Santiago

Chile: Hoffen auf Augenmaß statt kommunistischer Revolution

Der neue chilenische Präsident Gabriel Boric war einst ein radikaler Studentenführer. Nach Außen gibt er sich nun gemäßigt. Droht die Revolution?
Nach der Präsidentenwahl in Chile
Foto: Esteban Felix (AP) | Hipsterbart und Tätowierungen sind hier zwar versteckt: Aber der neue chilenische Präsident Gabriel Boric weiß sich in Szene zu setzen.

Für viele Linke rund um den Globus war es eine Art Erweckungserlebnis, was sich am vorletzten Sonntag in Chile zutrug: ein junger, dynamischer, mit dezidiert sozialistischer Rhetorik kommunizierender Politiker hatte in der Präsidentenwahl am Ende die Nase vorn. Gabriel Boric ist der umjubelte neue Star, der nicht nur im Lager der Linken Herzen erwärmt, sondern auch bei eher gemäßigten Linksliberalen bemerkenswerte Sympathien weckt. Jedenfalls mühte sich die „Süddeutsche Zeitung“ gleich nach der Wahl nach Kräften, all jenen den Wind aus den Segeln zu nehmen, die vor Boric linker Agenda warnen. „Die Welt“, so schrieb das Blatt, „muss sich keine Sorgen machen, dass Chile in eine kommunistische Diktatur abgleitet“.

In den Straßen blieb es ruhig

Tatsächlich ist es wichtig, dass es in einer polarisierten Gesellschaft wie der chilenischen, nach einem harten Wahlkampf, wie er zwischen Boric und seinem konservativen Mitbewerber José Antonio Kast geführt wurde, ruhig blieb in den Straßen der Hauptstadt Santiago. Besonders die Armen leiden unter den zur Pandemiebekämpfung verhängten Einschränkungen. Neuerliche Unruhen hätten für zusätzliche Belastungen gesorgt und das Fass in einer ohnehin aufgeheizten Atmosphäre womöglich zum Überlaufen gebracht.

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Dennoch: Die Massenkompatibilität seiner Politik muss der 35-jährige Boric erst noch unter Beweis stellen. Es dürfte nicht reichen, dass viele ihn allein wegen seines Hipsterbarts und tätowierter Arme für das Abbild eines modernen Politikers und deshalb für besonders zeitgemäß halten. Jetzt muss der frühere Studentenführer liefern, den seine Anhänger als ersten wirklich linken Präsidenten Chiles nach Ende der Militärdiktatur 1990 sehen. Einen in der Tradition seines marxistischen Vorgängers Salvador Allende, der das Land von 1970 bis 1973 regierte.

Boric, der für soziale Gerechtigkeit und Gleichberechtigung eintrat und im Wahlkampf versprach, Schluss zu machen mit dem Neoliberalismus, steht unter Zugzwang. Er muss zeigen, dass es erfolgreiche Alternativen gibt zu dem – wie immer wieder betont wurde – noch aus der Zeit der einstigen Diktatur unter General Augusto Pinochet stammenden chilenischen Kapitalismus, der es nicht geschafft habe, die Ungleichheit im Land zu beseitigen.

Mit dem gesellschaftlichen Konsens ist es vorbei

Tatsache ist, dass das chilenische Modell dem rund 4.000 Kilometer lang gestreckten Land zwischen Pazifikküste und Anden stabile Wachstumsraten und viel Wohlstand beschert hat, was Chile heute von manch anderem Staat Lateinamerikas unterscheidet. Das Land hat in den letzten 30 Jahren eine beispiellose Aufholjagd in Richtung der entwickelten Industrieländer hingelegt. Danach ist das Pro-Kopf-Einkommen der vor 50 Jahren noch bitterarmen Chilenen mit 23 300 US-Dollar im Jahr heute fast doppelt so hoch wie das der Brasilianer. Es ist die offenste Volkswirtschaft auf dem Kontinent, mit einer erfolgreichen Wirtschafts-, Geld- und Finanzpolitik, die das Land alle Krisen der letzten Jahrzehnte mehr oder weniger ohne Folgeschäden meistern ließ.

Doch seit 2019 ist es vorbei mit dem gesellschaftlichen Konsens, von dem die Wirtschaft so profitiert hatte. Das Land wurde von gewalttätigen Protesten erschüttert und stand plötzlich kurz vor einem Bürgerkrieg. Die Wut derer, die nicht vom Wachstum der letzten Jahrzehnte profitiert haben, ist bis heute geblieben. Und in der chilenischen Wirtschaft ist der Vertrauensverlust angesichts der sozialen Proteste und Forderungen bereits eingetreten: Die stabilste Ökonomie Lateinamerikas erlebt eine massive Kapitalflucht wie sonst nur das Krisenland Argentinien.

Boric profitiert von gesellschaftlichem Unmut

Boric profitiert von dem gesellschaftlichen Unmut, und das, obwohl sein konservativer Amtsvorgänger Sebastian Pinera als Pandemie-Notmaßnahme umgerechnet 14 Prozent der Wirtschaftsleistung laut Bruttoinlandsprodukt als Sozialhilfen ausgab, was die Wirtschaft durch verstärkten Konsum ordentlich ankurbelte. Boric' Positionen – kostenfreie Bildung, staatliche Rente, flächendeckende Gesundheitsversorgung und Reichensteuer – mögen in Europa als moderat erscheinen, in Lateinamerika dagegen lassen sie Befürchtungen vor einem linken Obrigkeitsstaat aufkommen – eine Sorge, die weit über Chile hinaus verbreitet ist und für eine in vielen Ländern des Kontinents prägende Polarisierung der Gesellschaft steht.

Boric scheint dies trotz aller linker Rhetorik bewusst zu sein, jedenfalls mehren sich die Anzeichen, dass er eher eine Politik mit Augenmaß verfolgen wird statt die Revolution auszurufen. Die katholische Kirche ist ein starker Anwalt einer gesellschaftlichen Integration. So hat sie immer wieder Solidarität und Gemeinwohlorientierung als Prinzipien staatlichen Handels gefordert. „Es ist widersprüchlich", so die Bischöfe in einem Hirtenbrief, „dass wir zwar ein höheres Maß an Wohlstand und Gerechtigkeit anstreben und uns danach sehnen, aber keine stabileren Szenarien durch politisches Handeln aufbauen.“

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