Geschichte

Blick nach vorn zurück

Die Chancen, die die Auseinandersetzung  mit Geschichte den Menschen in der "Zeitenwende" bietet, sind nur dann fruchtbar, wenn die Grenzen dieser Betrachtungsweise nicht ausgeklammert werden.
Ein Blick in die Zeit
Foto: (432102657) | Ein Blick zurück in die Vergangenheit kann den Weg in die Zukunft wesentlich erleichtern.

Musst du zurückblicken, um vorwärts zu denken? Friedrich von Schlegel hat den Historiker einen "rückwärts gewandten Propheten" genannt. Gerade jetzt, in der vielbeschworenen "Zeitenwende", ist die Sehnsucht nach solchen Propheten groß. Aber kann die Geschichte diese Erwartungen einlösen? Kann man wirklich aus ihr lernen   und wenn ja, was? Wie steht es um die historische Bildung unserer Politiker, aber auch um die der Menschen insgesamt? Sechs Thesen zur Bedeutung von historischer Bildung und Geschichtsbewusstsein:

Lesen Sie auch:

1. Historische Bildung schärft den Sinn für die Bedingungen, unter denen Staaten, Kulturen und Menschen zu dem geworden sind, was sie sind. Detaillierte geschichtswissenschaftliche Kenntnisse sind dafür nicht notwendig, ja vielleicht sogar hinderlich.

Es ist banal: In Bildung steckt Bild. Damit ist schon fast alles dazu gesagt, was historische Bildung leisten kann. Der Gebildete ist in der Lage, sich ein Bild zu machen. In diesem Bild verdichten sich seine Erkenntnisse. So werden sie anschaulich. Und diese Bilder sind schnell abrufbar. Historische Bildung erhöht die Urteilsfähigkeit.
Jacob Burckhardt, der große Schweizer Gelehrte des ausgehenden 19. Jahrhunderts, der mit seinen heute noch lesenswerten "Weltgeschichtlichen Betrachtungen" die Debatte über die Bedeutung der Geschichte für das Leben der Menschen geprägt hat, merkte einmal halb im Scherz, aber eben auch halb im Ernst an, er verstehe sich als "Dilettanten". Dilettanten sind keine Profis, sondern Menschen, die sich aus Leidenschaft für ein Thema, ein bestimmtes Interessengebiet begeistern.

Historische Bildung ist für diejenigen unverzichtbar, die mit Leidenschaft einem Diktum folgen wollen, das Theodor Mommsen, ein anderer großer Historiker des 19. Jahrhunderts, in seinem Testament formuliert hat: "Ich wünschte ein Bürger zu sein." Historische Bildung schärft den politischen Sinn des Staatsbürgers. Sie versetzt ihn in den Stand, sich aktiv in die Polis einzubringen, weil er die Wirkmechanismen versteht, die sie konstituieren. Die Staatsform, die politischen Parteien und weltanschaulichen Gruppen, die Nachbarstaaten   alle diese Faktoren prägen das Leben in der Polis und jeder von ihnen hat eine eigene Geschichte. Der historisch Gebildete macht sich von allen diesen Geschichten ein Bild, sie fügen sich zusammen zu seinem Geschichtsbild.

Der Bürger, der sich in dieser Weise bilden will, ist auf Historiker angewiesen, die den historischen Stoff so aufbereiten, dass er für ihn, den Laien, verstehbar und anschaulich wird. Historische Bildung braucht also geschichtswissenschaftliche Forschung. Genauso wichtig sind Historiker, die sich nicht in den universitären Elfenbeinturm zurückziehen und in Details ihrer Forschung verlieren. Sie müssen ihren Stoff in lesbaren Synthesen präsentieren. Daran mangelt es, anders als im angelsächsischen Raum, in Deutschland. Populär schreiben zu können, ist kein Ausdruck von Unwissenschaftlichkeit. Auch hier kann Theodor Mommsen ein Vorbild sein. Er stieß zahlreiche Forschungsprojekte an, koordinierte neue Quelleneditionen, war also das, was man heute einen Wissenschaftsmanager nennen würde.

Gleichzeitig legte er mit seiner "Römischen Geschichte" ein sprachliches Kunstwerk vor, das zu seiner Zeit zu einem Bestseller wurde.

2. Historisch zu denken bedeutet, aus einer bestimmten Perspektive auf die Geschichte zu schauen: Die Frage nach dem Wie muss gleichberechtigt neben der nach dem Warum stehen.

