Berlin

Corona-Politik: Im Tal der Ahnungslosen

Omikron: Deutschland befindet sich im Blindflug – der Gesundheitsexperte der Grünen spricht von „Black-Box“ und einem „großen Berg an Arbeit für die neue Bundesregierung“.
Janosch Dahmen
Foto: Kay Nietfeld (dpa) | Der gesundheitspolitische Sprecher der Grünen, Jonas Dahmen, steht einer Verkürzung der Quarantänezeiten skeptisch gegenüber.

Am Freitag wollen Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) und die Ministerpräsidenten der Länder über das weitere Vorgehen in der Pandemie beraten, die mit dem Auftreten der SARS-CoV-2-Virusvariante Omikron in eine neue Phase eingetreten ist. Anders als in vielen anderen Ländern, angefangen bei den USA, über Frankreich und England, bis hin zu den Niederlanden und Dänemark verfügt Deutschland derzeit jedoch über kein hinreichend genaues Lagebild. Weil zwischen den Jahren bundesweit nicht nur weniger getestet und weniger Proben ausgewertet wurden, sondern die Gesundheitsämter und Landesgesundheitszentren auch nur einen Bruchteil der bereits ermittelten Neuinfektionen an das Robert-Koch-Institut (RKI) gemeldet haben, gleicht Deutschland derzeit weitgehend einem Tal der Ahnungslosen. Derzeit weiß niemand, wie umfangreich Omikron in Deutschland Fuß gefasst hat, wie weit es dabei möglicherweise die Virusvariante Delta verdrängt hat, oder auch wie hoch die Zahl der Impfdurchbrüche ist.

Mildere Infektionen, seltenere Hospitalisierung

Virologen und Epidemiologen wie Klaus Stöhr, ehemaliger Leiter des Globalen Influenza-Programms und SARS-Forschungskoordinator bei der Weltgesundheitsorganisation (WHO), schauen daher derzeit vor allem auf Länder wie Südafrika, das schon früh Erfahrungen mit Omikron sammelte oder auf England, wo Omikron das Pandemiegeschehen längst dominiert. Dort zeigten Studien, dass Omikron zwar weitaus ansteckender sei, die Infektionen jedoch bedeutend milder verliefen und seltener eine Hospitalisierung erforderlich machten. Gegenüber dem Fernsehsender NTV erklärte Stöhr, verglichen mit der Delta-Variante sei die Ansteckungsrate von Omikron viermal so hoch, während hingegen die Hospitalisierungsrate im Vergleich von Infektionen mit der Delta-Variante nur ein Viertel betrage.

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Da Deutschland laut Stöhr derzeit „im internationalen Vergleich“ – noch vor Griechenland und China – über die schärfsten Corona-Maßnahmen weltweit verfüge, gehe er davon aus, dass der Druck auf die Krankenhäuser abnehme. Auch der Chefvirologe der Berliner Charité, Christian Drosten, erklärte in seinem vom Norddeutschen Rundfunk produzierten Podcast „Corona Virus Update“ mit Blick auf eine Studie des Londoner Imperial College, Omikron sorge wohl tatsächlich häufiger für weniger schwere Verläufe. Demnach sank das Hospitalisierungsrisiko nach einer Infektion mit der hochinfektiösen Virusvariante bei Ungeimpften um 24 Prozent, bei vollständig Geimpften um 34 Prozent und bei Geboosterten um 63 Prozent.

Deutschland könnte empfindlich getroffen werden

Wie empfindlich die rasante Ausbreitung des Virus Deutschland theoretisch dennoch treffen könnte, verdeutlichen zwei Meldungen der letzten Tage. Danach musste die Klausurtagung der CSU-Landesgruppe verschoben werden, weil sich mehrere CSU-Bundestagsabgeordnete, darunter der geboosterte Landesgruppenchef Alexander Dobrindt mit SARS-CoV-2 infiziert hätten. Abgesagt wurde ferner die am Mittwoch beginnen sollende Ausbildung von 100 Offiziersanwärtern auf der „Gorch Fock“. Die durchgeimpfte Stammbesatzung des Segelschulschiffs der Bundesmarine, das derzeit auf Teneriffa vor Anker liegt, habe sich nämlich dort mit dem Virus infiziert.

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) halten weder solche Nachrichten noch die wenig valide Datenlage davon ab, laut über eine Verkürzung von Quarantäne-Zeiten nachzudenken. „Studien zeigten, dass die Generationszeit – also auch die Phase, in der sich das Virus im Körper ausbreitet und die Phase, in der ein Mensch ansteckend ist – bei Omikron viel kürzer ist. Wir können also bis zu einem gewissen Grad die Quarantänezeit verkürzen, ohne ins Risiko zu gehen“, sagte er dem „Redaktionsnetzwerk Deutschland“.

Verkürzte Quarantäne - nicht jeder hält das für sinnvoll

Nicht jeder hält das derzeit für eine kluge Idee. Nicht einmal in der Ampelkoalition. Der Notarzt und Gesundheitsexperte von Bündnis 90/Die Grünen, Janosch Dahmen, widersprach Lauterbach. „Die Krankenschwester, die dann infiziert den Schlaganfall- oder Herzinfarktpatienten noch anstecken könnte, durch eine verkürzte Quarantäne zu einem Risiko für die Ausbreitung dieser Omikron-Welle zu machen“, halte er „im Moment noch nicht für einen richtigen Weg“, erklärte Dahmen in der NTV-Sendung „Frühstart“. Als „Ausnahme“ könne eine solche Regelung „möglicherweise“ bei vollständig geimpften und geboosterten Menschen greifen, die über hochspezialisierte Fertigkeiten, aber wenig Kontakte verfügten. Als Beispiel nannte Dahmen Beschäftigte von Wasserwerken.

Der Grünen-Politiker kritisierte zudem, dass in Deutschland „über die Feiertage viel an Test-Infrastruktur nicht zur Verfügung stand oder weniger in Anspruch genommen wurde“. Das habe neben anderen Effekten dazu beigetragen, „dass wir eine Black-Box haben und nicht genau wissen, wie hoch sind die Inzidenzen denn wirklich“. Dies sei sicherlich „auch eine Frage des Digitalisierungsgrades, der uns in dieser Pandemie immer wieder große Probleme gemacht hat“. Hier müsse man im Gesundheitswesen weiterkommen. „Wir brauchen tagesaktuelle Daten“.

Großer Berg an Arbeit für die Regierung

Beispielsweise müsse man wissen, „wie viele Menschen wurden heute im Krankenhaus aufgenommen, wie viele haben sich angesteckt, waren sie geimpft, mit welchen Varianten haben sie sich angesteckt“. Hier gebe es einen „großen Berg an Arbeit für die neue Bundesregierung“.

Ähnlich äußerte sich auch Eugen Brysch. Der Geschäftsführende Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz „wundert“ sich nicht nur, „dass kaum Daten vorliegen“, sondern fordert in „Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen und ambulanten Diensten“ nun „tägliche PCR-Tests, um vor die Welle zu kommen“. Werde dies nicht umgesetzt, sei, so Brysch,  eine Verkürzung der Quarantäne „hochgefährlich“.

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