Chance für Mittelstand

Ein Plädoyer dafür, beruflich qualifizierte Asylbewerber nicht abzuschieben. Von Ulrich Hemel
Arbeitsplätze für Flüchtlinge
Foto: dpa | In beruflich qualifizierten Asylbewerbern sieht Ulrich Hemel eine Chance vor allem für kleine und mittelständische Unternehmen, den Fachkräftemangel zu beheben.

Es ist gut, dass aktuell eine Debatte über die Möglichkeit eines Statuswechsels für gut integrierte und fachlich qualifizierte Asylbewerber geführt wird. Diesen Weg sollte die Politik beschreiten. In einer Situation, in der der Bedarf an Fachkräften immer drängender wird, muss es Lösungen geben, die den sogenannten „Spurwechsel“ aus dem Asylverfahren hinüber in ein geregeltes Einwanderungsverfahren ermöglichen. Dazu darf der bewährte Mitarbeiter, der bereits in Deutschland ist, nicht gezwungen sein, wieder in sein Heimatland auszureisen, um von dort einen Zuwanderungsantrag zu stellen.

Für viele kleine und mittelständische Unternehmen, die fachlich qualifizierte Mitarbeiter suchen, ist die Lage zum Teil dramatisch. Unser Arbeitsmarkt kann die benötigten Kräfte alleine nicht bereitstellen, so dass wir ergänzende Lösungen brauchen. Der Spurwechsel von Asylbewerbern ist hier nur ein kleiner, aber eben doch wichtiger Teil der Lösung. Denn wenn Fachkräfte benötigt werden, geht es vor allem um deren Qualifikation. In diese Richtung geht auch das geplante Zuwanderungsgesetz. Gerade dann ist es aber sinnwidrig, gut integrierten Asylbewerbern in Lohn und Brot den Statuswechsel zu verweigern.

Denn diese Menschen haben ihre Bereitschaft und Fähigkeit zur Integration, auch durch das Erlernen der deutschen Sprache, erfolgreich bewiesen und sich ins betriebliche Geschehen integriert. Heute aber müssen solche, in betriebsinterne Abläufe gut integrierte und hoch qualifizierte Arbeitnehmer unser Land wieder verlassen, wenn in ihrer Heimat nicht länger eine Gefährdung gegeben ist. Die Möglichkeit des Statuswechsels ist da eine volkswirtschaftlich sinnvolle Lösung. Sie hilft nicht nur den auf Arbeitskräfte angewiesenen Unternehmen. Auch für die öffentliche Verwaltung wird die Integration dieser Asylbewerber und Flüchtlinge erleichtert.

Für die Menschen, die zu uns kommen, ist es wichtig, sich über die Arbeit integrieren zu können. Sie gibt ihnen die Möglichkeit, ihren Lebensunterhalt zu bestreiten, schafft Struktur über den Tag und macht stolz, weil mit ihr eine gesellschaftliche Anerkennung einhergeht. Wenn sie diesen mühsamen Weg der Integration erfolgreich gegangen sind, ist es falsch, sie abzuschieben, weil die ursprünglichen Voraussetzungen für ihren Aufenthalt entfallen sind.

Bei der Abschiebung gut in Gesellschaft und Arbeitsmarkt integrierter Flüchtlinge kommt die Politik im Übrigen in Erklärungsnot, weil dadurch die Anstrengungen zivilgesellschaftlicher Organisationen, Verbänden und Kirchengemeinden ausgehöhlt werden. Ihnen ist es schließlich zu einem großen Teil zu verdanken, dass die Integration dieser Menschen so gut gelungen ist, dass sie für ihre Arbeitgeber eine wichtige Bedeutung gewonnen haben.

Die drohende Abschiebung hier arbeitender, gut integrierter Asylbewerber belastet nicht nur die Betroffenen, sondern auch ihre deutschen Arbeitgeber und ihr gesamtes soziales Umfeld. Auch deshalb sollte denen, die aufgrund ihrer von der Wirtschaft benötigten beruflichen Fähigkeiten ohnehin als Fachkräfte hier einreisen könnten, ein Statuswechsel ermöglicht werden.

Das Risiko von Nachahmern ist dabei gering: Schließlich kann man die deutsche Sprache und die fachlichen Fähigkeiten nicht einfach so auf die Schnelle lernen. Wenn eine der Voraussetzungen des Statuswechsels beispielsweise eine Antragsstellung durch den Betrieb ist, in dem der Asylbewerber oder Flüchtling bereits beschäftigt ist, verringert auch das die Gefahr eines möglichen Missbrauchs.

Der Autor ist Vorsitzender des Bundes Katholischer Unternehmer (BKU).

Der Beitrag ist der Auftakt zu einer Pro und Contra-Debatte zu der Frage des Spurwechsels“. In der nächsten Ausgabe wird der Contra-Beitrag erscheinen.

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