Zeigen, wie es eigentlich gewesen ist   so umschrieb Leopold von Ranke, der Vater der modernen Geschichtsschreibung in Deutschland, die Aufgabe des Historikers. Reine Nacherzählungen des Geschehenen führen aber beim Leser noch zu keinem Bildungserlebnis. Freilich, ohne Chronologie, ohne die Darstellung der Ereignisabfolgen geht es nicht. Aber der Historiker ist eben nicht nur ein historischer Reporter, der aus seiner breiten und genauen Recherche schöpfend, das Stimmungsbild eines bestimmten Zeitabschnittes nachzeichnet. Er braucht auch den Mut zum Leitartikel. Er muss die Frage nach dem "Warum" aufrufen.

Die Auseinandersetzung mit dem historischen Stoff regt den Leser zum Denken an. Dieses Denken muss nicht zwingend zu eindeutigen Antworten führen. Im Gegenteil: Je eindeutiger die Antworten ausfallen, desto mehr Skepsis ist angebracht. Historisch zu denken heißt nicht, Patentformeln für die Lösung historischer Problemkomplexe zu entwickeln, sondern zu erkennen, dass sie existieren. Als da beispielhaft wären das Verhältnis zwischen Staat und Kirche oder auch die Frage nach den Wirkungskräften   sind es die großen Männer, die Geschichte machen oder ist es allein die soziale Struktur von Gesellschaften, die geschichtliche Abläufe bestimmt? Diese Probleme sind wie Leitmotive, die sich durch die Geschichte ziehen bis in die Gegenwart. Und so schärft auch hier das historische Denken die Sensibilität für das Leben in der Polis.

,3. Historische Bildung drückt sich nicht in Bildungsprotz aus. Sie braucht immer den Bezug zur res publica und zum Gemeinwohl, sie darf nicht zum Distinktionsmerkmal eines bestimmten Habitus entarten.

"Lernen S a bisserl Gschichte, Herr Reporter", raunzte der österreichische Bundeskanzler Bruno Kreisky Anfang der 80er Jahre einen Journalisten an. Auch sein deutscher Amtskollege Helmut Kohl nahm ständig auf "die Geschichte" Bezug. In der Zeit der deutschen Wiedervereinigung wurde die Politik des studierten Historikers oft mit dem Diktum Bismarcks in Verbindung gebracht, ein Staatsmann zeichne sich dadurch aus, dass er spüre, wenn der "Mantel der Geschichte" an ihm vorbeirausche   und dann natürlich zugreife. Dieser Politikergeneration schien es ganz selbstverständlich, dass historische Bildung eine Grundvoraussetzung für Staatskunst ist. Aber haben diese Politiker tatsächlich Clio, die Muse der Geschichte, zu ihrer Lehrmeisterin erkoren? Oder zeigt sich hier nicht vielmehr Bildungsprotz, der Stolz auf angelerntes Wissen, mit dem man Punkte machen kann?

Lesen Sie auch:

Ein aktuelles Beispiel: Wenn Annalena Baerbock im Außenministerium den Saal, der den Namen Otto von Bismarcks trägt, umbenennen lässt, drückt sich dann darin historische Unwissenheit oder eben genau das Gegenteil davon aus? Zeigt sie Ignoranz gegenüber dem Lebenswerk des Reichskanzlers oder bringt sie so nur zum Ausdruck, dass das Bismarck sche Politikverständnis heute kein Referenzpunkt mehr sein kann? Die Antwort, die man darauf geben will, hängt von eigenen politischen Grundeinstellungen ab.

Es ist letztlich eine politische Entscheidung. Wenn Politiker in ihrer Argumentation die Geschichte anführen, dann wollen sie nicht beweisen, dass sie sich auf der Höhe der historischen Forschung befinden. Es geht um Politik   und das ist legitim. Der Wähler muss selbst prüfen, ob er diesem Geschichtsbild folgen kann, ob es seiner Vorstellung von der historischen Identität des Gemeinwesens entspricht oder ob hier ein Politiker nur die geschichtspolitischen Bedürfnisse seiner Klientel befriedigen will. Die Sicht auf die Geschichte unterliegt Trends   und die sehen heute anders aus als zu Zeiten von Helmut Kohl. Dass Politiker solchen Trends folgen, ist nachvollziehbar, denn sie wollen Mehrheiten erringen. Man darf ihnen so ein Verhalten nur nicht als Ausweis von historischer Bildung durchgehen lassen.

4. Geschichtsbewusstsein ist unverzichtbar für eine souveräne Position in den identitätspolitischen Debatten der Gegenwart. Der Blick zurück darf aber nicht zu einer nostalgischen Grundhaltung führen.

