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Claudia Sheinbaum: Für Menschen mit sexueller Vielfalt kämpfen

Sie setzt sich für ein „Recht“ auf Abtreibung sowie für die Gender-Ideologie ein: Über die weltanschaulichen Positionen der gewählten Präsidentin Mexikos.
Mexikos Präsidentin Claudia Sheinbaum
Foto: IMAGO/Barron Luis/Eyepix/ABACA (www.imago-images.de) | Bezeichnet sich selbst als "Frau der Wissenschaft und nicht des Glaubens“: die neu gewählte mexikanische Präsidentin Claudia Sheinbaum.

Jüngst wählten die Mexikaner mit absoluter Mehrheit erstmals eine Frau an die Spitze des Landes, das mit 127 Millionen Einwohnern nach den Vereinigten Staaten und Brasilien das drittgrößte Land auf dem amerikanischen Kontinent ist. Die bevorzugte Kandidatin des bisherigen Regierungschefs Andrés Manuel López Obrador, genannt AMLO, konnte sich durchsetzen.

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Der mexikanische Soziologe Alejandro G. Motta Nicolicchia erklärt in einem Essay für die spanische Plattform „Aceprensa“ das Paradoxon, dass sich 65 Prozent der Mexikaner einen Regimewechsel wünschen und gleichzeigt eine Fortsetzung der von AMLO durchgeführten Politik gewählt haben: AMLOs Gesicht stehe noch immer für den Wandel gegenüber den traditionellen politischen Parteien, „Partei der Nationalen Aktion“ (PAN), „Partei der Institutionellen Revolution (PRI)“ und „Partei der Demokratischen Revolution (PRD)“. Zum Paradoxon gehöre, so Motta Nicolicchia, dass 60 Prozent der Mexikaner den bisherigen Präsidenten unterstützen, aber 80 Prozent sagen, dass sich Sicherheit, Familienwirtschaft, Bildung und Gesundheit nach der Regierung AMLO verschlechtert haben oder gleichgeblieben sind, denn „fünf Jahre sind nicht genug“, um den Wandel herbeizuführen.

"Frau der Wissenschaft und nicht des Glaubens“

Wer ist Claudia Sheinbaum? Geboren am 24. Juni 1962 hatte sie sich eine Namen in der Wissenschaft gemacht, bevor sie sich der Politik widmete: Die Physikerin promovierte an der renommierten US-Universität Berkeley im Bundesstaat Kalifornien. Sie hat mehr als 100 Fachartikel und zwei Bücher zu den Themen Energie, Umwelt und nachhaltige Entwicklung verfasst, und war als Autorin beziehungsweise Leitautorin an Sachstandsberichten des Weltklimarates IPCC beteiligt. Ihre politische Karriere nahm Fahrt auf, als sie 2000 als Umweltministerin in das Kabinett des damaligen Regierungschefs des Bundesdistrikts Mexiko-Stadt berufen wurde, der kein anderer als AMLO war. Im Juli 2018 wurde Sheinbaum für eine sechsjährige Amtszeit als erste Regierungschefin von Mexiko-Stadt gewählt.

Sheinbaum entstammt einer jüdischen Familie. Ihre Großeltern väterlicherseits kamen während des Zweiten Weltkriegs aus Litauen, ihre Großeltern mütterlicherseits aus Bulgarien. Ihre Eltern, die bereits in Mexiko geboren wurden und als Chemieingenieur beziehungsweise Biologin tätig waren, zogen sie nach eigenen Angaben „ohne Religion“ auf, obwohl sich Sheinbaum der jüdischen Religion „nahe fühlt“.

Mehrfach bezeichnete sich Sheinbaum selbst als „eine Frau der Wissenschaft und nicht des Glaubens“. Auf der spanischen Plattform „Religión en Libertad“ betont José María Carrera, die gewählte mexikanische Präsidentin habe ihr „Engagement für die weitere Förderung von LGBT-Rechten und einer inklusiven und vielfältigen Gesellschaft“ mehrfach bekräftigt, etwa, als sie 2021 ein „Gesundheitszentrum für Trans-Personen“ in Mexiko-Stadt eröffnete. Sie erklärte damals, dies sei ein „Raum, der die Vielfalt und die Rechte, die uns als Gesellschaft bereichern, anerkennen soll“. In den sozialen Netzwerken schrieb sie Juni 2022, dass die „Trans-Klinik“ bis zu diesem Zeitpunkt mehr als 6.000 „Bescheinigungen über die Geschlechtsidentität“ ausgestellt und über 5.000 trans und nicht-binäre Menschen kostenlos betreut habe. „Mein Traum ist es, weiterhin für Menschen mit sexueller Vielfalt zu kämpfen, wie ich es in Mexiko-Stadt getan habe“, kündigte sie als Präsidentschaftskandidatin an.

Unter den „100 Verpflichtungen“, die sie im Falle ihrer Wahl zur Präsidentin erfüllen wolle, befindet sich der „Zugang zur Gesundheit für Frauen, während ihres gesamten Lebenszyklus, insbesondere im Hinblick auf die sexuelle und reproduktive Gesundheit“ – was in den Veröffentlichungen internationaler Institutionen wie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als Chiffre für Abtreibung verwendet wird. So erklärte sie 2022, als der Oberste Gerichtshof der Vereinigten Staaten das Grundsatzurteil Roe v. Wade von 1973 aufhob, es „wäre ein Rückschlag“, wenn in den USA die Abtreibung – die sie als „Recht” bezeichnete – unter Strafe gestellt würde.

Sheinbaums Beziehung zur katholischen Kirche

Obwohl die gewählte mexikanische Präsidentin keine besondere Beziehung zur katholischen Kirche hat, zeigte sie ihre Bewunderung für Papst Franziskus, nachdem sie im Februar von ihm zu einer Privataudienz empfangen wurde: „Abgesehen davon, dass er der höchste Repräsentant der katholischen Kirche ist, der Religion der überwiegenden Mehrheit meines Volkes, habe ich tiefe Bewunderung für sein humanistisches Denken.“

Mit der mexikanischen Bischofskonferenz CEM traf sie im März zusammen, um das sogenannte „Nationale Engagement für den Frieden“ zu unterzeichnen, eine Initiative der katholischen Kirche, um die wachsende Gewalt im Land zu bekämpfen. Bei einem zweiten Treffen im April im Rahmen der 116. Vollversammlung der mexikanischen Bischofskonferenz bekundete Sheinbaum ihren „Wunsch, gute Beziehungen zu den Kirchen und insbesondere zur katholischen Kirche zu unterhalten“, mit der sie „in vielen Punkten übereinstimmt, vor allem mit dem Denken von Papst Franziskus.”

Nach der Wahl veröffentlichte die CEM eine Erklärung: Die Bischöfe beten, dass Sheinbaum „mit der Verantwortung und der Weisheit, die das Amt erfordert, und immer auf der Suche nach dem Gemeinwohl Mexiko zu besseren Horizonten führen möge, in denen die Republik gestärkt wird, die Rechtsstaatlichkeit voll gelebt wird, die Demokratie einen politischen Übergang ohne Gewalt ermöglicht, die Entwicklung und Gerechtigkeit für die gesamte Nation effektiver erreicht wird und wir vor allem eine Periode der sozialen Versöhnung im ganzen Land beginnen.“

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