Foto: Stefan Sauer (dpa) | Mecklenburg-Vorpommern, Stralsund: Teilnehmer einer Demonstration gegen die Corona-Maßnahmen stehen im Hafen.

Diesmal sind es nicht nur dunkeldeutsche Ossis, die gegen die Politik der Bundesregierung protestieren. Sondern bundesweit finden jetzt Corona-Demonstrationen statt, oft „Spaziergänge“ genannt wie einst Pegidas Demonstrationen in Dresden. Gibt es da auch einen inhaltlichen Zusammenhang? Wie leicht ließe sich mit den „Covidioten“ umgehen, wenn sie einfach nur die alten „Pegidioten“ wären, die bloß einen neuen Erregungsanlass haben! Dann wären sie allesamt Rassisten oder Faschisten, und mit ein wenig mehr Mühe beim „Kampf gegen rechts“ könnten wir sie wohl verscheuchen. Oder nicht?

Wie schön wäre es, wenn man empirische Befunde hätte

Zwar entdeckt man, oft begleitet von analytischen Jubelrufen, unter den „Corona-Demonstranten“ Angehörige rechtsradikaler Gruppen, hört und sieht rechtsradikale Aussagen, findet im Internet Rechtsradikales bei Demonstrationsaufrufen und -kommentaren. Doch die Anlässe zum Revoltieren sind oft dieselben, die auch den eigenen Bekannten- oder Freundeskreis empören. Es geht um unplausible Verhaltensvorschriften, um unzuverlässige Datengrundlagen der Corona-Politik, um unzulängliche Versuche, diese Politik ihren Kritikern zu erklären. Wer also demonstriert da? Nur Rechtsradikale? Besorgte Bürger oder Hysteriker? Von Rattenfängern Verführte?

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Wie schön wäre es, wenn man empirische Befunde hätte! Eigentlich wären sie leicht zu erheben. Kaum ein Sozialwissenschaftler hätte einen sehr weiten Weg, wenn er Corona-Demonstrationen unmittelbar beobachten oder deren Teilnehmer befragen wollte. Schweigsam wie anfänglich die Pegida-Demonstranten sind die durchaus nicht. Und durchaus ließen sich die Stichprobenprobleme von Interviews oder Fragebögen so in den Griff bekommen, dass sich von den untersuchten Demonstranten tatsachengetreue Schlüsse auf die nicht untersuchten Demonstranten ziehen ließen. Es ist ein Ärgernis, dass wir nach zwei Jahren Corona-Politik und einer fast ebenso langen Zeit von Corona-Protesten keine belastbaren Daten haben, also mit sie ersetzenden „Narrativen“ auskommen müssen. Hier betreiben Sozialwissenschaftler schlicht Arbeitsverweigerung.

Untersuchungen widersprechen Narrativ

Warum eigentlich? Weshalb gibt es kaum verlässliche Befunde darüber, was für Leute mit welchen Berufen und welchem Bildungsstand aus welchen Gründen entlang welcher politischen Überzeugungen da auf die Straße gehen und sich vielerorts so sehr erregen? Womöglich waren die ersten Untersuchungen dazu, durchgeführt im deutschen Südwesten, inhaltlich einfach enttäuschend.

Dort nämlich fand man statt den ins etablierte BRD-Narrativ passenden Rassisten und Rechtsradikalen auch jede Menge von Akademikern und Esoterikern unter den Demonstrierenden, die sich als fortschrittlich verstanden und eher mit den Grünen als mit der AfD sympathisierten. Zwar werden jene, die – etwa in Ostsachsen – nun schon monatelang protestieren, bestimmt ein anderes Profil aufweisen. Doch dass man derlei Profilunterschiede nur vermuten kann, aber nichts zweifelsfrei Zutreffendes darüber weiß, ist eine sozialwissenschaftliche Bankrotterklärung.

Und wie soll man zielführende Politik betreiben, wenn für sie die Datengrundlage fehlt, und zwar nicht nur hinsichtlich der Vor- und Einstellungen von Corona-Demonstranten, sondern überhaupt zur Wirksamkeit und den Nebenfolgen unserer Corona-Schutzmaßnahmen?