Stellen wir uns einen Menschen vor, der es sich in seinem Heim behaglich eingerichtet hat. Er weiß noch ganz genau, wo er welche Möbel gekauft hat, und erinnert sich daran, wann ihm sein Vater das große Ölgemälde geschenkt hat, das seit Jahrzehnten über dem Wohnzimmer-Sofa hängt. Er fühlt sich zuhause in diesem Heim. Nach Möglichkeit soll es immer so bleiben. Kulturelle Identität kann manchmal so sein wie so ein Haus. Und Geschichtsbewusstsein trägt dazu bei, sich in diesem Sinne zuhause zu fühlen.  

Man weiß, wie das, was man so sehr liebt, zu dem geworden ist, was es ist. Der Impuls, dies alles vor Veränderungen zu schützen, wächst umso mehr, je stärker diese Identität von außen gefährdet scheint. Dies erhalten zu wollen, ist in gewissem Maß notwendig. Auf diese Weise kann aber auch der Lebensraum, der durch diese kulturelle Identität geprägt ist, zum Museum werden. Friedrich Nietzsche spricht hier von antiquarischer Geschichtsschreibung. Er stellt in seiner "Unzeitgemäßen Betrachtung" über den "Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben" fest, es sei "eine der höchsten Fragen und Sorgen in Betreff der Gesundheit eines Menschen, eines Volkes, einer Kultur , bis zu welchem Grade das Leben den Dienst der Historie überhaupt brauche". Nietzsche mahnt, "bei einem gewissen Übermaß" an geschichtlicher Zuwendung "zerbröckelt und entartet das Leben". Diese Mahnung gilt heute noch.

Lesen Sie auch:

5. Historische Bildung schützt vor den Gefahren, die durch die ideologische Instrumentalisierung von geschichtsphilosophischen und geschichtspolitischen Entwürfen drohen. Sie hält aber auch dazu an, über eigene, oft unbewusste geschichtsphilosophische und geschichtspolitische Prägungen zu reflektieren.

Die Auseinandersetzung mit Geschichte hat immer auch eine politische und philosophische Dimension. Historische Bildung soll einen kritischen Umgang mit Geschichtsbildern ermöglichen. Deswegen ist es wichtig, diese politischen und philosophischen Ebenen identifizieren zu können. Die Grundfrage lautet: Welche politischen Ziele, welche philosophische Haltung, welches Menschenbild sollen über ein bestimmtes Geschichtsbild vermittelt werden? Nur so kann man sich davor schützen, einer Instrumentalisierung der Geschichte für ideologische Zwecke auf den Leim zu gehen. Wer so fragt, muss bereit sein, darüber zu reflektieren, inwieweit sein eigenes Geschichtsbild durch solche politischen und philosophischen Vorannahmen geprägt ist. Hier gilt: Gefahr erkannt, Gefahr gebannt.

6. Die Auseinandersetzung mit Geschichte schult analytische Fähigkeiten und schärft den Blick für überzeitliche anthropologische Konstanten.

Was ist der Mensch? Die Geschichte gibt auf diese Frage keine endgültige Antwort. Wer sich mit Geschichte beschäftigt, kann aber eine Sensibilität dafür entwickeln, was im Leben des Menschen zeitlich bedingt ist und was nicht. Der Mensch ist das Wesen, das Geschichte hat und das sich dieser Geschichte bewusst ist. Die Aufgabe, diese Grundbedingung menschlicher Existenz zu kultivieren, hat sich dem Menschen zu allen Zeiten gestellt, ihr kann er auch in der Gegenwart nicht entfliehen.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Sebastian Sasse Bruno Kreisky Friedrich Nietzsche Friedrich Schlegel Helmut Kohl Leopold von Ranke Otto von Bismarck Theodor Mommsen

Weitere Artikel

Seit einem Jahr ist Olaf Scholz Bundeskanzler. An ihm zeigt sich ein Grundproblem der Politik: Der Gestaltungsspielraum wird immer enger.
09.12.2022, 18 Uhr
Sebastian Sasse
Die Europäische Union wagt sich an eines der heißesten Eisen des Balkan: Die EU-Annäherung Bosnien-Herzegowinas wird jetzt zur strategischen Dringlichkeit.
29.12.2022, 17 Uhr
Stephan Baier

Kirche

Kirchenführung durch Interviews wahrzunehmen, halte er für äußerst fragwürdig, so der DBK-Vorsitzende. Am „Synodalen Ausschuss“ will er weiter festhalten.
27.01.2023, 15 Uhr
In der EU zeigt sich ein besorgniserregender Trend: Religionsfreiheit wird mehr und mehr auf Gewissens- und Meinungsfreiheit reduziert.
28.01.2023, 11 Uhr
Stephan Baier