Rom

Corona-Epidemie: Ausnahmezustand in Italien

Während sich das Coronavirus immer weiter ausbreitet zieht sich die Kirche in virtuelle Räume zurück und der Staat steht vor der Wahl, alle Aktivitäten im Land zu stoppen.
Coronavirus: Vatikan schließt Petersplatz
Foto: Andrew Medichini (AP) | Viele hat am Dienstag überrascht, dass der Vatikan und die italienische Polizei den Petersplatz geräumt und die Vatikanbasilika geschlossen haben.

Zum ersten Mal hat ein Papst eine Generalaudienz abgehalten, die nur über Internet und Fernsehen zu verfolgen war. Franziskus setzte am Mittwoch seine Katechese über die Seligpreisungen in der Bibliothek des Apostolischen Palasts fort, umgeben nur von den Prälaten, die die Zusammenfassungen der Ansprache in den einzelnen Landessprachen vortrugen. Sie mag einem gefallen oder nicht: Aber die Virtualisierung des kirchlichen Lebens (siehe auch Seite 19) kann sich jetzt auf die Anstrengungen stützen, die der Vatikan in den letzten Jahren unternommen hat, um seine Online-Präsenz zu erhöhen. Am Montagabend feierte der Kardinalvikar des Papstes für die Diözese Rom eine Messe im Marienheiligtum Divino Amore vor den Toren der Ewigen Stadt. Hier hatten auch Pius XII. und die Römer 1944 während des Rückzugs der deutschen Truppen für das Heil Roms gebetet. Der Kardinal feierte die Messe anlässlich des Tages des Gebets und des Fastens in der Fastenzeit   ohne Gläubige, nur vor Kameras, Franziskus war mit einer Videobotschaft zu dem Gottesdienst zugeschaltet. Er vertraute Rom, Italien und die ganze Welt dem Schutz der Gottesmutter an.

Der Papst geht immer wieder auf die Corona-Epidemie ein

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Zuvor hatte der Papst bereits am Montag damit begonnen, seine ganze Frühmesse in Santa Marta erstmals komplett über den Streaming-Kanal des Vatikans und einige katholische Sender übertragen zu lassen. Seither geht Franziskus bei der Predigt immer wieder auf die Folgen der Corona-Epidemie ein. Am Dienstag ermunterte er die Priester, die Kranken zu Hause zu besuchen und ihnen die Eucharistie und das Evangelium zu bringen. Auch einen täglichen Angelus gibt es jetzt aus dem Vatikan, gebetet vom Erzpriester der Petersbasilika, Kardinal Angelo Comastri - ebenfalls nur mitzubeten über das Internet.

Viele hat am Dienstag überrascht, dass der Vatikan und die italienische Polizei den Petersplatz geräumt und die Vatikanbasilika geschlossen haben. Es sind die einzige Kirche Roms und der einzige Platz der Stadt, für die diese drakonische Maßnahme ergriffen wurde. Immerhin war die Anlage zwischen den Kolonnaden ein Anziehungspunkt für die wenigen verbliebenen Spaziergänger - und gar nicht so wenige Gläubige und Passanten nutzten die Zeit der unverhofft kurz gewordenen Schlangen vor den Sicherheitsschleusen, um dem Dom mit dem Petrusgrab und den Papstgräbern einen Besuch abzustatten.

Italien als "rote Zone" - Menschen werden nervöser

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Aber seitdem die Regierung am Montag angeordnet hat, ganz Italien in eine "rote Zone" zu verwandeln, in der jeder, der nicht gerade einkaufen, zur Arbeit fahren oder einen Arzttermin wahrnehmen muss, zu Hause zu bleiben hat, werden die Menschen nervöser. Viele Bars und Restaurants haben bereits geschlossen, obwohl sie   noch   bis 18 Uhr geöffnet bleiben können. Und wer morgens nicht auf den Cappuccino und das Hörnchen verzichten will, muss sich in den offen gebliebenen Cafés in mit Klebestreifen auf den Boden markierte Quadrate stellen, die den gebotenen Sicherheitsabstand von einem Meter garantieren. Italien rutscht in den Ausnahmezustand. In den Supermärkten wird eingekauft wie vor Weihnachten und Ostern   und ausgerechnet im Süden, wo sich die Epidemie noch nicht so breitgemacht hat, kam es zu ersten Hamsterkäufen, während die Polizei dabei ist, die entflohenen Häftlinge wieder einzufangen, die bei mehreren Revolten in italienischen Gefängnisse mit bisher elf Toten entlaufen sind.

Die Chefs der drei Oppositionsparteien, angeführt von Matteo Salvini von der "Lega" und Georgia Meloni von den "Fratelli d Italia", trafen am Dienstag mit Regierungschef Giuseppe Conte zusammen und wollten erzwingen, dass die Regierung noch drastischere Maßnahmen für ganz Italien ergreift: die Schließung aller Geschäfte, Betriebe und Büros. Conte sagte Nein. Kommt das wirtschaftliche Leben des Landes ganz zum Erliegen, rutscht Italien in die schlimmste Wirtschaftskrise seit Bestehen der Republik.

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