Drei Gründe für diesen üblen Zustand

Drei Gründe gibt es für diesen üblen Zustand, und keiner ist lobenswert. Welcher Wissenschaftler will es sich wohl leisten, politisch unerwünschte Sachverhalte zutage zu fördern, um dann wahlweise als „Covidioten“-Sympathisant oder als methodischer Nichtskönner hingestellt zu werden? Ferner krankte die – hier zuständige – Erforschung „neuer sozialer Bewegungen“ immer schon daran, dass bei ihr linksgeneigte Wissenschaftler linksgesinnte Bewegungen be- und hochschrieben, doch gegenüber politisch unerwünschten neuen Gruppierungen forscherische Berührungsängste hegen. Drittens empfinden viele gar keinen Mangel an einschlägigen Daten.

Ihnen reicht die etablierte Deutung, dass hier – einmal mehr – Rechtsradikale naive Mobilisierungsopfer fänden. Warum soll man dann einmal mehr nachweisen, was „man ohnehin schon weiß“? Viel wichtiger ist es dann, die Corona-Demonstranten möglichst scharf zu kritisieren – und jene vor den auch dort „unvermeidlich tonangebenden Nazis“ zu warnen, die sonst in Gefahr des Mitmachens gerieten!

Immerhin ist aufs Neue der Begriff des „Extremisten“ in Umlauf gekommen – doch leider nicht im verfassungsrechtlichen Sinn. Nach diesem meint er nämlich nur die Feinde unserer freiheitlichen demokratischen Grundordnung. Ob das aber alle Corona-Demonstranten sind? Oder treibt die meisten mancherlei Empörung über eine für unplausibel gehaltene oder eigenen Interessen zuwiderlaufende Politik? Wie schön wäre es, wenn uns dazu empirische Untersuchungen aufklärten!

Zu wenig Forschung führt zu Spekulation

Deren aber gibt es zu wenig. Also beginnen wir mit Vermutungen zu dem, was auch so an Tatsachen fassbar ist. Erstens behaupten viele, das jetzige Durchregieren erinnere sie an die DDR, ebenso die Pingeligkeit von Demonstrations- und Verhaltensvorschriften, und wie damals könne man sich auf etablierte Medien nicht verlassen.

Werner Patzelt

Zweitens sagen gar nicht wenige, unseren Politikern ginge es gar nicht ums Bekämpfen der Pandemie. Die wäre ohnehin nicht so schlimm; doch die Regierung nutze sie als Vorwand, um für die sich abzeichnende „Klimadiktatur“ vorzuüben.

Drittens merke man, dass die öffentlichen Lügengebäude an der Wirklichkeit und am Widerstand von unten mehr und mehr zerbrächen; also dürfe man jetzt nicht zurückstecken. Wenn sich jemand an DDR-Zeiten erinnert fühlt, dann empfindet er das eben so; wer kann ihm anderes vorschreiben? Die zweite Behauptung ist Unsinn.

Am letztgenannten Eindruck findet sich hingegen ein Körnchen Wahrheit – doch ein anderes, als die Demonstranten wahrnehmen. Tatsächlich sind nun viele jahrzehntelang erfolgreiche Politiken in ihren Grenznutzenbereich geraten, werfen also weniger Ertrag ab, als sie kosten.

Wer sich nicht wehrt, der lebt verkehrt!

Das reicht vom Ausbau des Sozialstaates über „mehr Europa“ bis zur Sicherung der Weltoffenheit Deutschlands. Eben das empfinden viele in unserem Land – und merken, dass führende Politiker und Journalisten das alles ganz anders sehen. Quer über Deutschland erinnert sie diese Erfahrung an die Debatten von 2015/16 um die Migrationspolitik, in Ostdeutschland an den regierungsamtlich beschönigten Zustand der DDR. Das macht viele sauer.

Deshalb lauernde Empörungsbereitschaft wartet anschließend auf einigende Zeichen zum Sprung. In Ostdeutschland war das schon so während der auf die Wiedervereinigungseuphorie folgenden Jahre der Politikverdrossenheit, in Westdeutschland beim Bau von Kernkraftwerken. Ihr Lebensgefühl, von der Linken nun nach rechts gewandert, sagt solchen Leuten: Wer sich nicht wehrt, der lebt verkehrt!

Also sollte niemand glauben, nach dem Ende der Pandemie würden die Proteste aufhören. Sie werden sich nur neue Ziele suchen – etwa die Windräder oder die Energiepreise. Und hoffentlich überprüft wenigstens fortan jemand solche Vermutungen mit Neugier sowie methodisch gekonnt.


Der Autor ist Politikwissenschaftler und war bis zu seinem Ruhestand 2019 seit 1991 Inhaber des Lehrstuhls für Politische Systeme und Systemvergleich an der Technischen Universität Dresden.

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